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Elchingen

28.01.2021

Welche Folgen hat Corona für Musik-Talente? Ausgebremst auf dem Weg zur großen Bühne

Wohin führt der Weg diese jungen Musiker? Die Albert-Eckstein-Stiftung unterstützt sie mit wertvollen Instrumenten. Für die Zeit ihres Studiums können sie auf den wertvollen Celli, Geigen und Bratschen spielen.
Foto: Martin Ebert

Plus Die Albert-Eckstein-Stiftung in Elchingen fördert junge Musiker. Sie verleiht kostbare Instrumente an hochbegabte Talente, die sich diese nicht leisten könnten. Doch was macht der Corona-Lockdown mit den Karriereplänen dieser Talente?

Eine griechische Geigerin und eine argentinische Bratschistin, junge Streichertalente aus Korea und Deutschland – sie haben eines gemeinsam. Wenn sie die Bühne betreten, können sie auf ein kostbares Instrument in ihren Händen vertrauen. Und dieses Glück verdanken sie einer kleinen Stiftung in Elchingen, die hochwertige Violinen, Violen und Celli verleiht. Seit 15 Jahren fördert die Albert-Eckstein-Stiftung den Nachwuchs. Doch wie geht es diesen jungen, aufstrebenden Künstlern, mitten im Kulturlockdown?

Tanja Zochers Kontakte reichen weit in die Welt und ihr Telefon steht selten still. Selbst im Lockdown. Denn Zocher betreut die Stipendiaten der Albert-Eckstein-Stiftung. „Der Kontakt ist fast noch stärker als in normalen Zeiten“, erzählt sie. „Diese jungen Menschen haben normalerweise einen straffen Zeitplan. Sie sind permanent auf Reisen, bei Orchesterfahrten oder auf Tour mit Ensembles.“ Lehrjahre im Dauerstress. Aber Corona hat das Tempo und die Stimmung verändert, das spürt Zocher nun fast in jedem Telefonat: „Die Gespräche sind jetzt intensiver. Man erkundigt sich ganz bewusst: Wie geht es dir wirklich? Die Stipendiaten erzählen dann, was ihnen auf dem Herzen liegt.“

Bühnenerlebnisse sind vor allem wichtig am Beginn einer Karriere

Als sich letztens ein junger Mann bei ihre meldete, der gerade sein Musikstudium mit Bravour abgeschlossen hatte, machte er seinen Sorgen Luft. „Am Anfang hatte er die große Ruhe fast genossen. Aber dann begann der Frust.“ Zocher erklärt: „Die Musiker leben von der Interaktion mit dem Publikum, von der Reaktion.“ Und nie sind Bühnenerlebnisse und Erfahrungen so wichtig wie am Beginn einer Karriere. So ein Konzert vor begeistertem Publikum, motiviert für jede harte Arbeitsstunde, die man allein im kleinen Probenraum schuften muss. Aber Wettbewerbe, Solokonzerte, Probespiele – sind verschoben oder abgesagt.

Im Geigenbauatelier werden die Leihinstrumente halbjährlich gewartet.

Wie sich jetzt begeistern, für bis zu sieben Stunden Übearbeit am Tag, ohne nennbares Ziel? Wie sich vorbereiten auf eine Laufbahn, die so unsicher scheint wie nie zuvor? „Die Existenzangst, mit der Musik sein Leben nicht bestreiten zu können, war schon immer stark. Aber jetzt ist sie noch viel, viel ausgeprägter. Das lässt manche ratlos zurück.“

2005 hat Rolf Eckstein seine Stiftung gegründet und seither haben seine Instrumente Wege geebnet. Önder Baloglu aus der Türkei durfte sieben Jahre lang mit Geigen der Stiftung spielen. Heute sitzt er am ersten Pult, als Konzertmeister der Duisburger Philharmoniker, und lehrt an der Folkwang Universität der Künste. Mit einem Cello half die Eckstein-Stiftung der Albanerin Jola Shkodrani – heute Mitglied des Kölner Klassik Ensembles. Friederike Schindler konnte drei Jahre lang ihr Talent auf einer Eckstein-Geige beweisen. Das Resultat: Erste Geige, Osnabrücker Symphoniker. Drei Beispiele von vielen. Diese Lebenswege belegen auch, dass Talent allein in dieser Kunstsparte nicht genügt. Das richtige Instrument ist das Werkzeug, der Schlüssel zum Durchbruch.

Wer war Albert Eckstein?

„Solche Erfolgsgeschichten treiben Herrn Eckstein an. Das ist sein Lebenselixier“, sagt Zocher. Denn dieser Erfolg ist eng verbunden mit der Geschichte seines Vaters. Albert Eckstein, geboren 1913 in Mannheim, war selbst ein Autodidakt an der Geige. Sein Leben für die Musik begann als Wunderkind in einer Kapelle, später macht er sich in Vöhringen mit seinem Talent einen Namen. Dann traf die Verfolgungsmaschinerie des NS-Regimes seine Familie. Als Sinti gerieten Albert Eckstein und seine Nächsten ins Visier. Alberts Eltern und neun seiner Geschwister starben im KZ Auschwitz.

Rolf Eckstein, Träger des Bundesverdienstkreuzes.
Foto: Martin Ebert

Jahrzehnte später knüpfte Sohn Rolf an das Erbe an. „Ich begann, mich mit Streichinstrumenten, ihrem vielfältigen Klang, den unterschiedlichen Geigenbauern und ihren Werten zu beschäftigen“, erklärte er einmal und betrachtete die Instrumentensammlung seines Vaters: „Er hätte nicht gewollt, dass diese wunderschönen Instrumente verkauft oder ungespielt in dunklen Kisten aufbewahrt werden.“

Celli aus Bergamo und Mailand, Geigen aus Florenz und Genf, manche aus dem 18. Jahrhundert. Teure Wertanlagen. „Diese Instrumente müssen gespielt werden, von jungen Menschen, die sie schätzen“, sagt Zocher. Und bei der Förderung spielt die Lebenssituation der Musiker eine entscheidende Rolle. Wer nicht die nötigen finanziellen Mittel hat, wer nicht in eine wohlhabende Familie hineingeboren wurde, bekommt hier eine Chance. „Wir fördern Talente, die sich ohne unsere Hilfe so ein Leihinstrument wohl nie im Leben leisten könnten.“

13 Musik-Studenten spielen aktuell ein Instrument der Eckstein-Stiftung

13 junge Studenten der Musik spielen gerade ein Instrument der Eckstein-Stiftung. Die Stipendiaten treffen sich – normalerweise – jedes Jahr zum Stiftungskonzert und sie geben beim halbjährlichen Check ihr Instrument in Ecksteins Geigenbauatelier in Ulm ab. Den TÜV nimmt die Stiftung selbst ab. Die Instrumente werden geprüft, von Holz und Lack bis zu den Saiten.

Ein Problem dieser Tage: Ein Vorspiel für das Stipendium scheint im Lockdown schwer möglich. Aber fünf, sechs Kandidaten stehen schon auf der Kandidatenliste. Zocher hofft, dass die Stiftung bald wieder neuen Talenten unter die Arme greifen kann. Sie ist gespannt auf neue Erfolgsgeschichten und Hoffnungsträger. „Wir möchten diese jungen Musiker kennenlernen.“

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