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Ulm

23.11.2015

Vom Luftschloss im Hinterhof

Lassen die Fetzen fliegen: Aglaja Stadelmann und Dan Glazer.
Bild: Kaufhold

Tennessee Williams „Glasmenagerie“ überzeugt im Podium des Ulmer Theaters

Von oben nach unten kreuzen sich die Fluchtwege dieser spielfreudigen Präzisions-Inszenierung Karin Drechsels, deren Kommunikationssysteme durch Vergangenheit und Gegenwart von Bühnenbildnerin Mona Hapke in einer Videoleinwand gespiegelt werden. Hier illustrieren gesellschaftliche Knotenpunkte, Familiendokumentation, Seefahrerträume und Märchenmythos das emotionsgeladene „Spiel der Erinnerung“ auf der Podiumsbühne, das letztendlich einen psychologischen Umbruch aus sozialer Verkrustung signalisiert - und sich im Scheitern dennoch öffnet.

Die Wingfields leben in ihrer Backstreet-Klause wie in einer aufgezwungenen Fluchtburg zusammen. Amanda, die von ihrem Mann verlassene Ex-Südstaatenschönheit, träumt von besseren Zeiten und treibt ihren Sohn „Shakespeare“ Tom zum Geldverdienen als Lagerarbeiter an. Dessen Schwester Laura ist vom College geflogen und hat sich zu Hause in ihre Glastiersammlung mit Einhorn verkrochen. Mit dem Besuch von Toms Arbeitskollege Jim, der als designierter Radiotechniker seinen amerikanischen Traum auch mit Rhetorik-Seminaren vorantreibt, verspricht sich Amanda für ihre Tochter den Mann und den gesellschaftlichen Aufstieg für die ganze Familie.

„Laura, schau in den Mond“. „Was soll ich?“ „Dir was wünschen“. Doch die (unmerklich) gehbehinderte Tochter, die den Stress der Wirtschaftsschule nicht ertragen hat, verpuppt sich mit der fragilen Welt aus Glas auch in die alten Schallplattenträume ihres Vaters. Als Tom und Jim klingeln, rastet sie aus. Ihr Rendezvous bei Stromausfall flackert im Schein der Taschenlampen wie ein Schattenriss aus alten Zeiten. Jim zerbricht versehentlich Lauras geliebtes Fabelwesen aus Glas. Sie verzeiht ihm, der sie zur Selbstverwirklichung ermuntert. Und ihr die peinliche Wahrheit offenbart, dass er sich bei einer Mondscheinfahrt unsterblich in Betty verliebt hat. Laura stiert ins Leere. Doch sie schenkt ihm das hornlose Bruchstück als Andenken. Die blonde Amanda schnappt in ihrem bonbonfarbenen West-Virginia-Revuekleid nach Luft. Mutter und Tochter werden zu Erinnerungs-Figurinen der Video-Projektion. „Country Road“: Tom macht es seinem Vater nach. Er verduftet, taucht aber wieder auf. Doch nur, um den ganzen Spuk in Luft aufzulösen: „Hallo und Tschüss“.

Dieser 65 Jahre alte Familiendrama-Klassiker wird im Podium als empfindsamer wie amüsanter und aufgewühlter Durchlauf serviert. Im Mutter-Sohn-Konflikt von Amanda und Tom lassen Aglaja Stadelmann und Dan Glazer die Fetzen fliegen und die Streicheleinheiten knistern. Florian Stern mimt den Kaugummi kauenden Erfolgsmenschen Jim O’Connor nicht draufgängerisch, sondern cool und glaubhaft einfühlsam. Und Sidonie von Krosigk spielt die in weltfernem Dasein versunkene Laura als tragische Gestalt elektrisierend autistisch: prasselnder Beifall.

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