Newsticker
RKI warnt vor Überschätzung von Selbsttests in der Pandemie-Bekämpfung
  1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Von einem glühenden Nazi-Anhänger, der bis zuletzt ein Menschenfeind war

Geschichten aus der Geschichte

22.02.2021

Von einem glühenden Nazi-Anhänger, der bis zuletzt ein Menschenfeind war

Der in Ay geborene Wilhelm Dreher auf einer alten Fotografie, die ihn als „Kampfkamerad“ betitelt.

Plus Der in Ay geborene Wilhelm Dreher war Vorsitzender der NSDAP-Ortsgruppe Ulm und legte eine menschenverachtende Sichtweise an den Tag. Sogar nach dem Ende des Regimes noch.

"Er habe die Polizei in der Stadt Ulm acht Jahre lang wohl sauber und einwandfrei geleitet." Was hier wie eine Stellungnahme in einem Untersuchungsausschuss klingt, war in Wirklichkeit der spätere Rechtfertigungsversuch eines der bedeutendsten NS-Funktionäre im südwestdeutschen Raum. Dabei war dieser Weg dem jungen Wilhelm Dreher, geboren am 10. Januar 1892 in Ay, nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Was über den "Werdegang" und die problematische Biografie bekannt ist.

Nazi-Größen wie Joseph Goebbels und Hermann Göring gehörten zu den Fraktionskollegen des Ayers Wilhelm Dreher.
Bild: Heinz Röhnert (Archivfoto)

Nach eigenen Angaben früh Vollwaise, verpflichtete Dreher sich zunächst zur Marine und erlebte die Schlachten des Ersten Weltkriegs von der See aus. Augenscheinlich kam er in diesem Zusammenhang im November 1918 in Kontakt mit revolutionären Ideen. Auch von einer Teilnahme an den Matrosenaufständen in Kiel und Berlin ist mitunter die Rede. Gleichzeitig trat Dreher der SPD bei und engagierte sich neben seinem zivilen Beruf als Lokomotivheizer im Betriebsrat und auf gewerkschaftlicher Ebene.

Auffallend bereits in jenen Jahren sei die offen gezeigte Aggressivität gewesen, mit welcher Dreher seine Meinungen und Ansichten zu vertreten trachtete. Eine „Konstante, die sich mit „Rauflust“ oder „Krawallfreude“ am ehesten bezeichnen lässt“, umschreibt der Historiker und Biograf Frank Raberg diesen unrühmlichen Charakterzug des gebürtigen Ayers.

Wilhelm Dreher besaß offenbar ein großes Geltungsbedürfnis

Ein starkes Geltungsbedürfnis und Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung dürften dann auch der Grund für die Annäherung Drehers an die NSDAP gewesen sein. Im Oktober 1923 trat der damals 31-Jährige mit der Mitgliedsnummer 12.905 in die Ortsgruppe Ulm/Neu-Ulm ein. Der im Folgejahr eingetretene Arbeitsstellenverlust schien indessen das Vertrauen in die demokratischen Strukturen der Weimarer Republik zusätzlich erschüttert zu haben. Die Neugründung der Ortsgruppe Ulm/Neu-Ulm der NSDAP im Jahr 1925 ging auf Dreher zurück, welcher von Anfang an den Vorsitz in der Vereinigung übernahm. Eine Begegnung Drehers mit Hitler kann 1926 nachgewiesen werden und auch zu Himmler pflegte er freundschaftliche Bande.

Sogenannte Stolpersteine erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus.
Bild: Andreas Brücken (Archivfoto)

Für die nationalsozialistische Propaganda gab der gebürtige Ayer einen willkommenen Redner ab. Angriffslustig, zuspitzend und hämisch, verbunden mit einer zu diesem Zweck brauchbaren Rhetorik erkannten die NS-Parteistrategen bald, dass ihr Ulmer Mitglied im Dienste der Massenkommunikation wertvolle Dienste leisten würde. Kommunisten, Juden und das Kapital seien schuld an Deutschlands Zustand 1927, warnte Dreher bei einer Veranstaltung vor den „Gefahren des Judentums“ und sprach im Jahr darauf gar von einem „Schächtexperiment“ an „den Juden“. Dreher wurde dabei offenbar als ein „Mann aus dem Volk“, als „einer von uns“ wahrgenommen, zumal er auch den breiten schwäbischen Dialekt praktizierte.

Der NSDAP-Mann aus Ay saß im Reichstag mit Nazi-Größen

Im Jahr 1928 wurde Dreher sowohl für den Landtag als auch für den Reichstag als Spitzenkandidat der württembergischen NSDAP aufgestellt. Als einer von zwölf gewählten Reichstagsabgeordneten der Partei zählten zu seinen Fraktionskollegen unter anderem Joseph Goebbels, Hermann Göring und Gregor Strasser, zu welchem Dreher enge Verbindungen aufbaute. Sein Wechsel von der SA zur SS im Jahr 1930 bewirkte einen raschen Karrieresprung in den Hierarchien der Organisation: Sturmführer, Sturmbannführer, Standartenführer, Oberführer und Brigadeführer waren seinem Selbstverständnis nach wichtige Wegmarken in seiner politischen Laufbahn.

Angelehnt an das antisemitische Hetzblatt Der Stürmer gründete Dreher zusammen mit dem Verleger Dr. Otto Weiß im Januar 1931 in Ulm die Zeitung UlmerSturm, Kampfblatt für Ulm, Neu-Ulm und Oberschwaben, welche zunächst wöchentlich, dann ab Mai 1932 täglich erschien.

Eine langjährige, offen ausgetragene Feindschaft bestand zum Ulmer Oberbürgermeister Emil Schwammberger, welcher als Mitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) im Gegensatz zu jeglichem Extremismus, sei es vom rechten oder linken Rand, stand. Zudem lag der gegenseitigen Antipathie ein Ereignis aus dem Jahr 1920 zugrunde. Dreher, damals noch Anführer der Demonstranten gegen eine Teuerungsphase, drang laut Zeugenaussagen in das Ulmer Rathaus ein und knüpfte dem noch nicht lange amtierenden Schwammberger symbolisch einen Strick.

Dreher pflegte eine Feindschaft mit dem Ulmer Oberbürgermeister

Mit der Wahl Drehers in den Ulmer Gemeinderat im Dezember 1931, bei welcher die NSDAP sieben Mandate erringen konnte, verschärfte sich die Situation, zumal Schwammberger, wohl basierend auf den Erfahrungen der Vergangenheit, kein Hehl aus seiner Missachtung gegenüber dem neuen Ratsmitglied machte. Dreher wiederum trat in den Sitzungen wiederholt störend auf, was Ordnungsrufe und Sitzungsausschlüsse seitens des Oberbürgermeisters zur Folge hatte. Kurz nach der Reichstagswahl vom März 1933 sollte Dreher die Entfernung Schwammbergers vom Amt des Oberbürgermeisters konsequent durchsetzen und bis 1942 als Polizeichef mit harter Hand amtieren.

Ein Schlaglicht auf die menschenverachtende Sichtweise des 1969 in Senden verstorbenen Drehers wirft ein Zusammentreffen mit ehemaligen Arbeitskollegen aus der Pflugfabrik Eberhardt in einem Wirtshaus in Blaubeuren-Gerhausen. Auf die Frage eines Gastes, ob Dreher ihn noch kenne, antwortete dieser: „Jawohl, Du bischt dr Kommunischta-Bühner aus Blaubeira, di hemmr im Dritta Reich vergessa durch den Schornstein zum jaga.“

Lesen Sie aus unserer reihe Geschichten aus der Geschichte:

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren