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Ulm/Neu-Ulm

30.11.2019

Welt-Aidstag: Das Virus verliert seine Schrecken

Die Pille davor: „Prep“ ist eine Safer-Sex-Methode, bei der Menschen ein Medikament einnehmen, um sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen.
Bild: Peders

Plus Zum Welt-Aktionstag beklagt die Ulmer Aidshilfe die Diskriminierung der Infizierten. Diese gibt es in allen Alterklassen. Prep, die "Pille davor", boomt in Ulm.

Ein wenig hat Aids von seinem Schrecken verloren: Wie Bernhard Eberhardt, hauptamtlicher Sozialarbeiter der Ulmer Aids-Hilfe im Vorfeld des Welt-Aids-Tags am Sonntag, 1. Dezember, sagt, könne man heute gut mit HIV leben. Und sogar richtig alt werden. Auch ist das Virus bei Menschen unter Therapie nicht mehr ansteckend.

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Von Aids "keine Ahnung"

Doch leider wisse das kaum jemand. Die Folge: Die Diskriminierung von Menschen mit HIV gehe unvermindert weiter. Ziemlich neu ist das Problem in Seniorenheimen. Durch den Fortschritt in der Medizin beziehen immer mehr HIV-positive Menschen hier ihre Zimmer. Und würden als brandgefährliche Virusträger behandelt und dementsprechend stigmatisiert. Ärzte und Pflegekräfte hätten oftmals „keine Ahnung“ von HIV. Dabei kann HIV im Alltag sowieso nicht übertragen werden. Und bei der HIV-Therapie unterdrücken Medikamente das Virus im Körper. Doch die Stigmatisierung bleibe.

Wegen HIV "rennen die Mütter weg"

Vom Seniorenheim bis zur Kinderkrippe. Im Januar wurde Michael Diederich, ehrenamtlicher Vorstand bei der Aids-Hilfe, zum ersten Mal Vater. Der 44-Jährige kann sein Glück kaum fassen, weil das Leben des Ulmers bereits beendet schien, als es noch gar nicht richtig angefangen hatte. Im Alter von acht Jahren wurde er als Bluter durch ein verunreinigtes Blutpräparat mit HIV und Hepatitis C infiziert. Nun brachte seine Frau ein gesundes Mädchen zu Welt. Eigentlich geht Diederich sehr offen mit seiner Virusinfektion um. Doch jetzt als junger Vater, sehe er auch die Nachteile. Etwa in der Krabbelgruppe: „Die Hebamme hat mit geraten, ich solle das für mich behalten. Sonst rennen aller Mütter weg.“

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#wissenverdoppeln

Aus eigener Erfahrung weiß Diederich: Die Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen ist immer noch groß. Von „sozialem Aids“ sprechen die Sozialarbeiter. Und die Resonanz von Aids-Aufklärungskampagnen nehme ab. Darauf, das HIV unter Therapie nicht mehr übertragbar weist die Aidshilfe mit ihrer Kampagne #wissenverdoppeln hin. Denn nur zehn Prozent der Bevölkerung würden die gute Nachricht kenne, die Ängste nehmen, und so Stigmatisierung verhindern kann. „Wir wollen das Wissen verdoppeln, bis alle Bescheid wissen“ betont Eberhardt. Vergangenes Jahr haben sich laut Robert Koch-Institut in Bayern rund 290 Menschen neu mit dem HI-Virus angesteckt – rund 35 weniger als im Vorjahr.

Noch immer sterben aber Menschen an Aids, oft Frauen, wie Eberhardt, sagt, weil eine Infektion mit HIV gar nicht in Betracht gezogen werde. Das Problem einer späten Diagnose sei, dass das Immunsystem zu diesem Zeitpunkt bereits zu versagen anfange. Auch deswegen plant die Ulmer Aidshilfe in Zukunft mehr Testabende (der nächste ist am Mittwoch, 4. Dezember, ab 18 Uhr in der Furttenbachstraße 14, in Ulm).

Die Pille davor schützt vor Aids

Dr. Georg Härter, einer der wenigen HIV-Schwerpunktärzte, behandelt HIV-positive und aidskranke Menschen in seiner Ulmer Praxis in einem weiten Umkreis. Auch die Aufklärung hat er sich auf die Fahnen geschrieben und veranstaltet deshalb Fortbildungen – für Kollegen und andere Berufsgruppen. Um die 300 HIV-Patienten hat der Facharzt für Innere Medizin und Infektiologie. Sprunghaft angestiegen sei die Verschreibung von der „Pille davor“. Das heißt, Menschen nehmen ein Medikament ein, um sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen. „Prep“, die „Prä-Expositions-Prophylaxe“, wird seit dem 1. September von den Krankenkassen übernommen. An über 100 Menschen habe er die Pille verschrieben. Und es würden täglich mehr.

Dieter Borst beklagte, der bei der Ulmer-Aidshilfe im Vorstand ist, würde die finanzielle Lage der Aidshilfe immer schwieriger. Das Geld, das von öffentlichen Zuschussgebern komme, steige nicht in dem Maße wie die Kosten der Aidshilfe. Und auch das Spendenaufkommen gehe zurück. Immer mehr würden im Gegenzug die Dokumentationspflichten.

Am Sonntag, 1. Dezember, findet ein Poetry-Slam zum Welt-Aidds-Tag in der Ulmer Aidshilfe, Furttenbachstraße 14, statt. Beginn 18 Uhr. .

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