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Ulm

22.02.2021

Wie die Uni Ulm Tierversuche verbessern und verringern will

Die Tierversuche ersetzen, reduzieren und verbessern: Daran forscht die Universität Ulm durch die Beteiligung am landesweiten 3R-Netzwerk.
Bild: Elvira Eberhardt, Uni Ulm (Symbolfoto)

Tierversuche seien für die Krebsforschung noch unverzichtbar, sagen Wissenschaftler. Doch die Belastungen sollen sinken. Die Uni Ulm hat konkrete Pläne.

Auf der Suche nach hochwirksamen Krebstherapien oder neuen Behandlungen für Unfallopfer setzen Wissenschaftler auf Tierexperimente. Darauf könne noch nicht verzichtet werden, gibt die Universität Ulm an. Doch die Wissenschaftler, die dort arbeiten, forschen bereits zu alternativen, tierfreien Methoden und wollen notwendige Tierexperimente zudem so wenig belastend wie möglich gestalten.

Für ein neues Projekt zu verbesserten Rahmenbedingungen bei Tierversuchen und für Schulungen erhält die Universität Ulm einer Pressemitteilung zufolge über 300.000 Euro vom baden-württembergischen Landesministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Das dreijährige Ulmer Vorhaben ist Teil eines landesweiten 3R-Netzwerks: Durch Richtlinien und gezielte Weiterbildungsmaßnahmen sollen Bedingungen bei notwendigen Experimenten im Tiermodell optimiert und vereinheitlicht werden. Insgesamt stellt das Ministerium rund 3,8 Millionen Euro für Projekte innerhalb des Netzwerks bereit.

An der Uni Ulm kommen bei Tierversuchen Mäuse zum Einsatz

Die häufigste Todesursache bei jüngeren Menschen unter 45 Jahren sind schwere körperliche Verletzungen – oftmals ausgelöst durch Unfälle. Über alle Altersgruppen hinweg sterben die meisten Patientinnen und Patienten an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. An der Universität Ulm wird auf höchstem Niveau zu Traumata und ihren Folgen sowie zu neuen Krebstherapien oder altersassoziierten Krankheiten geforscht. Dabei sind nach Angaben der Uni nach wie vor Tierversuche nötig, denn komplexe Wechselwirkungen können oft nur im lebenden Organismus nachvollzogen werden. Auch die jetzt zugelassenen Corona-Impfstoffe wurden zunächst im Tiermodell erprobt.

An der Universität Ulm kommen meist Mäuse zum Einsatz, die ähnliche Krankheitszustände wie Unfallopfer, Krebskranke oder etwa Menschen mit neurodegenerativen Erkrankungen aufweisen. "Solange es keine gleichwertigen, tierfreien Alternativen zu solchen Experimenten gibt, müssen wir Wege finden, um die Belastung der Tiere auf ein Minimum zu reduzieren", sagt Professor Jan Tuckermann, Leiter der Tierforschungskommission der Universität Ulm. Genau dieses Ziel verfolgt das neue Projekt "Etablierung und Verbesserung von Refinement-Maßnahmen für Tiere", das Teil des baden-württembergischen 3R-Netzwerks ist. 3R steht für "Replacement, Reduction und Refinement" – also Ersatz, Verringerung und Verbesserung von Tierexperimenten.

Tierversuche: Stress der Mäuse soll gesenkt werden

An der Universität Ulm wird die Belastung der Tiere schon jetzt kontinuierlich überwacht und festgehalten. Im Zuge des neuen Projekts sollen solche Refinement-Maßnahmen standardisiert und landesweit eingesetzt werden. Weitere Mittel zur Verbesserung der experimentellen Rahmenbedingungen reichen von zusätzlichen Verstecken und Nestbaumaterialien bis zur berührungsfreien Medikamentengabe. "Wenn Tiere eingefangen werden, um sie zu untersuchen oder um ihnen Wirkstoffe wie Schmerzmittel zu verabreichen, bedeutet das Stress für sie. Es gilt also Wege zu finden, Medikamente über Gele oder das Trinkwasser zu geben", erklärt die Leiterin des Tierforschungszentrums, Dr. Inken Beck. Ziel seien daten- und erfahrungsbasierte Anleitungen, die auch anderen Gruppen im Land zur Verfügung stehen.

Im Vorfeld des neuen Projekts haben die Ulmer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Untersuchungen aus der Traumaforschung begleitet und Belastungsparameter identifiziert. Demnach lässt sich Stress über den Cortisolwert in den Ausscheidungen der Tiere messen. Stoffwechselparameter werden über den Energieverbrauch erfasst. Bei der Einschätzung des Zustands der Tiere helfen künftig sogenannte Phenotyping-Käfige, die einige Messungen automatisiert und somit stressfrei durchführen.

Im baden-württembergischen 3R-Netzwerk werden die Ulmer Forschenden ihr Wissen zum Refinement in Schulungen und Leitfäden weitergeben. Besonders wichtig ist ihnen der flächendeckende Einsatz einheitlicher Score Sheets, mit denen Verhalten und Gesundheitszustand der Tiere dokumentiert werden.

Universität Ulm: Gibt es Alternativen zu Tierversuchen?

Darüber hinaus bieten Dozierende um Dr. Sibylle Ott, Tierärztin an der Uni Ulm, anerkannte 5R-Kurse zur Qualitätsverbesserung von Tierexperimenten an – die beiden zusätzlichen "R" stehen für Genauigkeit und Reproduzierbarkeit (Rigour und Reproducibility) von Versuchen. Die mit 16.000 Euro geförderten Weiterbildungen richten sich an Forschende, Tierschutzbeauftragte, Behördenvertreter oder fortgeschrittene Studierende. Teilnehmende sollen in die Lage versetzt werden, Belastungen im Tierversuch zu erkennen und zu reduzieren. Insgesamt trägt ein funktionierendes Qualitätsmanagement dazu bei, dass die Versuche wiederholbar und Ergebnisse schneller auf den Menschen übertragbar werden.

Alle Aktivitäten zur Verbesserung von Tierversuchen laufen parallel zur Entwicklung tierfreier Alternativen. An der Universität Ulm wird beispielsweise intensiv an einem menschlichen Vollblutmodell zur Simulation von Gerinnungs- und Abwehrvorgängen gearbeitet. Weiterhin entwickeln Forschende "Minidärme", "Minigehirne" oder künstliche, zellbasierte Lungenbläschen, um Tierversuche ersetzen zu können. In einigen Fällen helfen Computersimulationen dabei, Vorgänge im menschlichen Körper zu verstehen. Trotz dieser Alternativen werden Forschende in absehbarer Zeit nicht auf Tierversuche verzichten können. Umso wichtiger sind die in Ulm beforschten Refinement-Maßnahmen und das Engagement im landesweiten 3R-Netzwerk. (AZ)

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