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Ulm

30.01.2017

Was Pornos und Terror gemeinsam haben

Christian Streit und Tini Prüfert in „Pornographie“.
Bild: Ilja Mess

Das Simon Stephens’ Schauspiel feiert Premiere im Podium. Warum diese 90 Minuten keine leichte Kost für die Zuschauer sind.

Diese 90 Minuten sind nicht leicht anzusehen. Simon Stephens’ Schauspiel „Pornographie“ konfrontiert das Publikum im Podium des Theaters Ulm mit Menschen in London unmittelbar nach den Terroranschlägen des 7. Juli 2005, die 52 Menschenleben auslöschten. Die Emotionslosigkeit der handelnden Personen, die für andere keine Verantwortung empfinden, der Egoismus und die Sinnlosigkeit von Leben und Sterben machen die Kurzszenen, die als unzusammenhängende Sequenzen einer Collage aneinandergereiht sind und doch als Countdown rückwärts zum Moment des Attentats hinführen, kalt und anstrengend. Neu ist das Stephens’ Stück in Ulm nicht: Das Akademietheater hat es 2013 aufgeführt.

„Pornographie“ ist ein absichtlich in die Irre führender Titel. Denn Sexualität gibt es auf der Bühne nur wenig – im plumpen Versuch des Professors (Fabian Gröver), seine frühere Studentin (Aglaja Stadelmann) ins Bett zu bringen, und in der unter dem Einfluss des Anschlags inzestuös ausgelebten Geschwisterbeziehung (Christian Streit und Tini Prüfert), in der das Begehren zwischen Bruder und Schwester schon immer existiert hatte. Pornographie aber definiert sich eigentlich als direkte Darstellung menschlicher Sexualität mit dem Ziel, den Zuschauer zu erregen – und das geschieht im Stück ganz und gar nicht, zumal die Akteure nicht den Klischees der Pornoindustrie entsprächen. Der Titel bekommt nur Symbolcharakter in der kalten, nahezu anonym wirkenden Praxis von Sexualität, die im Stück mit physischer Aggression verbunden ist.

Mona Hapke verwandelt die Podiumsbühne in einen düsteren Wartesaal. Eine U-Bahn-Station, die in Katja Langenbachs Inszenierung durch minimalistische Requisiten gleichzeitig zu den Wohnungen der Akteure wird. In den Fragmenten von Stephens’ Schauspiel verstoßen Menschen auf unterschiedliche Weise und absichtlich gegen kulturelle Regeln. Das Geschwisterpaar, das Sex hat, die Managerin, die ein Firmengeheimnis verrät, die gealterte Journalistin, die einfach an einer Wohnung klingelt und vom Grillhähnchen mitessen will: Die Protagonisten des Stücks gehörten nicht zu den Opfern der Anschläge, aber sie wirken wie aus dem Leben gefallen, überschreiten Grenzen.

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Der Countdown führt zu einem der Attentäter, zur Sekunde, in der er seine Bombe auslöste. Wie der Bau der Sprengkörper möglich war – auch das spricht Stephens’ Schauspiel an: Der Attentäter deutet seine Verwunderung darüber an, dass der Kauf von Chemikalien so unproblematisch möglich war, dass er nicht auffiel. Und selbst der dicke Rucksack, mit dem er sich durch die U-Bahn drängt, bleibt bis zum Moment der Zündung unkontrolliert. Verantwortung gerinnt in der Konsumgesellschaft zum Fremdwort. Mehr äußere, optische Akzente hätten Katja Langenbachs Inszenierung gutgetan. Die Botschaft? Wir arbeiten alle an unserem Untergang? Als einzigem Projekt, das die Menschen verbindet? Gewalt verändert Menschen. Sie sprengt die Gesellschaft. In Simon Stephens’ Schauspiel ist unter dem Eindruck der Anschläge jeder allein. Die Menschen sind wie auseinandergesprengt. Ausschließlich die Sexualität ist noch ein Versuch der Nähe, der mangels Emotionen als blankes physisches Begehren zur Rohheit verkommt.

Termine Die nächsten Aufführungen sind am 1., 3., 8., 16. und 25. Februar.

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