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06.06.2009

Wasser lässt das "Vögelchen" zwitschern

Roggenburg "Vogel g'sang" heißt der Register. Wenn es gezogen wird, ertönt Gezwitscher. "Vorausgesetzt, in dem kleinen Pfeifle ist genügend Wasser", sagt Pater Stefan Kling, öffnet die Türe zum Orgelwerk und füllt nach. Und es hebt ein Tirilieren an, wie die Vögel im Wald es nicht besser können.

Die "Große Roggenburgerin", wie die anmutige Barockorgel in der Roggenburger Klosterkirche heißt, hat aber noch andere, urige Effekte. Pater Kling kann den "Regenmacher" spielen und es "hageln" lassen oder ein Glockenspiel dem Orgelstück zuschalten, das dann einen ganz feierlichen Anstrich bekommt. Er kennt "sein" Instrument wie kaum ein anderer.

Die kleinste Pfeife ist nur wenige Zentimeter lang

Die "Große Roggenburgerin" hat ihren Namen zu Recht. Sie besitzt 4000 Pfeifen, die größte ist etwa sieben Meter hoch, die kleinste misst gerade einmal wenige Zentimeter. 66 Register hat die Kirchenorgel, 59 im Haupt- und sieben im sogenannten Fernwerk, das erst vor zehn Jahren eingebaut wurde - und zwar ganz versteckt hinter dem Hochaltar, sodass der Zuhörer rätselt, wo denn die Orgelmusik überhaupt herkommt - eine zusätzliche kleine Spielerei an der "Großen Roggenburgerin". Georg Friedrich Schmahl, der die Orgel im Ulmer Münster geschaffen hat, ist auch der Erbauer der "Königin der Instrumente" in Roggenburg. 1761 hat er sein Werk vollendet. "Davon ist allerdings nichts erhalten geblieben", erklärt Pater Kling. Das Gehäuse der Orgel präsentiert sich dagegen in seiner vollen Pracht. "Es ist so außergewöhnlich in seiner Gestalt, dass es keinen vergleichbaren Orgelprospekt im gesamten süddeutschen Raum mehr gibt", erläutert der Geistliche und vergleicht die Etagen, die sich in das Deckenfresko mit der Verkündigungsszene hinwachsen, mit einem versteinerten oder in Eis erstarrten Wasserfall.

Wasser lässt das "Vögelchen" zwitschern

Das Gehäuse wird der Kunstschreinerdynastie Bergmüller aus Türkheim zugeschrieben, das auch die großen Altäre der Klosterkirche gefertigt hat. Der kleine Orgelprospekt an der Brüstung (Rückpositiv) ist wohl erst nachträglich entstanden, also nicht aus Schmahls Hand.

Noch zu Zeiten der Reichsabtei, als mehrere Nachbarklöster sich von dem aufstrebenden Orgelbauer Johann Nepomuk Holzhey in Ottobeuren modern-fortschrittliche Orgeln bauen ließen, wie zum Beispiel die Prämonstratenser in Ursberg, Obermarchtal, Rot und Weissenau, erwachte in Roggenburg der Wunsch, auch die eigene Orgel dem neuen Klangstil, wie er in den Nachbarklöstern anzutreffen war, anzupassen. Der Eingriff Holzheys in die Schmahlorgel war tiefgehend und umfangreich. Äußerlich am Auffälligsten: Holzhey beseitigte die Spielanlage und ersetzte sie durch einen neuen dreimanualigen frei stehenden Spieltisch mit Blickrichtung des Spielers zum Altar, damals ein Novum.

Deutlich anders war vor allem der Klangcharakter der Orgel nach dem Umbau, die orchestrale Klangfarben, ähnlich französischer Orgeln erhielt. "Beim Hören der vorbildlich restaurierten Holzhey-Orgel in Ursberg lässt sich erahnen, wie die Roggenburger Orgel nach Holzhey geklungen haben muss", sagt Kling.

"Unbespielbares Monstrum"

Die Wirren der Säkularisation scheinen das Instrument in der Roggenburger Klosterkirche nicht berührt zu haben. Das Interesse an Barockorgeln schwand jedoch enorm und wurde erst Mitte des 20. Jahrhunderts wiedergeweckt.

Noch 1904 stand in einem Gutachten eines Ministerialbeamten, die alte Roggenburger Orgel, "ein total unspielbares Monstrum mit allen Mängeln des uralten Werkes", aufzugeben und abbrechen zu lassen. Die Orgelbaufirma Gebrüder Hindelang aus Ebenhofen im Allgäu bekam den Auftrag zum Bau einer neuen Orgel mit 32 Registern. In Meßhofen befindet sich ebenfalls eine kleine Orgel aus dieser Werkstatt. Das romantische Orgelwerk in Roggenburg wurde wenig später als unbefriedigend für den spätbarocken Raum und das eindrucksvolle Gehäuse empfunden.

Auf dem Gebiet der Orgelmusik und des Orgelbaus setzte eine Rückbesinnung ein. Getragen vom Gedanken der "Orgelbewegung", deren Ideal der Erhalt der Barockorgeln war, und ausgelöst vom Neubau der großen Marienorgel der Basilika Ottobeuren gelang es 1956, insbesondere auch durch den Vorgänger von Pater Stefan Kling in Roggenburg, Rektor i. R. Herbert Höfer, durch die Firma Nenninger/München ein neues Orgelwerk mit vier Manualen und 50 Registern zu errichten. In der Festschrift zur Orgelweihe am 29. Juli 1956 taucht zum ersten Mal der Kosename "Große Roggenburgerin" auf. Pater Kling berichtet, dass im Zuge der umfassenden siebenjährigen Renovierung der Klosterkirche zwischen 1978 und 1985 sich die Frage nach einer Reinigung und Überholung stellte. Während der Renovierung übernahm 1982 die Prämonstratenserabtei Windberg die seelsorgerliche Betreuung der Pfarrei Roggenburg und Pater Rainer Rommens, der heutige Prior, das Amt des Pfarrers. "Ihm ist es zu verdanken, dass der zuständige Orgelsachverständige der Diözese Augsburg, mein Vorgänger als Leiter des Amts für Kirchenmusik, Professor Dr. Gert Völkl, zur Lösung der Orgelfrage hinzugezogen wurde", berichtet Pater Stefan Kling. Die Neugestaltung übernahm die Kaufbeurer Orgelbauwerkstätte Gerhard Schmid: Die Orgel erhielt zum Beispiel einen neuen Spieltisch mit fünf Manualen, der, wie einst, vom Altar abgewandt ist, die Zahl der Register wurde auf 56 erhöht. Zwischen 1996 und 2006 gab es klangliche Nachbesserungen und Umgestaltungen, an denen der inzwischen verstorbene Orgelbaumeister Markus Riefle sowie Stefan Heiß und die Orgelintonateure Martin Geßner und Stefan Niebler mitwirkten. Dabei wurden unter anderem charmante Flötenstimmen und eine kräftige "Trompeteria" eingebaut. Unter den vielen Gönnern der Orgel ist auch der Industrielle und Stadtrat Josef Kränzle aus Illertissen, der den 2008 von Stefan Heiß eingebauten neuen Spielschrank gestiftet hat.

17 Jahre ist er nun Organist an der "Großen Roggenburgerin", für die er ein uneingeschränktes Lob parat hat. "Sie besitzt eine unglaubliche Klangfarbenvielfalt, die schön mit dem Kirchenraum korrespondiert. Sie stellt für den Spieler aber auch eine Herausforderung dar", beschreibt er "sein" Instrument.

Am Besten gefallen ihm die Flöten, die wie angeblasen klingen, aber auch die Streicher- und Trompetenstimmen. Und wer einmal "hinter die Kulissen" blicken darf, hält die Luft ebenso an vor dem Wunderwerk der Technik, das sich auftut. Drei Elektromotoren sorgen für den "Wind" in den Magazinbälgen, die ihn in Kanäle pumpen und der per Tastendruck in die jeweiligen Pfeifen gelangt. Auf dass die "Große Roggenburgerin" auch in den nächsten Jahrzehnten ihren Atem an die Zuhörer weitergibt und sie mit ihrem Klang verzaubert.

Im Klosterladen sind CD's mit der "Großen Roggenburgerin" und verschiedenen Künstlern erhältlich.

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