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Ulm

21.11.2014

Wahrlich "Der nackte Wahnsinn"

Wer mit wem? Regisseur Lloyd (Fabian Gröver, rechts) hat nicht nur eine Affäre mit Schauspielerin Brooke Ashton (Aglaja Stadelmann, links), sondern auch mit Regieassistentin Poppy (Tini Prüfert).
Bild: Ilja Mess

Das Theater Ulm spielt ein irrwitziges Stück von Michael Frayn. Es bietet einen Blick hinter die Kulissen einer Schauspiel-Produktion – auch im wörtlichen Sinn.

Hinter der Bühne ist der Teufel los. Der Regisseur ist ein Schnösel und ein Schürzenjäger. Der Rest der Truppe ist nicht viel besser: Eifersucht, Alkoholismus und Mordlust sind Alltag, und zu allem Überfluss stellen die Schauspieler auch noch die Sinnfrage – bei der Produktion einer derartigen Holzhammer-Klamotte vielleicht die größtmögliche Katastrophe. Die Zuschauer bekommen davon aber nichts mit. Zunächst. Wie es ist, wenn plötzlich das Privatleben eines Theaterensembles das Geschehen vor den Kulissen kapert, davon erzählt „Der nackte Wahnsinn“ von Michael Frayn, das nun im Theater Ulm Premiere feierte.

Das 1982 in London uraufgeführte Stück ist eine der erfolgreichsten Boulevardkomödien der vergangenen Jahrzehnte – und doch anders als die leidlich unterhaltsame Stangenware, die durch die Stadthallen der Welt tingelt: „Der nackte Wahnsinn“, im Original „Noises Off“, nimmt das Tourneetheater-Business aufs Korn.

Dabei sind alle wichtigen Boulevard-Zutaten enthalten: Verwirrung, Verwechslung, knallende Türen. Wenn sie nicht gerade klemmen. Und dazu als Running Gag des Stücks ein Teller mit Ölsardinen, der mal verschwindet, mal sich verdoppelt, regelmäßig sinnlos durch die Szenerie getragen wird. Regisseur Philipp Jeschek rührt nicht an diesen Qualitäten von „Der nackte Wahnsinn“ – und entfesselt auf der Bühne von Britta Lammers ein Reigen von Gags, der mit „turbulent“ unzureichend beschrieben ist und bei dem die Pointen und Anschlüsse nur dann klemmen, wenn sie es müssen.

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Im zweiten Akt läuft die Komödie zur Höchstform auf: Dann ist das Geschehen während der Vorstellung aus der Hinterbühnen-Perspektive zu sehen, wo das Drama endgültig seinen Lauf nimmt. Da tauschen Blumen und Whiskyflaschen den Besitzer, Tränen fließen, eine Feuerwehr-Axt wird beinahe zum Mordinstrument, und der Regisseur wird von einem Kaktus gepeinigt. Und quasi nebenbei spielen die Akteure auch noch ihr Stück. Das verlangt perfektes Timing.

Die Darsteller haben dabei, anders als die im Stück, sichtlich Vergnügen am Geschehen. Einzelne herauszuheben ist schwierig. Lob verdient hat sich aber allemal die eigentlich pensionierte Ulla Willick als Gast. Diese mimt Altstar Dotty, die als Haushälterin auf der Bühne irgendwann keinerlei Rücksicht auf Text und Mitspieler nimmt, wunderbar mürrisch und divenhaft. Stürmischen Applaus gab es final für alle. Zu Recht: „Der nackte Wahnsinn“ mag leichte Kost sein. Aber seinem Namen macht dieser überdrehte Klamauk in der Ulmer Inszenierung alle Ehre.

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