Newsticker

Experten rechnen mit bis zu 240.000 Corona-Toten in den USA
  1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Wenn das Weihnachtsfest Familie und Heimat ersetzt

Bellenberg

28.12.2019

Wenn das Weihnachtsfest Familie und Heimat ersetzt

Brhana Abrham hat sich ein geschmücktes Plastikbäumchen ins Zimmer gestellt. Es erinnert sie an die echten Christbäume in ihrer Heimat in Eritrea.
Bild: Regina Langhans

Für sie ist erst Sonntag Weihnachten: Brhana Abrham aus Eritrea hat in Bellenberg Asyl gefunden. Die nötige innere Ruhe verschafft der orthodoxen Christin aber nur das Gebet zu Gott.

Am Sonntag, 29. Dezember, wird Brhana Abrham aus Bellenberg ihr weißes Kleid hervorholen, um es – christlich-orthodoxer Tradition entsprechend – zum Weihnachtsgottesdienst anzuziehen. Dieser findet in Ulm in der evangelischen Pauluskirche statt. Sie sei die Anlaufstelle aller christlichen Eritreer der Region, erzählt die 26-Jährige. Denn Weihnachten werde in ihrer eritreischen Heimat als großes Kirchenfest begangen: mit geschmückten Christbäumen in den Familien, Bescherung für die Kinder und vor allem einem drei- bis vierstündigen Gottesdienst.

In der Pauluskirche in Ulm würden sich nach dem Gottesdienst noch alle zusammensetzen und gemeinsam feiern, was der anerkannten Asylbewerberin viel bedeutet. Der Glaube an Gott sei ihr als Einziges geblieben in ihrem von Flucht, Todesangst und menschlichem Verlust gezeichneten jungen Leben. Ein Jahr war nötig, um von Eritrea über Äthiopien, Sudan, Libyen, die Sahara, das Mittelmeer nach Italien und zuletzt legal nach Deutschland zu gelangen. „Ich habe so viel geweint und gebetet“, sagt sie. Das Weinen hat sie sich inzwischen abgewöhnt. Und umso mehr Zutrauen ins Beten gefasst, denn sie hat erfahren, dass Gott immer alles weiterführt, egal wie aussichtslos die Dinge auch sein mögen.

Der Kontakt zur Familie nach Eritrea treibt sie an

Brhana Abrham spricht recht gut deutsch, obwohl sie noch keine drei Jahre in Deutschland lebt. Wenn sie von der Zeit davor spricht, wird ihr Gesicht traurig und ihre dunklen Augen bekommen einen sehnsuchtsvollen Ausdruck. Das Kontakthalten zu ihrer Familie ist das, was sie jetzt antreibt. Wofür sie lebt.

Wenn das Weihnachtsfest Familie und Heimat ersetzt

Sie wuchs in einem Dorf namens Ade-Whi im Norden von Eritrea auf. Elf Geschwister, darunter ein Bruder sowie zwei ältere Stiefgeschwister gehören zur Familie. Letztere seien durch ihren Schulbesuch mit der römisch-katholischen Kirche in Berührung gekommen und katholische Nonnen geworden. „Es hat ihnen gefallen, daher haben sie sich so entschieden“, sagt die heutige Bellenbergerin. Von ihrer so geschätzten Familie befindet sich kurioserweise noch ihr Schwager in Deutschland, der seine Familie und somit Brhanas Abrhams Schwester nicht nachholen darf. Diese wartet vergeblich in Äthiopien auf ihre Ausreise. Ihr Schwager hatte sogar vorschriftsmäßig ein halbes Jahr eine familiengerechte Wohnung gemietet, um den Nachzug realisieren zu können.

Ersatzweise wird sie ihn in ihre kleine Wohnung nach Bellenberg einladen und mit ihm Weihnachten feiern. Sie selbst könnte Ähnliches aus ihrem eigenen Leben erzählen, tut es aber nicht. Vielmehr will sie im Vertrauen auf Gott nur noch nach vorne schauen. Kürzlich hat sie eine Ausbildung als Köchin begonnen und hofft, dass sie die damit verbundenen Anforderungen erfüllen kann. Kochen macht ihr Freude. Auch in ihrer eritreischen Heimat war das gemeinsame Essen ein wichtiger Bestandteil des Weihnachtsfestes.

Auch in Eritrea gibt es einen Christbaum

Ihre Erzählungen darüber beinhalten erstaunlich viel Vertrautes. Zum Beispiel der Christbaum, ein Nadelbaum, der mit Kerzen geschmückt ist und teilweise auch mit bunten Kugeln und Deko-Elementen. Die Kinder erhalten Weihnachtsgeschenke, wobei es sich zumeist um Bekleidung handelt. „Und manche Erwachsene schenken sich untereinander Glückwunschkarten“, ergänzt die Eritreerin.

Das Weihnachtsfest zur Feier der Geburt Jesu orientiert sich allerdings in den orthodoxen Ostkirchen am Julianischen Kalender. Entsprechend dessen Berechnung findet das Fest am oder um den 7. Januar statt. Je nach Datum verhält es sich mit der Umrechnung in die heutige Kalenderzeit. Für Brhana Abrham und ihre eritreischen Freunde, darunter Robel Haile aus Illertissen, fällt das Fest auf kommenden Sonntag, 29. Dezember, wo dann in der Pauluskirche gefeiert wird.

Interessant ist dabei, dass Robel Haile in Illertissen das Weihnachtsfest wohl auch mit seinem muslimischen Landsmann Abdulaljem Hussan feiern wird. Damit orientieren sie sich ebenfalls an den Gepflogenheiten ihrer alten Heimat, denn in Eritrea wohnen etwa je zur Hälfte Christen und Muslime friedlich nebeneinander. Abdulaljem Hussan hat sich mit Robel Haile erst in Illertissen angefreundet und ihn auch schon mal in die Pauluskirche begleitet. Er sagt: „Bei uns glaubt jeder an den Gott, den er für richtig hält, ohne andere bekehren zu wollen. Und wir laden uns gegenseitig zu den religiösen Festen ein, damit wir zusammen feiern können.“ Sein Onkel habe eine Christin geheiratet, besser könnten Menschen mit unterschiedlichem Glauben nicht miteinander umgehen, findet Abdulaljem Hussan.

Hier lesen Sie mehr aus der Region:

Südstadtbogen: Warum sind die Kräne weg?

In Senden sollen Seniorenwohnungen entstehen

Themen folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren