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05.05.2011

Wenn der Sockenkauf zu einem Hindernislauf wird

Mit Einkaufstüten verließen sie nach ihrem Testeinkäufen ein Fachgeschäft: Eugen Letow, Betreuerin Ingrid Seybold und Karl-Josef Edelmann.
Bild: Foto: Dagmar Hub

Ein Versuch: Die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen und der alltägliche Einkauf in der Hirschstraße

Ulm Wie fühlt es sich für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen an, wenn sie in der Ulmer Innenstadt Besorgungen machen müssen? Mit einem Test wollten Behinderte und ihre Betreuer und die Ulmer City-Managerin Anna-Maria Dietz per Los ausgewählte Ulmer Geschäfte auf ihre Behindertenfreundlichkeit und Barrierefreiheit überprüfen und das Personal der Geschäfte sensibilisieren für Kunden mit körperlichen, geistigen oder sensorischen Einschränkungen. 13 Geschäfte und ein Lokal, dazu die städtischen Bürgerdienste, wurden für den Einkaufsbummel per Zufall bestimmt; die Behinderten, die sich beteiligen, wählen – meist zu zweit – ein oder zwei Geschäfte aus, die sie besuchen wollen. Karl-Josef Edelmann ist blind. Er entscheidet sich für einen Unterwäsche- und Sockenkauf bei Woll Wanner und einen Besuch im Modehaus Honer, einen dritten Besuch im Ulmer Service Center Neue Mitte wünscht sich Lebenshilfe-Beraterin Ingrid Seybold.

Karl-Josef Edelmann kauft oft alleine ein. „Ich gehe in kleine Geschäfte, wo man mich kennt. Nur wenn ich etwas aus einem Kaufhaus brauche, gehe ich in Begleitung“, erklärt er. In seinem Geldbeutel sind die Scheine in kleiner Stückelung so sortiert, dass er sie nach ihrem Platz erkennt. „So kann ich auf eine Weise bezahlen, dass ich nur Münzen zurückbekomme, und die erkenne ich an der Riffelung am Rand.“ Eugen Letow ist taubstumm.

Mit Beraterin Ingrid Seybold unterhält sich der 28-Jährige in Gebärdensprache. Einen Einkaufsbummel alleine hat er noch nie gemacht, für seine Kleidung und seinen sonstigen Bedarf geht er mit seiner Mutter in die Stadt. Deshalb ist Eugen Letow etwas scheu, als er mit Karl-Josef Edelmann in der Jeansabteilung des Modehauses Honer steht, wo Verkäuferin Claudia Bauer auf die beiden Kunden, deren Behinderung nicht auf Anhieb zu erkennen ist, feinfühlig und spontan richtig reagiert. Sie erklärt Karl-Josef Edelmann, wo in der geräumigen Umkleidekabine ein Hocker steht, und berät ihn so freundlich-unaufgesetzt, dass Edelmann eine der probierten Jeans spontan kauft.

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„Unauffällige und von Herzen kommend“

Honer besteht nicht nur auf Ingrid Seybolds Checkliste, in der das Verhalten der Verkäufer gegenüber den behinderten Kunden und die Barrierefreiheit des Geschäfts bewertet werden, mit der Note „sehr gut“, sondern auch in der Beurteilung von Karl-Josef Edelmann und Eugen Letow, die beide von der unauffälligen und von Herzen kommenden Hilfestellung im Geschäft angetan sind.

Mit der Note zwei schneiden die Bürgerdienste der Stadt im Service Center Neue Mitte ab, wo Eugen Letow einen Antrag zur Anerkennung seiner Behinderung holen soll; hier geht man auf ihn gut ein, spricht klar und schreibt ihm die Adresse auf. Abbrechen muss Ingrid Seybold allerdings den Versuch bei Woll Wanner. Hier ist viel los. Der blinde Karl-Josef Edelmann und der taubstumme Eugen Letow stehen lange wartend vor der Herrenwäsche, ohne von einer Verkäuferin nach ihren Wünschen gefragt zu werden.

Eine von Ingrid Seybold auf die beiden hilflos wirkenden Kunden angesprochene Verkäuferin eilt hinzu, wird aber von einer ungeduldigen Kundin beschäftigt. Nachdem Ingrid Seybold den Test offenbart, bemühen sich Verkäuferinnen freundlich, die mangelnde Aufmerksamkeit auszugleichen, laden zu Getränken ein und überreichen den beiden Männern und der Lebenshilfe-Beraterin Blumen.

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