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Roggenburg

10.11.2019

Wenn Adam und Eva sich im Kloster Roggenburg fetzen

Zum 300. Geburtstag von Franz Martin Kuen glänzte Berthold Biesinger mit der Schwäbischen Schöpfung im Kloster Roggenburg.
Bild: Ralph Mannhalter

Die Schwäbische Schöpfung wird als ein Ein-Mann-„Revuele“ mit Berthold Biesinger im Klosterrefektorium Roggenburg aufgeführt.

Ungeduldig, nebenbei ein Angsthase und – man kann es nicht leugnen – auch ein wenig einfältig war er, der Adam. Natürlich kann der Verfasser der Schwäbischen Schöpfung, Sebastian Sailer mit den Charakterzügen des sprichwörtlich ersten Menschen niemals dessen Nachfahren zwischen Schwarzwald, Lech und Bodensee im Blick gehabt haben. Ausgeschlossen! Pünktlich zum 300. Geburtstags des großen Weißenhorner Malers Franz Martin Kuen, der vergangenen Freitag zelebriert wurde, kam eine Schöpfungsgeschichte der besonderen Art auf die Bühne – pardon – in das ehrwürdige Refektorium des Klosters Roggenburg. Wie passt das denn nun alles zusammen? Aufklärung folgt: Franz Martin Kuen, dessen Werk und Leben schon das ganze Jahr gedacht wird war der Cousin Sebastian Sailers. Wie der spätere Maler wurde auch der angehende Prämonstratenser in Weißenhorn geboren, allerdings gut fünf Jahre früher. Neben Sailers Tätigkeit als Prediger galt seine Vorliebe der Schriftstellerei, wobei die Schwäbische Schöpfung zweifelsfrei den Höhepunkt seiner künstlerischen Laufbahn darstellt. Sie ver–setzt die biblische Schöpfungsge–schichte um Adam und Eva auf durchaus derbe Art in die Welt schwäbischer Bauern.

Als wäre diese im Rohformat nicht schon launig genug, bekam die volkstümliche Fassung durch die Interpretation von Berthold Biesinger noch ihr Sahnehäubchen verpasst. Quasi ein „Ein-Mann-Revuele“ sei es, was der Besucher in den folgenden eineinhalb Stunden zu hören und zu sehen bekommt, gibt der Schauspieler mit auf den Weg, schneller könne man nicht schöpfen. Wie bereits äußerlich an Biesingers Apfelhemdle erkennbar, spielte die Paradiesfrucht natürlich die Schlüsselrolle in der schwäbisch-biblischen Geschichte.

Die auch das einzige Utensil war, dessen sich der Künstler bediente, dafür jedoch recht häufig: Unter Zuhilfenahme des zahlreichen und gut gelaunten Publikums konnte manch eine (Gedächtnis-)lücke in der Schöpfung wieder gefüllt werden. Fehlte ein Begriff oder nur eine Silbe, bekam der Retter aus äußerster Not prompt zum Dank einen der Äpfel überreicht, genauso wie das Adamle vor vielen, vielen Jahren. Dabei war es doch im Grunde die Schlange, sprachlich zu deuten ein Underdog mit deutlicher Gangsterrap-Artikulation – „Gottvater ist mein Kumpel“ – von deren Ansinnen das Übel seinen Ausgang nahm. So schlüpfte Biesinger übergangslos von einer Rolle in die nächste, überzeugend waren sie allesamt. Neben der Interaktion mit dem Saal brachte das eine oder andere Singspiel, je nach Angemessenheit der Lage mal moderat mal rhythmisch, Dynamik in den literarisch-kabarettistischen Schöpfungsprozess. Und immer wieder Anklänge zur real existierenden schwäbischen Parallelwelt: Gottvater lässt sich nicht hetzen, weil er mittags erst in Ruhe seine Krautwickel genießen möchte. Erst danach ist er für Adam bereit, ihm eine Gefährtin an die Seite zu stellen. Aber kaum ist diese der Rippe entwachsen, geht auch schon der Hader los. Adamle und Eva zetern und streiten, was das Zeug hält. „O wär ich doch wieder alloi“, hört man dann auch den Gatten seufzen.

Wenn Adam und Eva sich im Kloster Roggenburg fetzen

An diesem Abend im ehrwürdigen Refektorium des Klosters Roggenburggehörte auch die holländische Familie des ehemaligen Roggenburger Priors, Pater Rainer Rommens, zu den Besuchern. „Das muss sich für Euch anhören wie Suaheli“, bemerkte Biesinger dann auch mitfühlend – ist aber nur Schwäbisch. Im Schlusswort dankte Pater Roman Löschinger dem Kabarettisten und Schauspieler sichtlich beeindruckt vom Dargebotenen: „Gottvater spielen ist schon nett, aber Adam und Eva spielen ist einfach saugut.“


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