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Ulm/Neu-Ulm/Illertissen

05.01.2019

Waschen, Schneiden, Whiskeytrinken

Im „Gentlemen’s Club“ in Ulm können Kunden ihre Füße ins „Fish-Spa“ stellen und abgestorbene Hautschuppen abknabbern lassen (großes Bild). Panagiota Komninous Ulmer Salon „Benessere by Jota“ist derzeit winterlich dekoriert, bei Stephane Vigier in Neu-Ulm erinnert vieles an seine Heimatstadt Paris und Selay Köses Salon in Illertissen ist minimalistisch und modern (kleine Bilder von oben nach unten).
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Im „Gentlemen’s Club“ in Ulm können Kunden ihre Füße ins „Fish-Spa“ stellen und abgestorbene Hautschuppen abknabbern lassen (großes Bild). Panagiota Komninous Ulmer Salon „Benessere by Jota“ist derzeit winterlich dekoriert, bei Stephane Vigier in Neu-Ulm erinnert vieles an seine Heimatstadt Paris und Selay Köses Salon in Illertissen ist minimalistisch und modern (kleine Bilder von oben nach unten).
Bild: Andreas Brücken

Plus Viele Kunden erwarten mehr vom Friseur als Kaffee und Zeitschriften. Salons müssen kreativ sein. Sie bieten zum Beispiel Fische, die die Pediküre übernehmen.

Im Wartebereich des „Gentlemen’s Club“ liegen Zeitschriften wie „Auto, Motor und Sport“ und der „Playboy“ aus. Letztere Publikation wird natürlich weggeräumt, wenn Kinder den Raum betreten. Ein amerikanischer Whiskey aus einer charakteristischen Flasche verführt zum Probieren. Die saxofonlastige Musik sorgt für eine lockere Stimmung. Der Männerfriseur in der Ulmer Fischergasse folgt einem Trend, der immer mehr in der Branche ankommt: in Sachen Design und Dienstleistung etwas Besonderes bieten. Den eigenen Salon irgendwie von der breiten Maße abheben.

„Wir wollten eine richtige Männerhöhle, ein Ort, an dem die Jungs unter sich sind“, sagt Gründer Thomas Richrath. Der ehemalige Offizier ist selbst kein Friseur. Dass er heute Eigentümer des „Gentlemen’s Club“ ist, geschah aus reinem Selbstinteresse. Dem 34-Jährige gefiel einfach kein Salon in der Gegend. „Entweder haben sich die Barbiere so unterhalten, dass ich sie nicht verstanden habe oder der Laden war aalglatt wie der Berliner Flughafen. Betonoptik und unbequeme Stühle“, erklärt er. Also mietete er eine Immobilie an, holte einen Meister ins Boot und richtete den Salon so ein, wie er wollte. Das kam an. Manche Kunden kommen ohne Termin vorbei – nur, um sich ungestört unterhalten zu können.

"Fish-Spa" beim Friseur "Gentlemen's Club" in Ulm

Ein Barbier kümmert sich neben den Haaren auf dem Kopf auch um die im Gesicht. Der Bart hat sich zum Accessoire des Mannes entwickelt. Die Frau hat ihr Make-up, der Mann seinen Bart. „Männer von heute pflegen sich auch gerne“, meint Richrath. Deshalb geht der „Gentlemen’s Club“ noch einen Schritt weiter. Seit neustem gibt es dort „Fish-Spa“. Auf Holzbalken ist ein Sitz montiert, darunter ein kleines Becken voller Kangalfischen. Die Tiere knabbern abgestorbene Hautteilchen ab und zaubern so weiche Füße. Für die Fische ist das nicht schädlich weiß der Inhaber, der sich extra zum Aquarist ausbilden lassen hat.

Auch, wenn einige noch etwas skeptisch sind, die Kunden kommen laut Thomas Richrath auf den Geschmack. Sogar Junggesellenabschiede finden in seinem Laden statt. „Wir besorgen den Jungs was immer sie trinken wollen, stylen sie und schirmen in der Zeit den Laden ab“, erklärt er. Gefeiert wird aber woanders. Der Salon ist eher für das gemütliche Beisammensein gedacht. „Die Männer können hier sein, wie sie sind, ohne auf irgendwas achten zu müssen“, sagt Richrat und schmunzelt. Ein Salon, in dem Mann sich wohlfühlen kann.

Friseure in Ulm und im Kreis Neu-Ulm setzen auf kreative Konzepte

Dass dieses Konzept funktioniert, wundert Barbara Ciannarelli nicht. Für die Obermeisterin der Friseur-Innung Günzburg/Neu-Ulm ist die Atmosphäre im Salon essenziell, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Auch, weil die Kunden heute mehr Zeit beim Friseur verbringen als früher. Ein Grund dafür ist der hohe Grad der Individualität in Sachen Haare. Und wer lange auf dem Friseurstuhl sitzt, möchte sich dort schließlich auch wohlfühlen.

Das weiß auch Stephane Vigier. Seit zwei Jahren lebt der Franzose in Deutschland. „Der einzige Grund, um aus der Stadt der Liebe wegzuziehen, ist die Liebe selbst“, sagt er. Jetzt bringt sein Salon ein Stück Paris nach Neu-Ulm: klein und schick. Deshalb gibt es im „Stephane de Paris“ nur drei Sitzplätze. Die Franzosen bevorzugen Friseurläden mit einer privaten Atmosphäre. Auf der Fototapete prangt das französische Wahrzeichen, als Miniaturausgabe ist es auf den einzelnen Plätzen zu finden. Für den Franzosen sind einige Salons in seiner neuen Heimat zu steril eingerichtet, damit schlägt er in die gleiche Kerbe, wie Thomas Richrath vom „Gentlemen’s Club“. In Zukunft wird sich das aber wohl ändern. Innungs-Obermeisterin Barbara Ciannarelli spricht von einem Wandel, der schon in vollem Gange ist. Viele ihrer Kollegen bauen um, wollen die Läden erneuern.

Salon in Illertissen: Modern und minimalistisch

Dass sieht auch Selay Köse so. Vor zweieinhalb Jahren hat sie ihren Salon „Hairdesign by Selay“ in Illertissen eröffnet. Modern, minimalistisch und mondän. Der weitläufige Laden mit dem grauen Boden wird von Lampen an den riesigen Spiegeln erleucht, die gegenüber von schlichten, schwarzen Stühle an der Wand hängen. Am Anfang schreckte die Einrichtung viele Kunden ab, die das Design mit hohen Preisen in Verbindung brachten. Aber nach und nach füllte sich der Laden. „Das Auge isst mit, für einen Friseursalon gilt das gleiche Prinzip“, sagt die Inhaberin. Der Wandel ist für Köse auch bei Salons angekommen, die in dritter oder vierter Generation geführt werden. „Alle Läden, die ich kenne, ziehen mit. Die anderen werden auf Dauer wohl Probleme bekommen“, meint Köse.

Design ist aber nicht alles, meint Panagiota Komninou. Die Inhaberin des Salon „Benessere by Jota“ hat eine klare Meinung. Für sie muss die Chemie zwischen Friseur und Kunde stimmen, sonst nütze der schönste Salon nichts. „Ein zufriedener Kunde folgt seinem Friseur überallhin, egal, wie es dort aussieht“, sagt sie.

Was ein Friseur-Urgestein sagt

Friseur-Urgestein Siegfried Uhrle gibt Komninou recht. Auch, wenn ein auffälliger Salon die Laufkundschaft anzieht. Im Sommer ist der Eingangsbereich seines Geschäftes in Söflingen voller Blumen. Dann wird er oft gefragt, ob sein Salon eine Gärtnerei ist. Dass sein Laden direkt neben einem Supermarkt steht, hat einige Vorteile. Da kaufen die Mitarbeiter schon manchmal einen Champagner oder anderes für die Kunden, erzählt der Inhaber. „Wir hatten schon 100 verschiedene Sorten Tee oder haben an Weihnachten Bratäpfel gemacht“, sagt Uhrle. Aber mit den Jahren hat er festgestellt, auch, wenn er sich seine Läden nie ohne entsprechendes Design vorstellen könnte, zählt am Ende nur das Personal. Er ist sich wie Komninou sicher, dass kein Kunde wieder kommt, wenn zwar die Einrichtung stimmt, aber die Arbeit nicht. Für ihn ist es die Mischung, die den Erfolg bestimmt.

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