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Roggenburg

27.05.2020

Wie Corona sich aufs Kloster auswirkt

Der große Belegungsplan im Foyer der Bildungsstätte ist seit Wochen leer. Die Absagen reißen ein gewaltiges finanzielles Loch in die Klosterkasse.
Bild: A. Brücken

Plus Normalerweise ist das Bildungszentrum in Roggenburg gut gebucht – eine Schulklasse reiht sich an die andere. In den vergangenen Wochen hat die Schließung für Verluste gesorgt.

Pater Roman Löschinger ist ein Mann wie ein Berg, den so leicht nichts umwirft – die Ärmel sind nach oben gekrempelt und nicht ohne Stolz spricht er vom erfolgreichen vergangenen Jahr im Kloster Roggenburg. Als Geschäftsführer ist Löschinger Dreh- und Angelpunkt der Institution. Die laufende Saison versprach einen rekordverdächtigen Belegungsplan für die Bildungsstätte. Bis Corona kam.

Als Beispiele nennt der Pater die geplanten Großveranstaltungen wie die akademische Studienwoche mit zahlreichen Professoren und Studenten oder die Ordensoberkonferenz, zu der hochrangige Geistliche aus ganz Europa in Roggenburg angemeldet waren. „Wir haben es zum ersten Mal geschafft, das erste Halbjahr das Bildungshaus voll zu verbuchen“, sagt Pater Roman und beendet den Satz mit einem tiefen Seufzer: „Die Einrichtung hat sich jedoch zusehends geleert, als die Behörden die Betriebsuntersagung ausgesprochen hatten und unser Belegungsplan stürzte wie ein Kartenhaus zusammen.“

Die Coronakrise traf auch die 800-jährigen Mauern mit voller Wucht, als sich Mitte März die Gäste durch die heranrollende Infektionswelle noch während der laufenden Seminare verabschiedeten. Der Montag sei seit Wochen immer der schrecklichste Tag gewesen, wenn die Gäste ihre Buchungen der kommenden Monate stornieren würden, sagt Löschinger und deutet auf die Wand im Foyer der Bildungsstätte, wo eigentlich die Seminare oder Schulklassen eingetragen sind. Stattdessen bestimmt die vergangenen Wochen weißes Papier den leeren Plan.

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Positives Denken in Roggenburg

Dennoch wolle er sich am positiven Denken orientieren, wie Pater Roman sagt und fügt hinzu: „Es gibt viele Nächte, in denen ich schlecht schlafe.“ Ein endgültiges Ende der Lage ist nicht in Sicht – wobei Lockerungen kommen werden. Pater Roman nennt als Beispiel ein etwa drei Wochen altes Schreiben des Kultusministeriums, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass Neuverträge mit Schulen in diesem Jahr fürs Erste zu unterlassen seien. Alleine damit fallen schon 130 Buchungen aus. Der geschätzte Schaden für das Haus ist bislang rund 875000 Euro eine Katastrophe, während Pater Roman die menschlichen Folgen hinter der Zahl schildert: Mit insgesamt 120 Mitarbeitern ist das Kloster der größte Arbeitgeber in Roggenburg. Zudem sind auch Metzger, Bäcker oder Brauer als regionale Lieferanten vom Stillstand betroffen.

Vor etwa 40 Jahren zog ein neuer Konvent in die historische Klosteranlage ein und machte die Einrichtung mithilfe zahlreicher großzügiger Spender und mit der Unterstützung namhafter Politiker wieder zu einem der wichtigsten kulturellen Zentren der Region. Mit viel Aufwand wurde die gesamte Anlage saniert.

Schulklassen und andere Veranstaltungen in der Zwangspause

Neben den Schulklassen, Seniorengruppen oder Musikvereinen ist die Gruppe des Kinderhospiz von der Zwangspause in Roggenburg besonders tragisch betroffen. Todkranke junge Patienten hatten hier bisher in einer Woche während der Pfingstferien die Gelegenheit, gemeinsam mit ihren Eltern und Geschwistern mit professioneller Betreuung wieder Energie für den Überlebenskampf zu tanken. „Wir haben ohnehin bereits in den Jahren vor Corona bei diesen schwerstkranken Gästen auf besondere Schutzmaßnahmen geachtet“, sagt er – nun sei das natürlich doppelt wichtig. Löschinger betont gleichzeitig, dass er dennoch an den amtlich verordneten Hygieneregeln nicht rütteln wolle: „Für die Sicherheit gibt es keine Alternative.“ Deshalb proben die Mitarbeiter der Bildungsstätte schon eine ganze Weile für den Tag X, an dem Kloster und Bildungszentrum für Gäste wieder geöffnet werden soll, damit die Hygienevorschriften und Abstandsregeln erfüllt werden können. Nach derzeitigem Stand, der sich bekanntlich schnell ändern kann, ist das Bildungszentrum auf jeden Fall bis Ende Mai geschlossen. Der Klostergasthof darf unter strengen Auflagen öffnen, das Hotel ist derzeit für Geschäftsreisende offen.

Verärgert war Pater Roman vom zu Beginn der Krise lange andauernden Stillschweigen des Kultusministeriums, das als Behörde für die Bildungsstätte zuständig ist. Mit der Unterstützung aller Bundes- und Landtagsabgeordneten der Region legte Pater Roman indes harte Bandagen an, um auf die prekäre Situation der Bildungsstätten aufmerksam zu machen. Denn als gemeinnützige Gesellschaften könne den Einrichtungen eine Insolvenz drohen. Die Folge daraus könnte sein, dass letztlich nur noch staatliche Einrichtungen bestehen. „Damit steht die geistige Vielfalt unserer Gesellschaft auf dem Spiel.“

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