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Ulm

18.06.2019

Wie eine Ulmer Familie elf Enten großzog

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4 Bilder
Die Ulmer Familie zog die Tiere in einem Kinderreisebett auf, den Boden legten die Fabers mit Wickelunterlagen und Heu aus.
Bild: Sammlung Faber

Plus Jahr für Jahr brütete Ente Waltraud in einem Ulmer Garten, dann biss ein Hund sie tot. Die Familie zog die Küken auf. Über eine Zeit voll schöner Momente.

Es war ein stressiger Tag, Maija Faber passte einen kurzen Moment nicht auf. Ein paar Augenblicke später war Waltraud tot. „Es fing alles mit einem Mordstragödie an“, erinnert sich die Ulmerin. Was folgte, nennt sie „unser Entenglück“. Die Fabers brüteten elf Eier aus und zogen elf Küken groß. Es war ein Vollzeitprojekt der ganzen Familie, über Wochen. Maija Faber schlief vorübergehend im Gästebett, um die Eier im Brutkasten regelmäßig drehen zu können, ihr jüngster Sohn Lars kümmerte sich zwischen den Lernphasen für seine Abiturprüfungen, sein Bruder Nils kam früher als sonst aus seinem Studienort Konstanz nach Hause, um mitzuhelfen und auch Vater Bernhard und der dritte Sohn Björn packten an.

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Das vierte Jahr in Folge war eine Stockente im Februar in den Garten der Fabers auf dem Ulmer Eselsberg gekommen, um ihre Eier auszubrüten. Unter dem Nektarinenbäumchen, gleich am Haus. Der Vogel, den die Fabers auf den Namen Waltraud tauften, klopfte sogar mit dem Schnabel gegen die Fensterscheibe, wenn kein Futter da war. Dann kam der 19. März, ein Dienstag. Maija Faber hat sich den Tag im Kalender angestrichen. Die Familie, die zwei Hunde hält, hatte einen dritten für eine Woche zur Pflege. Immer gaben die Fabers Acht, dass der Pflegehund nicht in Waltrauds Nähe kam. Doch dann war da dieser eine Moment. Maija Faber lud das Auto aus, stellte ihre Einkäufe ab – und hörte die Ente schreien. Der Hund hielt sie im Maul, Waltraud starb in Maija Fabers Händen. Unter dem Nektarinenbäumchen, wo sie gebrütet hatte, lagen zwölf Eier. Eins war zerbrochen, die anderen elf waren heil. „Ich dachte, jetzt muss ich wenigstens die Eier retten“, erzählt die Ulmerin. Unter Tränen rief sie jeden an, der einen Brutkasten haben könnte. Ein Jagdlehrer gab den entscheidenden Tipp: Bei einem Geflügelhof nachfragen.

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Entenglück für eine Ulmer Familie

Maija Faber kramte eine Eierschachtel aus dem Müll, rief auf dem Koblerhof in Wain unweit Illertissen an und holte enig später einen Brutkasten ab – „bestimmt 35 Jahre alt.“ Die Eier deckte sie derweil mit Daunen aus dem Hundekissen von Mopsdame Pauline ab. Den Brutkasten stellten die Fabers ins Wohnzimmer, um ja nicht zu vergessen, die Eier regelmäßig zu wenden. Alles muss stimmen: Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Belüftung und eben das Wenden. „Man denkt immer, Vögel haben nicht viel zu tun, Aber großen Respekt, das ist ein Wunder der Evolution“, sagt Faber.

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Am Mittwoch vor Ostern nahm die Sozialpädagogin und Erzieherin, die im Montessori-Kinderhaus arbeitet, die Kinder mit zu sich nach Hause, um ihnen den Brutkasten zu zeigen. Da sahen sie die ersten Sprünge in den Eiern. Am Gründonnerstag schlüpften die Küken. „Das war das Ostern unseres Lebens“, schwärmt Maija Faber. Tags darauf quartierte die Familie die jungen Vögel in ein gebrauchtes Kinderreisebett um, das mit Wickelunterlagen und Heu ausgelegt war. „Das war ein Müllberg, das war natürlich scheußlich“, erinnert sich Lars Faber. Nachts schliefen die Enten noch bis Anfang Juni im Haus. Ihre Daunen schützten sie noch nicht vor Nässe und Kälte. „Wir hatten morgens einen Duft wie auf dem Bauernhof“, berichtet Maija Faber. Die Familie hatte jede Menge damit zu tun, den Kot der Tiere zu entfernen – und den der anderen Vögel, von Mopsdame Pauline und vom 14 Monate alten Weimaraner Louie. Die Enten sollten auf keinen Fall Milben bekommen oder sich sonst wie anstecken.

Die Enten baden im Pool und watscheln durchs Haus

Waltrauds Erpel wartete nach dem Tod der Ente fünf Tage im Garten, dann flog er weg und kam nicht mehr zurück. Am Anfang, erzählt Maija Faber, sei sie unglaublich wütend auf den Pflegehund gewesen. Aber: „Es ist sein Instinkt.“ Die Besitzer des Tiers, Freunde der Familie, hätten bei der Aufzucht der Enten mitgeholfen. Auch der Hund war noch einmal zu Besuch im Garten – an der Leine.

Die elf Enten nahmen ihr erstes Bad in einem mit Wasser gefüllten Serviertablett. Später bauten die Fabers im Garten ein Gehege aus Mückengittern – mit einer Abdeckung als Schutz vor Raubvögeln. Schritt für Schritt zogen die Entchen um. Sie badeten in der Badewanne, dann in Planschbecken und schließlich im Pool. Das Futter kaufte die Familie im Fachhandel. Als ein Kurztrip nach Paris anstand, suchten die Fabers Helfer, die sich über das Wochenende um die Tiere kümmerten. Und die ganze Zeit über kam ein Besucher nach dem anderen, der die Enten ansehen wollte.

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Nach ein paar Wochen überlegten die Fabers, wie sie die Enten am besten auswildern können. Doch die Frage erübrigte sich: sieben der Tiere sind bereits weggeflogen, nur vier leben noch im Garten. Darunter das Sorgenkind, dem das Gehen manchmal schwerfällt und das anfangs verklebte Augen hatte. Die Fabers glauben, dass die vier verbleibenden Tiere gemeinsam aufbrechen werden, wenn das letzte weit genug ist dafür. Und dann? „Es kann sein, dass wir nächstes Jahr im Frühling eine Entenkolonie haben“, scherzt Maija Faber. Eins ist für sie klar: „Die Enten haben nicht nur uns glücklich gemacht, sondern ganz viele Leute.“

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