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Neu-Ulm

16.12.2018

Verstoß gegen den königlichen Plan

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Heute prangt die Büste des Neu-Ulmer Stadtgründers Karl-Ernst von Gravenreuth auf dem gleichnamigen Platz in der Innenstadt. Früher war das das „Kaiserplätzle“.
Bild: Gerrit-R. Ranft

Das Wohnhaus Maximilianstraße 38 ist der Blickfang auf dem einstigen „Kaiserplätzle“. Maurermeister Paul Frank hielt sich dabei nicht immer an Vorgaben.

Zwischen April und September 2019 feiert Neu-Ulm sein Jubiläum „150 Jahre Stadterhebung“. Die Neu-Ulmer Zeitung, die nächstes Jahr 70 wird, tut in den kommenden Monaten ein paar Blicke in die Vergangenheit der Kommune, in ihre Gegenwart und – so weit möglich – in die Zukunft. Heute: Das Kaiserplätzle.

Zwar ist nach dem Umbau der Einmündung der Wilhelm- in die Maximilianstraße der volkstümliche Name „Kaiserplätzle“ für den seither verkehrsberuhigten Bereich nicht übernommen worden. Stattdessen prägt jetzt die Büste des Neu-Ulmer „Stadtgründers“ Karl-Ernst von Gravenreuth die Anlage. Nach wie vor aber bildet das schon 1977 unter Denkmalschutz gestellte Wohnhaus Maximilianstraße 38 den Blickfang am einstigen Kaiserplätzle.

Ulms früherer Stadtbildpfleger Hellmuth Pflüger, der sich immer auch für Neu-Ulm zuständig gefühlt hatte, bezeichnete das 1897 vom damals viel beschäftigten Neu-Ulmer Maurermeister Paul Frank geplante und errichtete Bauwerk einmal als „eins der schönsten Beispiele für die Architektur der Neurenaissance in städtebaulich dominanter Lage und wohl das feinste Neu-Ulmer Beispiel dieser Stilepoche“. Das Haus zeige Frank auf der Höhe der Formbeherrschung dieser europäischen Stilepoche, indem er sich „sehr detailfein des dafür besonders geeigneten ganz feinkörnigen gelbgrauen Sandsteins bediente“. Aus ihm formte er Fenstereinfassungen und Gesimse, vor allem aber den ursprünglich zweigeschossigen Eckerker. Bemerkenswert sei auch, wie Baumeister Frank stärkere Farbgegensätze vermieden habe, indem er hell gelbgraue Verblenderbacksteine verwendete, die mit dem Natursandstein wunderbar harmonierten. Nur der kräftig modellierte Sockel sei mit zwei Streifen Rotsandstein aufgelockert worden.

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Baumeister Paul Frank hielt sich nicht immer an den vom König aufgestellten Stadtbauplan

Schon gut zwanzig Jahre zuvor hatte Baumeister Frank die benachbarten Häuser Maximilianstraße 32, 34 und 40 errichtet. Gebaut hat er in den Jahren 1876 bis 1904 auch an Augsburger, Bahnhof- und Gartenstraße, auf der Insel, an Johannis-, Keppler-, Schützen-, Steg-, Wall- und Wilhelmstraße. Vielfach verstieß Frank wohl bewusst mit seinem Baustil gegen den 1845 von König Ludwig I. aufgestellten Stadtbauplan. Der sah grundsätzlich rechteckige Gebäudeblöcke mit längs den Straßen lückenlos geschlossenen Zeilen gleich hoher Bauwerke vor. „Gerade auch der Eckerker an Maximilianstraße 38 ist ein Novum,“ stellte Pflüger fest, „das im König-Ludwig-Plan unstatthaft war“.

Mit dem eleganten Baustil an Maximilianstraße 38 verfolgte Frank, der das Haus nie selbst bewohnt hat, eindeutig eine bestimmte Absicht. Auf dem seinem Neubau gegenüberliegenden Areal hatte das Königreich Bayern zwischen 1860 und 1866 die Maximilian- und Friedenskaserne errichten lassen. Der Haupteingang mit seinem von einer 120 Zentimeter hohen Büste König Maximilians II. gekrönten Torbogen öffnete sich zum Frank-Bau hin. Da lag der Gedanke nahe, das Offizierkorps des Infanterieregiments 12 als künftigen Untermieter ins Auge zu fassen.

Das Wohnhaus Maximilianstraße 38 wurde im Bombenhagel zerstört

Tatsächlich waren die Wohnungen im ersten und zweiten Obergeschoss des Gebäudes bis zum Ende des Ersten Weltkriegs im Jahr 1918 und der nachfolgenden Auflösung des Regiments von Offizieren bewohnt. Eine Nische im Flur gleich nach dem Hauseingang kündet bis heute von dieser Zeit. In ihr stand jeweils ein Militärposten Wache. Dort hält eine Erinnerungstafel Einzelheiten fest.

Das Wohnhaus hat am Ende des Zweiten Weltkriegs viel von seinem ursprünglichen architektonischen Charme eingebüßt. Im Bombenhagel Anfang März 1945 wurde es bis auf die Umfassungsmauern zerstört und brannte im Innern völlig aus. Neu-Ulms Baumeister Josef Ruhland erwarb die Ruine im Jahr 1947. Er bemühte sich, dem Bauwerk so weit möglich, seine ursprüngliche Form zurückzugeben. Auf die zierlichen Dachgauben und den Zwerchgiebel verzichtete er allerdings. Von dem markanten, das Bauwerk auszeichnenden Eckerker ließ sich nur das untere Stockwerk retten. Ruhlands Erben, an die das Haus 1985 fiel, ließen zwischen 1994 und 1996 mit hohem Aufwand die Fassaden restaurieren. Ausgeführt wurden die Arbeiten von der traditionsreichen Bauhütte der Nördlinger Georgskirche. Die Kosten trug Ruhlands Schwiegersohn Max Weininger. Zuschüsse kamen von der Stadt Neu-Ulm und vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Zeitweilige Überlegungen, die vom Edwin Scharff Museum aufbewahrte Büste König Maximilians im Zuge des Platzumbaus im Vorgarten Maximilianstraße 38 aufzustellen, zerschlugen sich.

Das vom Volksmund einst so bezeichnete „Kaiserplätzle“ hatte seinen Namen übrigens nicht nach dem deutschen Hochadel. Er bezog sich auf die frühere Tuchhandlung Kaiser, die im Haus Maximilianstraße 34 eingerichtet war – heute eine Textilreinigung. Der neue Name Karl-Ernst-von-Gravenreuth-Platz ist allerdings noch nicht im Stadtvolk angekommen. Kann er auch kaum, wird die Platzmitte doch vom Namen „Wilhelmstraße“ beherrscht.

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