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06.02.2015

Vom Gasthaus ins Rathaus

Ein Blick in das Buch „125 Jahre SPD in Ulm“ das im Verlag Klemm + Oelschläger erschienen ist. Willy Brandts Besuchen in Ulm ist ein eigens Kapitel gewidmet. Zum ersten Mal schnupperte der spätere Bundeskanzler 1961 Ulmer Luft. Sein letzter Besuch war 1988.
Bild: Alexander Kaya

Vor 125 Jahren wurde unter widrigen Umständen in Ulm der Vorgänger der SPD gegründet. Seit 1991 stellt die Partei das Stadtoberhaupt. Ein Blick zurück auf bewegte Zeiten

Chili con carne und Tortillas werden heute in der Ulmer Deinselsgasse im „Peppers“ serviert. Nichts erinnert an das Gasthaus „Goldene Leyer“, das einst in diesem Gässchen unweit des „Museums für Brotkultur“ stand und in dem Historisches geschah: Vor 125 Jahren begann hier das Herz der Ulmer SPD zu schlagen. Vermutlich am 20. Februar 1890 – die Quellenlage ist hier unsicher – beschloss eine Wahlversammlung die Gründung eines „sozialdemokratischen Volksvereins“. Robert Dick hieß der erste Vorsitzende und sein Ausspruch der ersten Stunde überstand die Zeit: „Revolution, aber mit Mäßigung“ – stand vor 25 Jahren auf der Festschrift zum 100. Geburtstag der Sozialdemokratie in Ulm.

Ende des 19. Jahrhunderts war Sozialdemokratie noch ein gewagtes Unterfangen: Denn es galt das Sozialistengesetz, ein Regelwerk gegen die „gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, das einem Parteiverbot gleich kam. Nach dem Fall dieses Gesetzes im November 1890 nannte sich der Verein um in „Sozialdemokratischer Verein Ulm-Söflingen“ und zählte bald 140 Mitglieder.

Gut 125 Jahre später hat die SPD Ulm in ihren vier Ortsvereinen 350 Mitglieder und erinnert heute mit einem Festakt an eine bewegte Geschichte der Partei, die tief verwurzelt in einer Stadtgesellschaft ist, die einer der berühmtesten Sozialdemokraten einst zum Vorbild erhob: „Die Ulmer Schwörformel sollte sich jeder Bürger, der in Stadt, Land oder Bund politische Verantwortung trägt, zum Leitmotiv eines Redens und Handelns machen“, sagte Willy Brandt, als er 1964 vor 20000 Menschen auf dem Ulmer Weinhof auftrat.

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Noch heute ist der Name des damaligen SPD-Bundesvorsitzenden und späteren Kanzlers tagtäglich in Ulm präsent: 1993 wurde der Berliner Platz in Willy-Brandt-Platz umbenannt.

Ein Umbenennung als Signal an eine Partei, die in ihrer Gründungszeit sowie in Hitler-Deutschland auf das Heftigste verfolgt und denunziert wurde. Im März 1933 fand auf dem Weinhof – just auf jenem Platz, auf dem über 30 Jahre später Willy Brandt sprechen sollte – die vorerst letzte Demonstration Ulmer Sozialdemokraten gegen den Faschismus statt. Ein paar Tage später nahm die „Gleichschaltung“ ihren Lauf, das Ulmer Rathaus wurde von Nazis besetzt bevor im Juni 1933 die SPD im „Deutschen Reich“ komplett verboten wurde. Die Ulmer Sozialdemokraten gaben nicht auf: Druckschrften wurde aus der Schweiz nach Ulm geschmuggelt und im Kohlenkeller versteckt.

Es gab Verhaftungen und Todesurteile, ein Ulmer „Genosse“ beging im Gefängnis Selbstmord, wie dem jetzt erschienen Band „125 Jahre SPD in Ulm“ zu entnehmen ist. 1942 wurde Robert Scholl wegen kritischer Äußerungen über Adolf Hitler, den er als „Geißel Gottes“ bezeichnet hatte, zu vier Monaten Gefängnis verurteilt und mit einem Berufsverbot belegt. Seine Kinder gingen als Gründer der studentischen Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“ in die Geschichte ein.

Der Willen, politisch zu gestalten überlebte beim Wirtschaftsprüfer sogar die grausame Hinrichtung von Hans und Sophie Scholl. Nach dem Krieg wurde Robert Scholl zur Stunde null Oberbürgermeister der Stadt. Ausgrenzung, Verbot und der Wiederaufbau demokratischer Strukturen – „Keine andere Partei kann auf eine solche Geschichte zurückblicken“, sagt Ulms Oberbürgermeister im Vorwort zur Jubiläumsschrift. Wohlwissend, dass er längst ein Teil der Ulmer SPD-Historie ist. 1991 wurde Gönner Stadtoberhaupt und ist es bis heute. Die SPD-Größen waren (fast) alle da: Willy Brandt mindestens elf Mal und Gerhard Schröder lockte 2002 über 11000 Menschen auf den Münsterplatz. Nur Helmut Schmidt ließ sich nicht in Ulm blicken. Zumindest kann sich selbst der SPD-Kreisvorsitzende Martin Rivoir nicht an einen Besuch des Hanseaten erinnern.

Von Gerd bis Sigmar: Der Ulmer Vorzeige Sozialdemokrat Gönner kennt alle Granden der SPD. Trotzdem – oder vielleicht auch deswegen – widerstand er sämtlichen Verlockungen seiner Partei, auf Landes- oder gar Bundesebene auf entscheidender Position mitzumischen. Sein „Chef“ im Kreisverband nicht: Martin Rivoir sitzt im Landtag und wird wohl auch für die kommende Wahlperiode kandidieren. Aber mit stetem Blick gen Ulm: Nicht wenige behaupten, er könnte eines Tages der nächste sozialdemokratische Rathauschef werden.

Der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel sagte sein Erscheinen zwar kurzfristig ab, dafür werden Nils Schmid (Vize-Ministerpräsident), Claus Schmiedel (Vorsitzender der SPD-Fraktion im Landtag) und der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner zur Jubiläumsfeier am Freitag im Studio der Sparkasse sprechen. Vorgestellt wird auch das 300-Seiten-Werk „125 Jahre SPD in Ulm“.

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