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Landkreis Neu-Ulm

12.05.2020

Wer sind die Leute hinter den Corona-Demos im Landkreis Neu-Ulm?

Etwa 150 Menschen sind zur Kundgebung am Mittwochabend in Pfaffenhofen gekommen, davon waren 50 offizielle Teilnehmer. Der Regen schien vielen nichts auszumachen.
Bild: Alexander Kaya

Plus Es gibt immer mehr Kundgebungen zur „Wiederherstellung der Grundrechte“ in der Region, unter anderem in Pfaffenhofen und Weißenhorn. Wir haben mit Organisatoren und Teilnehmern gesprochen und gefragt, was sie bewegt.

Bereits am Telefon erklärt Christof Engelmayer aus Pfaffenhofen, dass die Kundgebung weder links- noch rechtspolitisch motiviert sei, denn „man wird ja immer so gern in eine Ecke gestellt“. Ihm gehe es um die Sache und darum, dass die Veranstaltung friedlich verlaufe.

„Die Sache“ ist in diesem Fall die Wiederherstellung der Grundrechte. In der Region, aber auch im Unterallgäu oder im Alb-Donau-Kreis, finden zurzeit viele Kundgebungen unter diesem Motto statt. So auch am Mittwochabend in Pfaffenhofen. Nach Ansicht der Redner bei der Kundgebung vor dem Rathaus sind Grundrechte wegen der Einschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus derzeit in Gefahr. Engelmayer nennt als Beispiele das Recht auf körperliche Unversehrtheit, das mit einer Masken- und Impfpflicht gefährdet sei. Oder das Recht auf Versammlungsfreiheit. Auch die Meinungsfreiheit sei eingeschränkt. Vor allem die Medien und die Politiker würden die Fakten nicht richtig abbilden.

Wer ist der Veranstalter aus Pfaffenhofen?

Engelmayer ist aus Pfaffenhofen und führt sein eigenes kleines Unternehmen. Er verkauft torffreie Blumenerde aus regionalen Rohstoffen. „Ich selbst merke bei meinem Geschäft gar nichts von den Einschränkungen“, sagt Engelmayer. Er sei wirtschaftlich nicht von der Krise betroffen, trotzdem will er protestieren. Warum er gerade jetzt demonstrieren will, obwohl immer mehr Lockerungen eintreten, erklärt der Pfaffenhofer so: „Wir werden weiter hingehalten. Man gibt uns immer wieder so kleine Zuckerle. Wenn wir nicht demonstriert hätten, wäre noch viel weniger passiert.“ Viele Leute würden nicht verstehen, dass es schon lange nicht mehr um das Virus gehe. Der Unternehmer vermutet, dass da mehr dahinter steckt.

Christof Engelmayer aus Pfaffenhofen plant bis auf Weiteres jeden Mittwoch um 19 Uhr eine Kundgebung vor dem Rathaus.
Bild: Alexander Kaya

„Wer in der Demokratie schläft, wird in der Diktatur aufwachen. Deswegen sind wir hier, weil wir sind hellwach!“, ruft Engelmayer zu Beginn seiner Ansprache in das Mikrofon. Laute Zustimmung bei den etwa 150 Teilnehmern der Kundgebung am Mittwoch. 50 davon stehen in einem abgesperrten Bereich, der Rest tummelt sich um den Rathausplatz herum. Es ist friedlich und die Abstände werden eingehalten, die Polizei muss kein einziges Mal einschreiten. Zustimmung gibt es auch bei der Forderung, Angela Merkel und Jens Spahn sollten mit sofortiger Wirkung von ihren Ämtern zurücktreten und auf der Anklagebank landen.

Vor allem Frauen und Mütter halten die Reden

Worum es den Bürgern außerdem geht, zeigen die Ansprachen der Redner, überwiegend Frauen mittleren Alters. Eine Mutter erzählt die Geschichte ihrer Tochter, die einen Gendefekt hat und nun mit Mundschutz in der Werkstätte arbeiten muss. Das sei eine doppelte Diskriminierung. Sie selbst ist Unternehmerin und arbeitet auf dem Bau. „Die Sorgen der Menschen machen krank und sind die Probleme, mit denen wir in den nächsten Jahren konfrontiert werden“, sagt sie. Eine andere Mutter aus Weißenhorn erzählt, dass sie vor Kurzem mit ihrer engsten Freundin gebrochen habe, „wegen dieser Sache“. Der letzte Redner an diesem Abend ist Daniel Langhans, ein Profi-Akquisiteur aus Ulm. Sein Beruf ist es, Unternehmern kommunikative Strategien beizubringen, um den Verkaufserfolg zu steigern. Bei der Kundgebung gibt er den Zuhörern einen Rat, um andere Leute „positiv anzustecken“. Dazu solle man eine suggestive Frage stellen: „Glaubst du alles, was die Medien verbreiten, oder willst du dir dein eigenes Bild machen?“ Er wolle den Menschen diesen Tipp mitgeben, „dass wir Kraft haben, um diesen Kampf erfolgreich durchzustehen“.

Auf Facebook gibt es über 300 Kommentare zur Veranstaltung

Solche Parolen kommen nicht überall gut an. Am Tag vor der Kundgebung in Pfaffenhofen hatte Engelmayer die Ankündigung zur Versammlung auf Facebook in der Gruppe „Weißenhorn“ veröffentlicht. Dazu schrieb er: „Es sollen Tausende kommen und zieht Euch warm an, es wird stürmisch.“ Weder das Wetter noch die Stimmung auf der Veranstaltung waren besonders stürmisch. Diesen Eindruck macht eher die Diskussion unter dem Beitrag.

In über 300 Kommentaren wurde widerlegt, gefragt, aber auch wüst beschimpft. „Lasst doch einfach die Leute ihre Meinung kundtun!“, schreibt ein Nutzer. Engelmayer hält sich aus der Facebook-Diskussion heraus, lediglich einmal schreibt er „geht ja richtig zur Sache“. Bei der Kundgebung sagt er, ihm würden die Kommentare gegen seine Veranstaltung nichts ausmachen.

Nicht alle Weißenhorner nehmen die Kundgebung positiv auf

Carina Gehring organisiert ähnliche Kundgebungen zur Wiederherstellung der Grundrechte in Weißenhorn und hält sich in der Facebook-Debatte bedeckt. Sie findet aber: „Die Welt ist zu intolerant.“ Beleidigungen würden gar nicht gehen. „Man kann nicht einfach jemanden als Reichsbürger oder Geisteskranken bezeichnen.“ Sie selbst wird in Weißenhorn oft negativ auf die Kundgebungen angesprochen. „Ich bin hier die Böse“, sagt die 36-Jährige. Sie berichtet, dass aufgrund der Meinungsverschiedenheiten in der Corona-Diskussion Freundschaften oder gar Ehen zerbrechen können.

Am Rednerpult in Weißenhorn: die Organisatorin Carina Gehring.
Bild: Regina Langhans

Gehring ist Mutter einer sechsjährigen Tochter, Bürokauffrau und näht seit Beginn der Corona-Krise Stoffmasken. „Nähen ist mein zweites Standbein geworden“, sagt die 36-Jährige. Sie hat gerade ihre Rede für die nächste Kundgebung in Weißenhorn am Samstag fertig geschrieben. Da sollen unter anderem auch eine Ärztin und eine Kinesiologin sprechen. Die Weißenhornerin distanziert sich von extremen Verschwörungstheorien und der Gruppe „Widerstand 2020“. Letzteres tut Engelmayer nicht. Er lädt die Videos seiner Kundgebungen auf dem Youtube-Kanal „Widerstand 2020 Pfaffenhofen“ hoch. Diese Protestbewegung gibt es nicht nur in Pfaffenhofen. Hinter „Widerstand 2020“ steckt eine neu gegründete Gruppe, die unter anderem von einem HNO-Arzt aus Sinsheim geleitet wird. Dieser behauptet, dass das Coronavirus nicht so schlimm sei, wie es dargestellt werde. Die Medien würden im Verbund mit dem Virologen Christian Drosten Massenpanik verbreiten.

Kundgebung in Ulm wird unter anderem von einem Rechtsanwalt organisiert

Am Samstag gibt es mehrere Demonstrationen in der Region, unter anderem in Ulm. Mitorganisator ist Markus Haintz, der in Geislingen und Ulm als Rechtsanwalt tätig ist. Seit Kurzem bietet der Strafrechtler eine Corona-Beratung an. Dabei geht es um das Versammlungsrecht, Ordnungswidrigkeiten und Strafverfahren oder Einschränkungen durch die Corona-Verordnungen und das Vorgehen gegen die Maskenpflicht. Am Samstag sollen bis zu tausend Teilnehmer kommen.

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