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Ulm

12.12.2016

Wenn die Beziehung zum reinen Machtkampf wird

Aglaja Stadelmann und Wilhelm Schlotterer spielen in „Quartett“ zwei durch Verstrickungen aneinandergekettete Menschen.
Bild: Jochen Klenk

Das Zwei-Personen-Stück „Quartett“ beeindruckt im Podium des Theaters Ulm durch Sprachgewalt und Intensität des Spiels.

Zwei kalte Seelen, zwei begierige Körper und zwei Gehirne, die sich steigernde, erotisch-zynische Fantasien brauchen, um nach Jahren bizarrer Spiele noch etwas spüren zu können: Heiner Müllers Zwei-Personen-Schauspiel „Quartett“, fürs Podium des Theaters Ulm inszeniert vom israelischen Regisseur Avishai Milstein, führt das Publikum – nicht unbedingt jugendfrei – in die Beziehung zweier durch Verstrickungen aneinandergeketteter Menschen, die mit dem Wort „Liebe“ falsch umschrieben wäre.

Beide Antagonisten fechten einen Machtkampf aus, in dem Sexualität die eine Waffe ist, Rhetorik die andere. „Gefährliche Liebschaften“ heißt der Briefroman von Pierre-Ambroise-François Choderlos de Laclos aus der Zeit des Rokoko, der Müllers Schauspiel zugrunde liegt. Milstein lässt Wilhelm Schlotterer und Anglaja Stadelmann den Freiraum, vielschichtig und intensiv agieren zu können.

Heiner Müller stellte dem 1980 geschriebenen und 1982 uraufgeführten Schauspiel die Regieanweisung „Zeitraum: Salon vor der Französischen Revolution/Bunker nach dem dritten Weltkrieg“ voran. Diese beiden zeitlichen Gegensätze eint assoziationsreich das Bühnenbild von Mona Hapke: Ein heruntergekommenes Bett, an dem die Handschellen und Ketten perverser Sex-Spiele hängen, sinkt in den Sand zweier ausgehobener Grabstellen ein. Zwei identische Spiegelkommoden mit Rokokoperücken gestalten den hinteren Bereich der Bühne nahezu symmetrisch. Hier verwandeln sich die Marquise de Merteuil (Aglaja Stadelmann) und ihr einstiger Geliebter, der Viconte de Valmont, in Rollen der jeweiligen Personen, die sie im Geschlechtertausch verkörpern, um – nur noch verbal – die Lust der Verführung zu empfinden. Unter der vom reinen Weiß ins blutige Rot wechselnde Krinoline trägt die Marquise ein schwarzes Mieder und Spitzenhöschen. Sie spielt Valmont und ihre jungfräuliche Nichte Cécile de Volange, Ziel von Valmonts Gier nach Verführung, Valmont gibt die tugendhafte verheiratete Madame de Tourvel, ein weiteres Objekt seiner Begierde.

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Die Stärke der Inszenierung liegt einerseits in der eindrucksvollen Sprachgewalt Heiner Müllers, andererseits in der Intensität des Spiels von Wilhelm Schlotterer und Aglaja Stadelmann. Vor allem Schlotterer beherrscht das Spiel seiner Mimik, der dämonisch rollenden Augen, der zuckenden Mundwinkel meisterhaft, und die Eigenschaft des Podiums, dass das Publikum ganz nah am Stück ist, tut hier einmal mehr ihre atemberaubende Wirkung. Wilhelm Schlotterers Valmont erscheint – so gar nicht unwiderstehlich in ausgeleierter Feinripp-Unterhose – als die Verkörperung des manipulativen Macho-Mannes, der der Angst vor Alter und Vergänglichkeit eine brutale sexuelle Gier entgegensetzt. Aglaja Stadelmann gelingt der Wechsel zwischen jugendlich-unerfahrerer Nichte und abgehalfterter Tante brillant.

Wenn man Leere steigern kann, dann so wie Avishai Milsteins Inszenierung es tut: Irgendwann bleibt den zynischen Fantasien nur noch die Selbstzerstörung. Die Marquise vergiftet Valmont, und der weiß es und nimmt es hin, während der Sand durch ein Stundenglas von oben auf die Antagonisten rieselt. Erst dem toten Mann legt sich die Marquise in den Arm – ein Bild, das dann plötzlich erschreckend an Romeo und Julia erinnert.

Termine: Weitere Aufführungen am 17., 22., 28. und 31. Dezember sowie am 20. und 29. Januar.

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