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Landkreis Neu-Ulm

16.11.2018

Was verwitterte Steinkreuze erzählen können

Dieses verwitterte Steinkreuz steht im Wald zwischen Obenhausen und Buch. Der Holzschwanger Pfarrer Thomas Pfundner kennt viele solcher stummer Zeugen vergangener Zeiten im Landkreis Neu-Ulm.
Bild: Ralph Manhalter

Bei einem Vortrag in Weißenhorn gibt Thomas Pfundner Einblicke in die Welt der Flurdenkmale. Die Exemplare in Schwaben hatten zwei verschiedene Funktionen.

Ab und an entdeckt der Spaziergänger oder Wanderer am Wegesrand oder zwischen Bäumen ein steinernes, meist recht verwittertes Kreuz. Eine Deutung erscheint dem Laien schwierig, von einer zeitlichen Zuordnung des Objekts ganz zu schweigen. Dem Mysterium Steinkreuz auf den Grund zu gehen war die Absicht eines von der Volkshochschule Neu-Ulm initiierten Vortrags des Experten und Holzschwanger Pfarrers Thomas Pfundner. Die interessierten Besucher der Veranstaltung im Foyer des Weißenhorner Stadttheaters bekamen in gut eineinhalb Stunden einen umfassenden Einblick in die Welt der Flurdenkmale.

Pfundner, der nach eigenen Angaben bereits in „allen vier Enden von Schwaben“ gewohnt hatte, war es auch, der eine ausführliche Dokumentation aller „Steinzeugen“ des Regierungsbezirks herausbrachte. Eine grundlegende Differenzierung besteht zwischen Sühnekreuzen und Grenzsteinen, stellte der Referent voran. Während letztere die Grenzen der zahlreichen Territorien des Alten Reichs anhand Herrschaftsinitialen und Heraldik anzeigten, fungierten Sühnekreuze als Ausdruck eines Rechtsverständnisses. Aufgestellt wurden sie zum Teil bis in das 16. Jahrhundert hinein. Das keinesfalls einheitliche mittelalterliche Strafrecht sah nämlich bei Totschlag die Errichtung eines Kreuzes an der Stelle der verübten Tat vor.

Uralte Symbole vergangener Rechtsauffassung

Zusätzlich fielen bei diesem Vergehen häufig noch weitere Sühneakte an: Der Delinquent hatte eine Ausgleichszahlung an die Hinterbliebenen zu leisten, eine Wallfahrt zu unternehmen oder zumindest Messen für den Getöteten lesen zu lassen. Dennoch durfte sich der hierzu Verurteilte glücklich schätzen, entging er doch durch diese Vergeltungskette der Hinrichtung.

Allerdings, so betonte Pfundner in seinen Ausführungen, galt diese Regelung nicht bei Mord. Dort waltete unbarmherzig die Hoch- oder Blutgerichtsbarkeit des jeweiligen Gerichtsherren. Unter Kaiser Karl V. entstand dann 1532 die Constitutio Criminalis Carolina genannte Strafgerichtsordnung, welche die einzelnen Vergehen neu regelte. Auf dem Gebiet des heutigen Bayerisch Schwaben existieren derzeit noch ungefähr 220 Sühnekreuze, erläuterte Pfundner. Oft seien diese eingewachsen, nicht selten in den Boden eingesunken und daher gar nicht in ihrer ganzen Größe wahrnehmbar.

Anhand zahlreicher Fotografien belegte der ausgewiesene Spezialist bei der Veranstaltung in Weißenhorn die Vielfalt der Flurdenkmale im Landkreis. Neben den Sühnekreuzen mit ihren in manchen Fällen sogar gut recherchierbaren Geschichten finden sich an ehemaligen Handels- oder Postwegen auch die sogenannten Gleitsteine. Dies sei eine Verballhornung des Wortes „Geleit“, sagte Pfundner. Denn bis zu jenem Stein konnte der Reisende mit einer Begleitung durch Personal der Herrschaft rechnen. Jenseits dieser Markierung begann der Verantwortungsbereich des Nachbarterritoriums.

Ein schön restaurierter Grenzstein befindet sich in Elchingen

Ein besonders schön restaurierter und in seiner Beschriftung gut erkenntlicher Grenzstein befindet sich im Übrigen in Unterelchingen: Wie auf dem im Foyer des Stadttheaters präsentierten Bild Pfundners erkennbar war, weisen die beiden in den Tuff gemeißelten Buchstaben „E“ und „S“ auf die ehemaligen Herrschaftsträger hin. Nachdem ersterer natürlich für das Kloster Elchingen stand, rätselte das Publikum um die Bedeutung des „S“. Die Erklärung dazu: Oberelchingen war zwar in Besitz der dortigen Abtei, Unterelchingen hingegen gehörte bis zum Ende des Heiligen Römischen Reichs zum Kloster Salem unweit des Bodensees.

Eines stellte dieser Vortrag im Weißenhorner Stadttheater am Mittwochabend somit eindrucksvoll dar: Die stummen, steinernen Zeugen aus vergangenen Zeiten können durchaus als lebendige Geschichtsbücher fungieren.

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