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07.07.2010

Wie ein Dachbalken die Dampflok verdrängte

Fundstück: Diese Säule wackelte und führte 1859 zum Einsturz der Kirche.
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Fundstück: Diese Säule wackelte und führte 1859 zum Einsturz der Kirche.

Weißenhorn Erst zogen Römer durch, dann folgten Könige, ein Kaufmann und sogar der Kaiser - eine explosive Mischung: Die Fuggerstadt blickt auf eine turbulente Geschichte mit spannenden Zeiten zurück. Heuer wird Weißenhorn 850 Jahre alt, im Juli erreicht das Fest seinen Höhepunkt. Am kommenden Freitag wird eine Festschrift zur Geschichte unter dem Titel "Weißenhorner Profile" (siehe Info) präsentiert. Heute der zweite Teil einer Serie zur teils tragischen Stadtgeschichte: Von Schweden, einer Hungersnot und einem Unglück mit dramatischen Folgen.

Alter Schwede: Im 30-jährigen Krieg fegten die Schweden raubend und mordend durch die Region. Doch Weißenhorn blieb verschont - dank einer mutigen Frau. Gräfin Juliane Fugger, die bei ihrem Schwager in Brandenburg bei Regglisweiler weilte, stellte sich den Soldaten entgegen. Offenbar recht überzeugend: Ihre Bitte, einen großen Bogen um Weißenhorn zu machen, wurde erhört. Glück gehabt, sagt Museumsleiter Wolfgang Ott: "Ansonsten wäre es der Stadt wohl schlecht ergangen."

Aufschwung: In den folgenden Jahrzehnten florierte der Handel, Weißenhorn mauserte sich zum wirtschaftlichen Zentrum der Region: " Illertissen und Vöhringen waren ja noch Dörfer", sagt Ott. Doch 1732 gab es einen "großen Knall" - die Habsburger forderten die Stadt von den Fuggern zurück. "Als hätte man ihnen die Stadt damals unter dem Hintern weggepfändet", sagt Ott. Dies führte zu einem "Supergau" für die Fugger, sie mussten - obwohl schon Jakob 50 000 Gulden bezahlt hatte - noch einmal tief in den Säckel greifen. Standesgemäß gebaut wurde trotzdem. Aus dieser Zeit stammt der Trakt zwischen Neuffen- und Fuggerschloss.

Napoleon: Der kleine Franzose mit dem großen Ego spielte auch der Fuggerstadt übel mit. In der Zeit der Koalitionskriege zwischen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts wurde die Fuggerstadt gleich vier Mal überrannt. "Ständig waren die Franzosen da", sagt Ott. Sie verlangten Geld, Pferde und andere Güter. "Eine dramatische Zeit."

Wie ein Dachbalken die Dampflok verdrängte

Hungersnot: Ein harter Winter und ein verhageltes Frühjahr sorgten 1816 für eine miese Ernte. Die Preise für Roggen, Gerste und Hafer stiegen ins Astronomische, die Bürger hungerten. In Weißenhorn ließen Pfarrer und Bürgermeister eine Brotbackstube im Oberen Tor einrichten. Vorfahren von Comics aus dieser Zeit sind im Heimatmuseum zu sehen: In sogenannten Schraubtalern führten die Weißenhorner damals kleine Gemälde ihrer Not - beliebt waren weinende Mütter - und die aktuellen Brotpreise mit sich.

Einsturz: Die Industrialisierung brachte die Eisenbahn in die Region - eine Strecke von Kempten nach Ulm sollte über Weißenhorn führen. Doch die Fuggerstadt wurde durch ein dramatisches Unglück jäh ausgebremst. Im Jahr 1859 stürzte das Dach der Kirche während der Frühmesse ein und begrub zwölf Menschen unter sich. Eine Ursache für die Katastrophe: Um 1700 sägte ein Zimmermann bei Reparaturen im Dach tragende Balken an. Die Konstruktion sollte noch über 150 Jahre halten. Als Arbeiter 1859 jedoch ein Taufbecken aus einer tragenden Säule entfernten, wurden die Grundfesten erschüttert. Am 22. Februar stürzte das Dach schließlich ein, zwölf Weißenhorner fanden den Tod. Heute ist ein Teil der Säule im Museum zu sehen. Der Einsturz hatte dramatische Folgen für die Wirtschaft der Fuggerstadt: Jahrelang hatte die Verwaltung für die Eisenbahn gespart, nun ging das Geld für eine neue Kirche drauf. Keine Kohle, keine Lok: Die Linie wurde an der Iller gebaut. Eine Folge: Wichtige Webereien entstanden in Vöhringen, Illertissen und Ay, die Fuggerstadt ging leer aus. Museumsleiter Ott: "Das 19. Jahrhundert war nicht lustig für Weißenhorn."

Schlösser: Nach der deutschen Revolution 1848 bezahlten die Bauern nicht mehr an die Fugger - ihre Häuser kamen unter den Hammer. Die Stadtverwaltung kaufte die Schlösser und das Stadttheater.

Rosige Zeiten: Im 20. Jahrhundert ging's wirtschaftlich aufwärts, der große Boom kam nach dem Zweiten Weltkrieg. Oetinger begann etwa mit dem Einschmelzen von Flugzeugteilen, Flüchtlinge gründeten Reichmann. 1968 siedelte sich Peri an.

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