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Ulm

23.04.2018

Weltgeschichte in der Provinz – und in Ulm

Der Soziologe Hernán Ronsino ist der Shooting-Star der argentinischen Gegenwartsliteratur.
Bild: Dagmar Hub

Starautor Hernán Ronsino liest bei der „Literaturwoche Donau“. Sein Verleger beschreibt, worauf es ankommt.

Wer auf den Shooting-Star der argentischen Gegenwartsliteratur gespannt war, musste bei der Eröffnung der sechsten „Literaturwoche Donau“ im Haus der Museumsgesellschaft ziemlich lange warten: Der Autor und Soziologe Hernán Ronsino erschien erst fast eine Stunde nach dem geplanten Veranstaltungsbeginn auf der Bühne. Mit dem 43-Jährigen traten sein Übersetzer Luis Ruby, der alle drei bislang im 2001 gegründeten Verlag des Zürichers Ricco Bilger erschienenen Erzählungen Ronzinos ins Deutsche übertragen hat, und Verleger Ricco Bilger selbst auf.

Ein besonderer Höhepunkt folgt nach dem verspäteten Veranstaltungsbeginn. Es ist ein Höhepunkt, der erst kurzfristig möglich gemacht wurde. Der Ulmer Ausnahme-Musiker Janis Pfeifer gibt ein Klavierkonzert; Pfeifer war nur Stunden vorher über den Ausfall der geplanten Musiker des Silber Quartetts informiert worden. Einfühlsam spielt der Pianist ein Programm von Brahms über Schumann und Schubert.

Florian L. Arnold hat die „Literaturwoche Donau“ ind Leben gerufen

Der Schweizer Buchhändler Ricco Bilger und Verleger erzählt im Gespräch mit Florian L. Arnold, der die Literaturwoche Donau gemeinsam mit dem Buchhändler Rasmus Schöll ins Leben gerufen und organisiert hat, von den außergewöhnlichen Umständen seiner ersten Begegnung mit Hernán Ronsino – und von seiner Enttäuschung, nachdem er dessen 2009 erschienenen Roman „Glaxo“ ins Deutsche übersetzen hatte lassen.

Die Kunst des Übersetzens prägt ein in der Muttersprache des Autors geschriebenes Buch in hohem Maße: Fertigteile einer Sprache aneinanderzureihen, lässt auch ein Werk von hoher Erzählkunst flach erscheinen. In Luis Ruby fand Bilger dann den Übersetzer, der Ronsinos Erzählweise kompetent nachspüren konnte und der die starken Bilder des argentinischen Erzählers in deutsche Worte fassen kann.

Verleger Ricco Bilger suchte einen neuen Übersetzer für Hernán Ronsino

So wurde aus „Glaxo“ „Letzter Zug nach Buenos Aires“. In diesem Jahr hat Bilger mit „In Auflösung“ das dritte Buch Ronsinos aufgelegt. Der hauptsächlich in Buenos Aires lebende und lehrende Ronsino, derzeit Stadtschreiber in Zürich, verlegt die Handlung in den real existierenden Ort seiner Kindheit, in das Städtchen Chivilcoy in der argentischen Pampa, 200 Kilometer von Buenos Aires entfernt.

Erzählkunst besteht wahrscheinlich darin, immer mehr Details einer Geschichte zusammenzufügen und dem Leser oder Hörer Bilder in den Kopf zu zaubern, die ihn nicht so schnell wieder verlassen – so, wie es Ronsino gelingt.

Wie die Erzählung „In Auflösung“ in seiner Muttersprache und mit seiner Stimme klingt, lässt Hernán Ronsino spüren – sein Übersetzer Luis Ruby liest anschließend die identischen Passagen in deutscher Sprache. Chivilcoy liegt fernab des Weltgeschehens. Und doch ist das, was Hernán Ronsino philosophisch schildert, Weltgeschichte, Menschheitsgeschichte und Kulturgeschichte auf der Projektionsfläche der Provinz.

Literaturwoche: Was ein Verleger können muss

Chivilcoy befindet sich in Auflösung: Die Industrieruinen erzählen noch aus einer Zeit, bevor die Dienstleistungsgesellschaft die Produktionsgesellschaft ersetzte. In den Familien, in den Menschen sind die Spuren der argentinischen Militärdiktatur noch spürbar. Ronsino stellt den Bezug zwischen Literatur und politischen Zeitgeschehen in prägnanter Sprache her.

Was einen guten Verleger ausmacht, präzisieren Arnold und Bilger: Ein guter Verleger ist demnach einer, der beispielsweise spürt, dass eine Übersetzung nicht die Ausdrucksweise des Schreibenden widerspiegelt. Aber was ist gute Literatur? Das sei die einzige Frage, sagt Ricco Bilger, die er sich zu beantworten nicht befähigt fühle – und die zu beantworten er auch niemandem sonst zutraue.

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