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Weißenhorn

14.08.2019

Von aufständischen Bauern und französischen Kriegsgefangenen

Französische Botschaften an einer Wand im Unteren Tor. Dort waren Franzosen im Ersten Weltkrieg als Gefangene eingesperrt.
Bild: Ralph Manhalter

Die Weißenhorner Stadttore haben einiges aus ihrer Vergangenheit zu berichten. Man muss dazu bei den drei alten Gebäuden nur aufmerksam hinsehen.

In Großbuchstaben ist an der Wand zu lesen: „Toi Français, c´est un honneur d´être en prison“. Eingeritzt vor gut 100 Jahren, als im Ersten Weltkrieg französische Kriegsgefangene im Obergeschoss des Unteren Tores in Weißenhorn weilten. Den unmittelbaren Kampf hatten sie verloren, nicht jedoch ihren Stolz. Es ist eine Ehre, im Gefängnis zu sein – so die Übersetzung – konstatierte einer von ihnen für die Nachwelt.

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Eine Reihe von Inschriften zeugt von den kriegerischen Unruhen jener, heute so fern erscheinender Zeit. Ein Umriss Frankreichs, versehen mit Flügeln und der Parole der Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – ist ebenfalls zu erkennen. Diese geradezu persönlichen Hinterlassenschaften berühren den Betrachter intensiver als so manche trockene Geschichtsstunde. Dabei spiegelt diese Epoche lediglich die jüngere Vergangenheit des ehrwürdigen Torturmes am Nordende der Weißenhorner Altstadt wieder.

Das Fresko am Unteren Tor in Weißenhorn ist nicht zu übersehen

Errichtet wurde er wohl um 1470/80 in jener territorialpolitischen Epoche, als die Herzöge von Bayern-Landshut sich im Rahmen ihrer Westexpansion die Stadt unmittelbar einverleibten. Zwar ist es naheliegend, dass der später „Gänsgückeler“ genannte Torturm einen Vorgänger hatte – zumal sich bereits im 14. Jahrhundert im Norden und Süden umfangreiche Vorstädte anschlossen – von diesem Bauwerk ist jedoch nichts überliefert. Der Chronist Nikolaus Thoman berichtet von einer Erhöhung des Turmes um zwei Geschosse im Jahr 1527. Damals dürfte der Bau sein heutiges Aussehen erhalten haben.

Von aufständischen Bauern und französischen Kriegsgefangenen

Nicht übersehbar, zumindest beim Zugang von Norden, ist das Fresko, welches jene ferne Ära der Stadtgeschichte verdeutlicht: Herzog Ludwig der Reiche überreicht Weißenhorn 1474 das heute noch vorhandene Stadtbuch. Dieses eindrucksvolle Bildnis wird ebenso dem einheimischen Künstler Anton Bischof zugeschrieben wie ein anderes historisches Ereignis, welches am Oberen Tor festgehalten wurde: Dort befinden wir uns inmitten einer Szenerie aus dem Bauernkrieg. Einige Aufständische versammelten sich unter der Führung von Jörg Ebner aus Ingstetten vor dem Stadttor und begehrten lautstark Einlass.

Der Diebsturm wird auch "Prügelturm" genannt

Dem Verhandlungsgeschick des Weißenhorner Bürgermeisters Diepold Schwarz war es zu verdanken, dass die bewaffneten Bauern zunächst wieder abzogen, allerdings nur um später nochmals mit Verstärkung anzurücken und sich einen kurzen Kampf mit der befestigten Stadt zu liefern. Zwar waren einige Verletzte zu beklagen, Weißenhorn wurde jedoch von weiteren Kriegshandlungen verschont. Ganz anders das wenige Kilometer entfernte Kloster Roggenburg, wohin sich die mutmaßlich frustrierten Aufständischen begeben hatten. Dort hausten die Bauern sprichwörtlich wie die Vandalen, räumten die Vorräte, zerstörten die Einrichtung und trieben die Geistlichkeit in die Flucht. Ob die Roggenburger dies den Weißenhornern damals übel nahmen, ist nicht überliefert.

Der dritte der noch erhaltenen Stadttürme ist der eher unscheinbar im Nordwesten der Altstadt gelegene malerische Diebsturm. Zeigt schon alleine der Name den früheren Zweck des Gebäudes, so kann es dem modernen Menschen bei der Bezeichnung „Prügelturm“, wie er auch genannt wird, kalt den Rücken herunterlaufen. Spätestens das ist der Moment, in dem alle erleichtert sein dürften, ein zeitgemäßes Strafrecht zu besitzen. Körperliche Misshandlungen und Einkerkerungen in einem kalten Turm sollten zumindest in weiten Teilen Europas der Vergangenheit angehören. Umso mehr kann man sich heute an der malerischen Seite der einst wehrhaften Stadtsilhouette erfreuen.

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