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Ulm

24.01.2019

Vesperkirche: Essen gegen die Einsamkeit

Pfarrer Peter Heiter beim Tische decken in der Pauluskirche. Der Geistliche ist für die Vesperkirche verantwortlich, die am heutigen Donnerstag beginnt.
Bild: Alexander Kaya

Die Vesperkirche wird offener, ökumenischer und will eine politische Botschaft aussenden. Der neue Pfarrer Peter Heiter hat sich auf für die Zukunft viel vorgenommen.

Die Ulmer Vesperkirche verändert sich. Nicht nur, weil sie von einem neuen Pfarrer mitorganisiert und seelsorgerisch betreut wird. Die Vesperkirche wird ökumenisch. Und sie wird politischer. Die Botschaft des sozialen Projekts soll deutlicher nach außen dringen: Es gibt auch hier Menschen, die arm sind und die Hilfe benötigen.

Seit Mai vergangenen Jahres ist Peter Heiter neuer Pfarrer der evangelischen Paulusgemeinde in Ulm und damit für die Vesperkirche zuständig. Ab heute, 24. Januar, bis Mittwoch, 20. Februar, werden in der Pauluskirche an der Frauenstraße warme Mahlzeiten ausgeschenkt. Wer bedürftig ist, bezahlt 1,50 Euro. Wer es sich leisten kann, gibt fünf Euro. Billig wirken soll das Angebot nicht. Die Vesperkirche setzt auf eine edle und feierliche Atmosphäre: Tischdecken, Kerzen, weißes Geschirr. Zudem gibt es Hilfe und Hilfsangebote an Ständen unter den Arkaden der Kirche. Einen kostenlosen Friseur zum Beispiel.

Ulmer Vesperkirche: Peter Heiter ist der neue Pfarrer

Peter Heiter könnte das neue Gesicht der Vesperkirche werden – so wie es sein Vorgänger Rolf Engelhardt, der 18 Jahre lang Pfarrer der Paulusgemeinde war. Doch der Pfarrer sagt: „Das Gesicht der Vesperkirche ist auch der arme Mensch, der da sitzt.“ Wie Engelhardt will Heiter jeden Tag präsent sein. Doch anders als sein Vorgänger wird er nicht jede Andacht selbst halten. Das „Wort für den Weg“, mit dem die Besucher immer um 15.30 Uhr verabschiedet werden, sprechen 25 verschiedene Geistliche. Die meisten von ihnen sind evangelisch. Doch auch katholische Pfarrer und ein methodistischer Pastor übernehmen bei der 24. Auflage der Vesperkirche diese Aufgabe. Der jeweilige Geistliche, der Ansprechpartner für den Tag ist, soll an einem lilafarbenen Schal und einem Button erkennbar sein.

Weniger Aufwand bedeutet die Umstellung nicht. „Es war wegen der Organisation eher mehr Arbeit“, berichtet Heiter. Doch durch den Schritt solle deutlich werden, was vorher schon galt: Die Vesperkirche ist nicht nur für die Paulusgemeinde da, sondern für alle. Kommen sollen nicht nur Bedürftige. Wer den vollen Preis bezahlt, hilft, das jährliche Defizit auszugleichen. Pfarrer Heiter ist sich indes sicher, dass die Vesperkirche nicht nur finanziell armen hilft. Er sieht in der Einsamkeit eine Form der Armut, die häufiger geworden ist. Die Vesperkirche soll auch auf dieses Problem eine Antwort bieten.

Ulm: Die Vesperkirche wird offener, politischer und ökumenisch

Helfen soll sie nicht nur in den vier kalten Winterwochen. Die Organisatoren haben auch deshalb einen Platz für die christlichen Wohlfahrtsverbände geschaffen. Am Tisch von Diakonie und Caritas liegen Taschentücher und Feuerzeuge aus – ein Anreiz, dort vorbeizuschauen. Am Stand gibt es Hilfsangebote. Mal ist es juristische Beratung, die es sofort gibt. Fast immer sind es Hinweise, wo Hilfesuchende weitere Unterstützung bekommen. Bei der Schuldnerberatung zum Beispiel. „Die Vesperkirche soll kein Strohfeuer sein“, sagt Peter Heiter. Er hofft, dass Probleme durch dauerhaften Kontakt gelöst werden – und bringt ein Beispiel aus seinem Alltag im Pfarrhaus: „Hier an der Tür klingelt oft jemand und sagt: Geben Sie mir 50 Euro. Ich könnte das tun. Aber dann kommt derjenige in zwei Wochen wieder.“

Heiter träumt von einer „Vesperkirche plus“, einem Angebot, dass es nicht nur im Januar und Februar gibt. Dauerhafte Kontakte, dauerhafte Unterstützung. Vielleicht sogar ein Besuchsdienst, gerne auch ökumenisch. Aber das ist Zukunftsmusik. Andere große Pläne sind konkreter. Im kommenden Jahr besteht die Vesperkirche seit einem Vierteljahrhundert. Gemeinsam mit dem Ulmer Museum Brot und Kunst, das bis vor Kurzem noch Museum der Brotkultur hieß, haben die Macher eine Ausstellung konzipiert, die 2020 in der Sparkasse Neue Mitte zu sehen sein wird. Ein Fotograf fertigt in diesem Jahr Bilder dafür an. Das Projekt war umstritten. Denn das Geld der Vesperkirche soll für Essen ausgegeben werden, nicht für eine Ausstellung. Pfarrer Heiter tat einen diakonischen Fonds auf, um die Ausstellung dennoch möglich zu machen. Und eine Diskussion drehte sich um die Frage, ob eine Bank der richtige Ort ist, um die Bilder zu zeigen. Pfarrer Heiter findet: „Das ist genau der richtige Ort. Wir tragen die Armut dahin, wo die Gesellschaft ist und wo es um Geld geht.“

Gast bei den Ulmer Denkanstößen

Schon im März diesen Jahres wird die Vesperkirche außerhalb des Gotteshauses präsent sein: Bei den Ulmer Denkanstößen, deren Jahresmotto „Einsamkeit“ heißt. Wieder ein Projekt, das viel Aufwand bereitet. Aufwand, der für Pfarrer Heiter nicht weniger wird: Ende des Jahres geht sein Amtskollege Adelbert Schloz-Dürr in den Ruhestand, die Pfarrstelle wird nicht nachbesetzt. „Es kommen noch mehr Gemeindemitglieder und zwei, drei neue Aufgaben auf mich zu“, sagt Peter Heiter. An einer Sache soll sich dennoch nichts ändern: Die Vesperkirche bleibt. „Sie hat mich dazu gebracht, mich auf die Stelle zu bewerben.“

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