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Weißenhorn
17.11.2020

Weißenhorn Klassik im Live-Stream: Wie ist das digitale Konzerterlebnis?

Florian Donderer, Kiveli Dörken, Tanja Tetzlaff und Sharon Kam spielten beim Auftakt von „Weißenhorn Klassik“ das „Quatuor pour la fin du temps“ von Olivier Messiaen. Ein Endzeitstück, das damals in einem Kriegsgefangenenlager seine Uraufführung erlebte.
Foto: The Third Eye Film

Vier ausgezeichnete Künstler eröffnen „Weißenhorn Klassik“ mit einem Konzert im Live-Stream – und mit einem Werk von Messiaen, das vom Ende der Zeit erzählt.

Klitzekleine Schweißperlen funkeln auf der Stirn des Geigers. Das Werk liegt in den letzten Atemzügen, allein auf weiter Flur setzen Violine und Klavier ihre Töne in die sich schon anbahnende Stille. Töne, die nach dem Ende aller Dinge klingen, aber doch nicht enden wollen, weiter in die Höhe klettern. Doch gerade die Zartheit und vermeintliche Schwäche fordert noch einmal die größte Kraft und Beherrschung von den Musikern. „Quatuor pour la fin du temps“ – es ist das „Quartett für das Ende der Zeit“ von Olivier Messiaen. Acht Sätze, die der Komponist aus Frankreich 1941 zur Uraufführung brachte, als Häftling, in einem Kriegsgefangenenlager bei Görlitz. Heute spielen vier Musiker das Werk im Fuggerschloss von Weißenhorn und nach dem letzten Ton bleibt zwischen den Künstlern nur eines: lange Stille. Andacht. Zweieinhalb Stunden Konzert liegen hinter ihnen, mit Ludwig van Beethoven, Maurice Ravel und Messiaen. Ein Publikumsapplaus wäre jetzt mehr als angemessen. Aber die Musiker würden ihn nicht hören. Die Zuschauer sitzen am anderen Ende eines Datenkanals: Nur per Livestream im Video konnte man dieses Auftritt erleben. Alle Konzerte des Festivals „Weißenhorn Klassik“ finden 2020 digital statt.

Weißenhorn Klassik findet zum ersten Mal ganz digital statt

Esther Kretzinger, Intendantin des Festivals, erklärt zur Begrüßung in die Kamera, dass sich die Künstler von Weißenhorn Klassik ein Ziel gesetzt haben: „Wege zu finden, Schritt für Schritt, um nach vorne zu gehen, auch wenn man keinen festen Boden unter den Füßen spürt.“ Theater sind geschlossen, Konzerthäuser schlummern einen zwangsverordneten Winterschlaf. Streaming soll in Weißenhorn die Corona-Pause lindern. An diesem Abend spielen für die Kamera und die Zuschauer: Sharon Kam an der Klarinette, Florian Donderer mit der Violine, dazu die Cellistin Tanja Tetzlaff und die Pianistin Kiveli Dörken. Kam ist Absolventin der New Yorker Juilliard School, gewann den ARD-Musikwettbewerb, zwei „Echos“, den Respekt der Fachwelt.

Als Beethovens „Gassenhauer-Trio“ beginnt, zuckt der Stream kurz. Eine Störung für zwei, drei Sekunden – ist der eigene Laptop schuld oder der Livestream? Doch dann fließt und plätschert Opus 11, mit Klarinette, Klavier und Cello. Jeder Wackler ist vergessen, es wird ein Genuss, selbst mit Kopfhörern oder Wohnzimmerboxen.

Die Klarinettistin Sharon Kam brilliert bei Weißenhorn Klassik

Dennoch – wie gerne würde man dann das Finale des Konzerts hautnah erleben, Messiaens Quartett. Engel kündigen das Ende aller Tage an und die Dissonanzen zwischen den Instrumenten flirren und schillern. Beim „Tanz des Zorns für die sieben Trompeten“ tönen sie dagegen bald im Einklang. Eindrucksvoll. Der feinste Moment aber: Aus dem Nichts heraus bricht sich eine Schallwelle Bahn, schleicht sich kaum hörbar aus der Stille und wächst zum Ton. Sharon Kam beherrscht diesen Crescendo-Zauber mühelos, vor allem im dritten Satz, den sie ganz allein mit der Klarinette bestreitet.

Ein Vortrag begleitet die Musik und das Festivalmotto „Wie nimmst du wahr?“. Die Forscherin Christine Söffing erklärt das Phänomen der „Synästhesie“ – das Zusammenwirken verschiedener Ebenen der Wahrnehmung. Manche Menschen empfinden Zahlen als Farben, Farben als warm oder kalt, oder Töne als Farben. 75 Arten hat die Wissenschaft bis heute entdeckt, wie zwischen verschiedenen Sinnen Funken schlagen können – und wenn Messiaen sein Endzeit-Quarttet beschreibt, „Süße Kaskaden von blau-orangen Harmonien“, dann weiß man, dass auch er ein Synästhetiker war.

Das direkte Livemusik-Erlebnis fehlt -Weißenhorn Klassik geht ins Netz

Und jetzt? Sinne begnügen sich mit Sound aus dem Kopfhörer und ein paar Zoll Laptop-Bildschirm? Wer einmal wahre Stille spüren will, muss das Stück „4,33“ von John Cage live erleben. Ein Werk von vier Minuten und 33 Sekunden ... nichts. Gar nichts. Nur Stille. Auf den ersten Blick wirkt das wie ein Scherz, eine Verhohnepipelung dessen, was man Klangkunst nennt. Auf den zweiten ist es eine Expedition zum Kern der Musik. Der ganze Raum wird plötzlich hörbar – was er mit dem Publikum macht und mit den Musikern und dem Band, das beide verbindet. Ein Atemzug. Ein knisterndes Notenblatt, das zwei Fingerspitzen wenden. Jeder Raum hat einen Klang, selbst in der Stille – physisch und unmittelbar. Und darin entsteht die Elektrizität in der Luft vor dem leisesten Piano, die geballte Entladung im dreifachen Forte.

Für viele Musiker bedeutet ein digitales Livekonzert ein Abenteuer. Weißenhorn Klassik zeigt aber, dass es sich lohnen kann in diesen Tagen. Denn man spürt mit jeder Note, was man zurecht vermisst.

Das Festival geht weiter am 20. und 21. November. Tickets gibt es unter www.weissenhornklassik.de.

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