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Neu-Ulm

24.01.2020

Was zwei Austauschschüler über die Region denken

Colline aus Belgien (links) und Elena aus Italien haben mit der Entsendeorganisation „Experiment e.V.“ einen dreimonatigen Auslandsaufenthalt bei einer Gastfamilie in Neu-Ulm verbracht. Unser Bild zeigt sie bei einem Ausflug in Ulm.
Foto: Julia Schütz

Elena aus Italien und Colline aus Belgien leben drei Monate als Austauschschüler bei einer Gastfamilie in Neu-Ulm. Was die zwei 16-Jährigen besonders überrascht hat.

Elena ist keine typische Italienerin, sagt sie über sich selbst. Bloß keine Küsschen, nicht zu viel Trubel und ihre Ferien verbringt sie auch lieber in den Dolomiten beim Skifahren als am sonnigen Strand an der Costa Smeralda. Obwohl ihr angenehme 23 Grad und strahlender Sonnenschein zuhause in Sizilien natürlich wesentlich lieber wären, als das kalte deutsche Schmuddelwetter. Colline kann kann ihr da nicht zustimmen. In ihrem Heimatland Belgien ist das Wetter immer ein bisschen grau und feucht, sagt sie. Mit dem Wetter in Neu-Ulm haben sich die beiden trotzdem längst abgefunden. Drei Monate lang haben die beiden 16-Jährigen dort als Austauschschülerinnen bei einer Gastfamilie gewohnt – und viele neue und spannende Erfahrungen gemacht.

Organisiert hat ihren Aufenthalt der gemeinnützige Verein „Experiment“. Die Austauschorganisation mit Sitz in Bonn vermittelt seit 85 Jahren Menschen aus allen Teilen der Welt in über 70 Länder. Denn anders als hierzulande wird ein solcher Auslandaufenthalt in den Heimatländern der beiden Schülerinnen nicht staatlich gefördert. Die Kosten haben ihre Familien selbst getragen – inklusive Gebühren für An- und Abreise sowie einem monatlichen Taschengeld von 100 Euro. „Deswegen kann sich in Italien kaum jemand einen Auslandsaufenthalt leisten“, berichtet Elena. Sie habe das Glück, dass ihre Eltern gut verdienen. Dabei sei interkultureller Austausch extrem wichtig für Europa, sagt sie. Er fördere nicht nur Offenheit und Toleranz, sondern sei wirksam gegen jede Art von Vorurteilen.

In Belgien und Italien dauert der Unterricht wesentlich länger

Darum sollte politische Bildung an allen europäischen Schulen Pflichtfach sein, fordert die Italienerin. Ein Fach wie Sozialkunde, in dem alle Schüler neutral über das deutsche politische System, Demokratie, Parteien und ihre Bürgerrechte informiert werden, gebe es in ihrem Heimatland nämlich nicht. „Die meisten wählen einfach irgendetwas, sobald sie achtzehn sind“, sagt Elena. Kaum jemand mache sich die Mühe, sich vorab wirklich zu informieren. Nicht nur deshalb gefällt den beiden Austauschschülerinnen der Unterricht in Neu-Ulm wesentlich besser als in ihren Schulen zuhause. Ihre Gastmutter sei entsetzt gewesen, als die beiden ihr erzählt hätten, dass sie einmal in der Woche bis 17 Uhr den Nachmittagsunterricht besuchen müssten, erzählt Elena. Der Unterricht in ihren Heimatländern ende zudem nie vor 15 Uhr. Auch 45-minütige Schulstunden sind für Elena und Colline eine Besonderheit. Italienische und belgische Schultage würden sich mit sieben 60-Minuten-Einheiten fast endlos in die Länge ziehen. „Außerdem sind deutsche Lehrer viel motivierte“, stellt Elena fest und fügt hinzu: „Und jünger.“ Einen jungen Mann habe sie erst gar nicht als Lehrer erkannt, bis dieser dann eine Vertretungsstunde in ihrer Klasse gehalten hat.

Auch abseits der Schule seien die Erfahrungen der Austauschschülerinnen überwiegend positiv. Sie haben viele sehr tiefe Freundschaften geschlossen, sagen sie. Auch ein Unterschied zu Italien, wie Elena erzählt: „Dort sind die Leute oberflächlicher. Dafür sind die Deutschen verkrampfter und weniger offen, sie müssen erst auftauen.“ Vielleicht trinken sie deshalb mehr, sinnieren die beiden. Denn vor allem Bier, das in Deutschland übrigens Spitzenqualität habe, würde hierzulande deutlich mehr getrunken als bei den beiden zuhause. Bezeichnend für diese Trinkkultur sei für die beiden ein Oktoberfestbesuch gewesen, bei dem die sonst so ruhigen, reservierten einheimischen Besucher plötzlich auf den Tischen tanzten. Auch sonst sind Elena und Colline viel herumgekommen in Deutschland. Von einer Reise nach Berlin mit ihrer Gastmutter bis zu Besuchen in Köln, Augsburg und München sei alles dank Schülertickets und guten Zugverbindungen kein Problem gewesen, berichtet Elena: „Wer sich über die deutsche Bahn beschwert, hat noch nie versucht in Rom mit den öffentlichen Verkehrsmitteln von A nach B zu kommen“, sagt sie und grinst.

Elena will in Zukunft in Deutschland studieren

Auf die Frage, ob ihr denn auch irgendetwas in Deutschland nicht gefallen habe, kommt es wie aus der Pistole geschossen: „Das Essen! Alles isst man hier mit Soße. Und Fleisch und Pasta auf einem Teller.“ Inzwischen habe sie ihre Gastmutter aber dazu gebracht, Hauptgang und Sättigungsbeilage von zwei getrennten Tellern essen zu dürfen. Auch sonst sei die Familie sehr offen, verständnisvoll und zuvorkommend, berichten die beiden. Die beiden betonen, dass sie sich keine besseren Gasteltern wünschen könnten.

Wenn Elena erwachsen ist, möchte sie übrigens gerne langfristig aus Italien wegziehen und in Deutschland studieren und leben. „Das ist aber nur möglich, wenn die innereuropäischen Grenzen weiterhin so unsichtbar bleiben wie jetzt“, sagt sie. Deswegen sei die EU eine so gute und wichtige Einrichtung. „Deren fortbestehen sollten wir, vor allem unsere Generation, nicht so leichtfertig aufs Spiel setzten.“

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