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Interview

12.04.2013

Warum Fußballer aufs Bindegewebe achten sollten

Jürgen Steinacker

Sportmediziner Jürgen Steinacker über Bänder und Sehnen, typische Verletzungen und Therapieansätze

Ulm Was sollten Freizeitsportler über Bindegewebe wie Bänder, Knorpel und Sehnen („Faszien“) wissen? Und wie gelingt der sportliche Wiedereinstieg nach der Winterpause? Anlässlich der internationalen Fachtagung „Connect 2013“, die von Freitag, 12. April, bis Sonntag, 14. April, an der Universität Ulm stattfindet, gibt Professor Jürgen Steinacker, Leiter der Ulmer Sektion Sport- und Rehabilitationsmedizin, Ratschläge und erklärt, welche Bedeutung Faszien in der Sportmedizin haben.

Nach dem langen Winter steigen viele Hobbysportler in diesen Tagen wieder ins Training ein. Worauf müssen relativ Untrainierte achten?

Steinacker: Wird nach einer längeren Pause wieder mit dem Sport begonnen, braucht das Bindegewebe eine gewisse Zeit, um sich der Belastung anzupassen. Der Wiederaufbau dauert im Vergleich zur Skelettmuskulatur meist länger. Gerade zu Trainingsbeginn sind Faszien anfällig für Verletzungen und Überlastungsschäden. Das gilt besonders für ältere Menschen oder wenn das Bindegewebe schon einmal geschädigt worden ist. Hier muss beim Wiedereinstieg das richtige Maß zwischen Be- und Entlastung gefunden werden, um die Stabilität wiederherzustellen.

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Was versteht man genau unter dem Begriff „Faszie“, und welche Rolle spielt das Bindegewebe in der Sportmedizin?

Steinacker: Kollagene Bindegewebe, also Faszien, sind in der Sportmedizin wichtig, weil sie nicht nur für Halt und Stabilität im Bewegungsapparat sorgen, sondern auch Signalwirkung haben und am Stoffwechsel sowie immunologischen Prozessen beteiligt sind. Kollagene Faszien sind der Hauptbestandteil von Sehnen und Bändern und kleiden Muskeln ein. Faszien sind aber mehr als eine passive Hülle. Ihre Fasern strahlen in den Muskel und signalisieren Dehnung und Kontraktion. Diese Signale lösen in der Muskelfaser zelluläre Mechanismen aus und werden somit wie von Nerven weitergeleitet. So löst beispielsweise ein schneller Schritt spezielle molekulare Prozesse in der Zelle aus. Bei Mikroverletzungen des Bindegewebes, wie sie auch bei sportlicher Überlastung entstehen, gelangen Fehlsignale in die Muskulatur. So haben Bindegewebsfasern ähnliche Signalwirkungen wie Nerven, allerdings mechanisch statt elektrisch, und sind an Verspannungen und Schmerzen beteiligt.

Was sind typische Faszien-Verletzungen, und welche Sportarten sind besonders gefährlich?

Steinacker: Eine klassische Faszien-Verletzung ist die Zerrung, eine Überdehnung und Entzündung nach mechanischer Überbelastung. In die gleiche Kategorie fallen zum Beispiel der Tennisellenbogen und zahlreiche Verletzungen auf dem Fußballplatz. Oft verstehen die Zuschauer nicht, warum ein Spieler mit einer scheinbar harmlosen Muskelverletzung das Spielfeld verlässt. Tatsächlich sind solche Mikroverletzungen, wie sie auch nach Mini-Fouls auftreten, gefährlich. Der Sportler braucht oft lange Zeit, um sich zu regenerieren. Neben Fußballern sind Athleten, die ruckartige Bewegungen ausführen, besonders anfällig für Bindegewebsverletzungen – also etwa Sprinter oder Tennisspieler.

Wie lassen sich Verletzungen des Bindegewebes diagnostizieren?

Steinacker: Fachleute sollten in der Lage sein, Verspannungen zu ertasten. Faszien können teilweise auch mit hochauflösenden Ultraschallgeräten beurteilt werden, und die Elastizität des Gewebes lässt sich durch Stoßwellenultraschall feststellen. Hier kann auch die Mechanografie hinzugezogen werden. Mit der Magnetresonanztomografie sind Bindegewebsverletzungen dagegen oft erst diagnostizierbar, wenn sie größer sind.

Welche Therapieansätze stehen zur Verfügung?

Steinacker: Das sogenannte Taping, bei dem elastische Klebestreifen auf die Haut gebracht werden, funktioniert in der Sportpraxis sehr gut. Durch Kinesio-Tapes wird die Körperwahrnehmung über die Haut verändert. Das führt zu veränderten Bewegungsabläufen, die das verletzte Gewebe weniger beanspruchen. Es kann sich somit leichter und schneller regenerieren. Auch Osteopathen und andere Therapeuten erzielen zum Beispiel mit speziellen Massagen und Faszienmanipulationen erstaunliche Erfolge. Ihre Erklärungsansätze sind aus naturwissenschaftlicher Sicht aber meist nicht haltbar. Ziel der Faszienforschung ist es, erfolgreich angewandte therapeutische Methoden wissenschaftlich fundiert erklären zu können.

Warum sind Faszien bisher in der Sportmedizin so lange vernachlässigt worden?

Steinacker: Faszien sind sehr dünn, unscheinbar und galten lange als „totes Gewebe“. Beim Steak schneidet man sie gerne weg. Kurzum: Man hat Faszien vernachlässigt, weil man sie nicht verstanden hat. Dank einer verbesserten Bildgebung und dem zunehmenden Wissen um Entzündungsprozesse rücken sie jetzt in den Fokus der Sportmedizin.

Interview: Annika Bingmann

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