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Landkreis Neu-Ulm/Ulm

24.12.2018

Wer sein Festmahl an Heiligabend einsam isst

„Illersenio“-Mitarbeiterin Beata Hertel bringt einem Kunden Essen auf Rädern. An Heiligabend ist ihr Besuch für manche Kunden der einzige Höhepunkt.
Bild: Alexander Kaya

Plus An Weihnachten liefern Sozialdienste Essen auf Rädern zu Menschen, die nicht nicht selbst kochen können – obwohl bei manchen die Kinder im gleichen Haus wohnen.

Wenn Claudia Erlenburg an Heiligabend in den Wagen der katholischen Sozialstation Ulm steigt, fühlt sie etwas anderes als an den restlichen Tagen des Jahres. Das Fahrzeug ist wie immer vollgepackt mit frischen Mahlzeiten in Thermobehältern. Doch Claudia Erlenburg weiß nicht, was auf sie zukommt. Erlebt hat sie in den zehn Jahren, die sie als Fahrerin für Essen auf Rädern arbeitet, viel. Eine Sache schlägt ihr aber immer wieder auf den Magen: „Wenn die Kinder im gleichen Haus wohnen und trotzdem der mobile Menüservice kommen muss“, sagt sie, „da höre ich oft, klingeln Sie nicht bei mir, sondern bei meiner Mutter“. Für die 58-Jährige ist das unverständlich. Auch, wenn sie es sonst sehr gut schafft, die Schicksale nicht mit nach Hause zu nehmen – an diesem besonderen Tag ist alles anders.

Die mobilen Lieferdienste bringen ihren Kunden das Essen auch an Heiligabend und an den Weihnachtsfeiertagen nach Hause. Die meisten Abnehmer sind Senioren, die sich nicht mehr selbst versorgen können. Aber auch, wer etwa wegen einer Krankheit oder nach einem Unfall nur vorübergehend auf Hilfe angewiesen ist, kann von dem Angebot Gebrauch machen. Einmal täglich wird ein warmes Gericht nach Hause geliefert. Von Menschen wie Claudia Erlenburg und Beata Hertel. An Heiligabend fährt Hertel für „Illersenio“ rund 33 Mahlzeiten in weniger als drei Stunden aus. Los geht es in Vöhringen, gegen 10.40 Uhr. Dann sind Bellenberg und Illerberg an der Reihe. Gegen 13 Uhr soll Hertel wieder zurück sein. Ihr bleibt nicht viel Zeit für die Menschen, deren einziger Höhepunkt an Heiligabend die Frau ist, die ihnen das Essen bringt. Und vielleicht noch der Sozialdienst, falls der vorbeikommt.

Sozialdienste liefern Essen auf Rädern

Die „Illersenio“-Fahrerin serviert zum Christfest Bratwürstchen mit Kartoffelsalat. Der Klassiker dürfte für viele Senioren der Inbegriff von Tradition sein. Eine Erinnerung an eine Zeit, in der der geliebte Partner noch lebte, in der ein geschmückter Tannenbaum das Wohnzimmer zierte, in der lautes Lachen die Räume erfüllte, in der sie nicht alleine waren. Einige Kunden, die von Hertel am 24. Dezember ihr Weihnachtsmenü geliefert bekommen, haben niemanden mehr. Der Ehepartner ist schon lange tot, Kinder oder Geschwister gab es nie. Es ist keiner da, der an sie denken oder sie besuchen könnte. Doch nicht nur sie sind an Weihnachten einsam. Trotz Familie sitzen viele Senioren an Heiligabend alleine vor dem Essen aus Aluminiumbehältern. Nicht selten lebt die Verwandtschaft weit weg, kommt erst später oder manchmal gar nicht. Und manchmal leben die Kinder nur ein Stockwerk drüber und lassen sich dennoch nicht blicken.

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„Wenn ich gehen will, fließen an Heiligabend oft Tränen“, sagt Hertel bedrückt. Länger bleiben kann sie trotzdem nicht, schließlich warten die anderen Kunden auf sie. Trotzdem nimmt sich die Fahrerin an diesem Tag ein bisschen mehr Zeit – so gut es eben geht, ohne den Plan völlig durcheinanderzuwirbeln. „Ich umarme sie oder streichle ihnen über die Wange. Sage, dass alles wieder gut wird und ich morgen wieder komme“, erzählt die Fahrerin. Denn gehen lassen wollen ihre Kunden sie an diesem Tag am liebsten gar nicht.

Senioren in Ulm, Neu-Ulm und Vöhringen sind an Heiligabend einsam

Das kennt auch Emmy Holzäpfel vom Paritätischen Sozialdienst. Seit 24 Jahren liefert sie Essen auf Rädern in Ulm, Neu-Ulm und in Ludwigsfeld aus. Auch jetzt noch, obwohl sie schon längst in Rente ist. Ihr Mann ist vor sechs Jahren am 18. Dezember gestorben, vergangenes Jahr am selben Tag ihre Mutter. Die 69-Jährige kennt den Schmerz ihrer Kunden an Weihnachten – und teilt ihn. Auch wenn Emmy Holzäpfel an Heiligabend mit ihren Töchtern zusammen ist, ist der Tag nicht mehr so wie früher. Es hat an Bedeutung verloren, die Freude ist nicht mehr dieselbe, gefeiert wird bei ihr nicht mehr.

Die Kunden, die Holzäpfel beliefert, sind für sie wie Familienmitglieder – manche kennt sie seit Jahren. „Es hilft, wenn ich erzähle, dass ich auch alleine bin. Dann wissen sie, dass es anderen ähnlich geht“, beschreibt Holzäpfel. Trotzdem schmerzt es die 69-Jährige, wenn sie die Einladung ihrer Kunden ausschlagen muss, an Heiligabend noch etwas länger zu bleiben. „Manche fragen, ob ich nicht doch noch Zeit habe, mit ihnen gemeinsam essen kann“, erzählt Holzäpfel. Das geht ihr nahe. Dennoch schafft es die Fahrerin immer wieder, tröstende Worten zu finden, bevor sie geht.

Eigentlich braucht es nicht viel mehr als das, da sind sich die drei Frauen einig. Es müsse nicht immer der lange Besuch, das teure Geschenk oder die große Feier sein. Ein kleines Zeichen wie ein kurzer Anruf wirke manchmal Wunder.

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