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Podium

26.01.2016

Versteh einer die Erwachsenen!

Höchststrafe für Polleke (Sidonie von Krosigk, Mitte): Ihre Mutter (Susanne Weckerle, rechts) hat sich in ihren Lehrer Walter (Florian Stern) verliebt.
Bild: Martin Kaufhold

Die Mutter verliebt, der Vater ein Wrack – doch Mitschüler Mimun ist einfach süß: „Wir alle für immer zusammen“ zeigt mit Charme und Humor die Welt einer Elfjährigen

Ihre Grabinschrift hat die Heldin von „Wir alle für immer zusammen“ schon fertig: „Hier ruht Polleke, Dichterin, im Alter von elf Jahren gestorben an ihrer eigenen Blödheit.“ Aber keine Sorge: Auch am Ende ist Polleke noch quicklebendig. Und die Zuschauer, gleich welchen Alters, gehen mit einem warmen Gefühl nach Hause: Mit seiner neuen Produktion im Podium ist dem Theater Ulm ein Stück gelungen, das die Welt eines Kindes zeigt und doch nie selbst kindisch ist, sondern charmant und voller Humor.

Die Vorlage von „Wir alle für immer zusammen“, 2002 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet, ist der erste von fünf Romanen, die der Niederländer Guus Kuijer über das Mädchen Polleke schrieb. Und das hat es nicht leicht: Ihre Eltern sind seit Jahren getrennt, doch während die Mutter sich liebevoll um sie kümmert, entgleitet ihrem Vater Spiek, der sich selbst Dichter nennt, aber in Wirklichkeit einfach nur ständig dicht ist, sein Leben immer mehr. Als ob das nicht schon kompliziert genug wäre, verliebt sich die Mama auch noch in Pollekes Lehrer Walter – und ihr Mitschüler Mimun will plötzlich nicht mehr mit ihr gehen, weil seine Eltern schon ein marokkanisches Mädchen für ihn ausgesucht haben.

Es stecken etliche Themen drin in „Wir alle für immer zusammen“, das für Zuschauer ab zehn Jahren geeignet ist: Patchwork-Familie, kulturelle Unterschiede, Glaube, erste Liebe, Suchtproblematik, sogar sexuelle Vielfalt. Für die meisten Elfjährigen kommt es nicht so knüppeldick wie für Polleke. Doch die Inszenierung von Maike Krause ächzt nicht unter der pädagogischen Last, sondern kommt wunderbar leicht daher. Das beginnt schon beim Bühnenbild von Mona Hapke, das den Namen „Polleke“ zeigt, wobei die einzelnen Buchstaben im Laufe des Stücks für immer neue Verwendungen herhalten müssen: Ein L ist ein Schrank, in dem man sich verstecken kann, das K ist die Tafel im Klassenzimmer und das O, ein großer Traktorreifen, eignet sich als Spielgerät. Und natürlich lassen sich aus den Buchstaben noch einige andere Wörter bilden, was für einige Lacher gut ist: Als die Mutter mit dem Lehrer turtelt, schieben Polleke und ihre beste Freundin würgend das Wort „Ekel“ zusammen.

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Das alles würde nicht funktionieren ohne eine passende Hauptdarstellerin: Sidonie von Krosigk gibt die selbst ernannte Dichterin so einfühlsam und trotzig, dass man sie sofort ins Herz schließt – optisch nimmt man ihr dank Zöpfen, Ringelshirt und Latzhose die Elfjährige ohnehin sofort ab. Die restlichen zwölf Rollen teilen sich vier weitere Darsteller auf, die allesamt eine starke Leistung zeigen. Wobei Christian Streit (als Mitschüler Mimun, Junkie-Papa und Landwirt-Opa) und Julia Baukus (als beste Freundin Caro, Oma und Mimuns Mutter) die verrücktesten Verwandlungen durchmachen. Florian Stern (als Lehrer Walter) liefert mit einem spackigen Kopfhörer-Tanz einen Beweis seiner Slapstick-Fähigkeiten. Und Susanne Weckerle ist eine Mama, wie man sie sich nicht besser wünschen kann.

Natürlich ist Polleke am Schluss des Stückes nicht blöder, sondern erwachsener und klüger geworden. Ein plumpes Happy End gibt es zwar nicht, aber die Hoffnung darauf, dass das Leben zu meistern ist – für eine Dichterseele wie Polleke, vielleicht auch für ihren Vater. „Love“ ist vor dem Schlussapplaus auf der Bühne zu lesen. Kann man so stehen lassen.

Aufführungen – darunter auch Schulvorstellungen – am 3., 9., 18. und 26. Februar. Weitere folgen bis Anfang April. Karten gibt es an der Theaterkasse, Telefon 0731/161-4444, E-Mail theaterkasse@ulm.de, bei Traffiti im Service-Center Neue Mitte, sowie online unter theater.ulm.de/karten.

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