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Podium

20.11.2017

Viele Lebenslügen und ein Baby

Die anfangs fröhliche Runde wird bei „Der Vorname“ mit der Zeit mehr und mehr entzweit.
Bild: Jean-Marc Turmes

Freunde und Familie entzweien sich beim Stück „Der Vorname“ immer mehr – zur Freude des Publikums

Pierre und Elisabeth laden zu einem marokkanischen Abendessen. Vincent, Elisabeths Bruder und ein wohlhabender Immobilienmakler, verrät, dass sein erstes Kind in einigen Monaten geboren werden soll. Während man stilvoll vor dem niedrigen Tisch am Boden kniet und mit den Händen arabische Spezialitäten isst, diskutiert man über den Vornamen des künftigen Erdenbürgers. Denn Vincents Frau Anna, auf die am Esstisch noch gewartet wird, ist mit einem Sohn schwanger, verrät der stolze werdende Vater, der Ultraschallbilder auf dem Handy präsentiert. Was dann in Matthieu Delaportes und Alexandre de la Patellières Gesellschaftskomödie geschieht, amüsiert das Premierenpublikum im Podium des Theaters Ulm 90 Minuten lang köstlich. Es wird angesichts der fünf authentisch agierenden Schauspieler und der gnadenlos unter dem Teppich hervorgekehrten Peinlichkeiten und Lebenslügen gekichert und gelacht.

Wie soll der Kleine denn heißen? Vincent sticht der Hafer. „Adolphe“, sagt er, und begründet die Entscheidung mit dem romantischen Helden aus Benjamin Constants gleichnamigen Roman. Den Essenden gefrieren die Gesichtszüge. Der habilitierte Kulturmarxist Pierre (Timo Ben Schöfer) erhebt sich zu einem kategorischen Imperativ à la Kant und erklärt diese Namenswahl zu einem faschistischen Akt.

Vincent (Fabian Gröver) kontert scharfzüngig und mit Lust am Streit: „Adolphe hieß schon vor Adolf Adolphe.“ Hitler wurde nicht Hitler, weil er Adolf hieß. Argumentiere man so, sagt Vincent, verbiete sich ein großer Teil der gebräuchlichen Vornamen.

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Weil man so schön im Echauffieren ist, greifen die Freunde und Geschwister ganz tief ins Museum all dessen, womit man einander verletzen kann. Vincent und Anna fanden die Vornamen der Kinder von Pierre und Elisabeth – Athena und Adonas – schon immer doof. Kann man Eltern tiefer kränken? Die unterschiedlichen Gehaltsklassen des linken Literaturprofessors Pierre und des kapitalistisch orientierten Vincent eignen sich großartig, einander mit dem Florett der Worte Verletzungen beizubringen. Spottet Vincent, dass Pierre seine Arroganz am Revers trägt, schlägt der zurück und findet es besonders perfide, dass der saloppere Vincent selbige quasi im Innenfutter versteckt.

Der Moment ist gekommen, an dem Elisabeth (Aglaja Stadelmann) zuschlägt – gegen den immer von den Eltern bevorzugten Bruder Vincent, gegen den Ehemann Pierre, der seinen beruflichen Ehrgeiz an ihrer vorbereiteten Dissertation befriedigte und sie mit der Erziehung der Kinder allein ließ. Uralte, unterdrückte, unberechenbare Neidgefühle toben sich aus. Elisabeth überlässt sich den Armen von Claude, dem Kindheitsfreund. Claude (Stefan Maaß), Schweizer, ein sensibler und freundlicher Musiker, sympathisch und im Streit neutral. Claude, den die beiden anderen Männer hinter vorgehaltener Hand als schwul belästern.

Claude ist tief getroffen. Seit Jahren verbirgt er seine Liebe zu einer Frau vor seinen Freunden: Francoise, seine Partnerin, ist die Mutter von Elisabeth und Vincent; im Fall einer Heirat würde Claude praktisch zum Schwiegervater seiner Freunde. Claude outet sich. Einzig Anna (Tini Prüfert), Vincents Frau, wusste bislang von dem Geheimnis, weil sie das Paar zufällig überrascht hatte. Die Gefühle rasen: „Der schläft mit Mama!“, wütet Pierre. Elisabeth fühlt sich hintergangen.

Nichts bleibt heil an diesem von Oliver Endreß’ inszenierten Abend. Die Einrichtung von Pierre und Elisabeth nicht, Claudes Nase nicht, und schon gar nicht die Gefühle. Ein Happy End gibt es trotzdem über dem neugeborenen Kind, an dessen Wiege sich alle vereinen. Es ist ein Mädchen. Und es wird den Vornamen seiner Großmutter Francoise tragen.

Weitere Aufführungen am 24. November sowie am 2., 13., 26. und 28. Dezember.

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