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Ulm

26.11.2017

Wildnis in der Stadt: Wie das Zusammenleben funktioniert

Auch im Ulmer Stadtgebiet sind Wildtiere anzutreffen. Diese Bilder aus der Münsterstadt schickten Bürger dem Stadthaus für die Ausstellung „Wilde Tiere in der Stadt“.
Bild: Alexander Kaya

Füchse, Marder, Kaninchen, Waschbären und mehr – etwa 1000 derartige Tiere sind aus den Wäldern nach Ulm gekommen und heimisch geworden. Das Zusammenleben kann funktionieren.

Manchmal stehen am frühen Morgen Rehe auf dem Ulmer Hauptfriedhof und fressen Rosen und Kastanien. Füchse sind noch zutraulicher, sie dringen in die Gärten am Stadtrand ein. In der Wilhelmsburg an der Stuttgarter Straße lebte vor kurzem eine Rotte Wildschweine, am Zinglerberg tummeln sich Kaninchen und Waschbären fühlen sich im Örlinger Tal besonders wohl. Wildtiere sind heimisch geworden in Ulm. Max Wittlinger, Leiter des Sachgebiets Forstwirtschaft der Abteilung Liegenschaften und Wirtschaftsförderung der Stadt Ulm, schätzt ihre Zahl auf mindestens 1000. Nach und nach werden es mehr. Wittlinger, schlank, hochgewachsen, 52 Jahre alt, ist Stadtförster. Weil er auch Vorsitzender der Jägervereinigung Ulm ist, rufen die Leute bei ihm an, wenn sie ein Tier in der Stadt entdecken und nicht wissen, was sie tun sollen.

Vorsicht ist geboten, wenn das Zusammenleben funktionieren soll

Eine Gefahr geht Wittlinger zufolge von den Wildtieren nicht aus. In den vergangenen zehn Jahren weiß er von einem Fall, bei dem ein Fuchs einer Frau ins Bein biss. Er hatte sich durch ihre Anwesenheit bedrängt gefühlt und keinen Ausweg gefunden. „Die Gefahr, dass man angegriffen wird, geht gegen Null“, sagt der 52-Jährige. Risiken gebe es dennoch, aber indirekt. Füchse können an Räude oder am Fuchsbandwurm erkrankt sein. Letzterer kann beim Menschen Leberzirrhose hervorrufen. Etwa, wenn das im Garten angebaute Gemüse durch den Kot eines kranken Fuchses verunreinigt ist. Deswegen ließ ein Kindergarten einmal den kompletten Sand der Spielanlage für viel Geld austauschen, sicherheitshalber. Auch das war vor etwa zehn Jahren. Damals, erinnert sich Wittlinger, kamen die ersten Wildtiere nach Ulm. Inzwischen habe die Vorsicht nachgelassen, das Zusammenleben sei normal geworden.

Räude, die andere häufige Krankheit von Füchsen, kann auf Hunde und Katzen übertragen werden. Sie ist heilbar, aber schmerzhaft. Rehe und Wildschweine verursachen ein weiteres Risiko: Wildunfälle. Von ihnen gibt es im Stadtgebiet jährlich zwischen fünf und zehn. Meist in Randlagen wie am Berliner Ring, der zu den Krankenhäusern und der Universität führt.

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Stadtförster Wittlinger: "Wild muss bejagt werden"

Wie viele Tiere genau in der Stadt leben, weiß auch Wittlinger nicht. Die Schätzung stützt der Stadtförster auf Beobachtungen und Erfahrungswerte. Es ist eine Zahl, die schwankt. Denn während sich Füchse, Marder, Kaninchen und Waschbären regelrecht in der Stadt einnisten, kommen Rehe nur zu Besuch. Zum Beispiel aus Richtung Blaubeuren an den Grünflächen neben den Bahngleisen. Die Tiere finden in der Stadt Deckung und genügend Futter. „Vier Familien ernähren einen Fuchs“, sagt Wittlinger. Füchse plündern Mülleimer und Komposthaufen. Manche Bürger füttern die Tiere auch, wovon der Förster dringend abrät. „Zum Teil ist das Problem hausgemacht“, betont er. Denn die Tiere hätten in der Stadt ohnehin keine Feinde, weder andere Tiere noch Jäger. „Die Wildtiere merken das“, sagt Wittlinger, der in seinem Heimatort Beimerstetten selbst ein Jagdrevier gepachtet hat.

Auch in Ulm wird gejagt, zumindest gelegentlich. Zwei Stadtjäger haben diese Aufgabe. Etwa einmal im Monat, schätzt Wittlinger, seien sie unterwegs. Meist werden Tiere auf einen Auftrag hin mit Fallen gefangen und außerhalb Ulms wieder ausgesetzt. Doch gelegentlich wird auch geschossen, etwa bei einer Taubenplage, für die keine andere Lösung in Sicht ist. Dann sind die Stadtjäger werktags in den frühen Morgenstunden unterwegs. Gegen 4 Uhr, wenn das Licht gerade hell genug ist und noch keine Passanten auf den Straßen sind. Sie jagen mit Gewehren mit Schalldämpfern und mit leichten Geschossen, die für die Tiere gerade so tödlich sind. „Wild muss bejagt werden“, sagt Wittlinger. „Dafür gibt es keine Alternative. Die natürlichen Feinde fehlen und wir leben in einer Kulturlandschaft.“

Ausstellung zeigt wilde Bewohner in Städten

Das Phänomen, dass Wildtiere in die Städte ziehen, gibt es nicht nur hier. Wittlinger ist auf europaweite Treffen aufmerksam gemacht worden. Im Stadthaus läuft noch bis 10. Dezember eine Ausstellung zu diesem Thema, sie heißt „Wilde Tiere in der Stadt“. Vier Fotografen haben in Berlin, Amsterdam und den japanischen Städten Tokio und Nara Bilder von Graureihern, Sika-Hirsche, Halsbandsittiche, Wildschweinen, Füchsen, Waschbären und weiteren Wildtieren geschossen. An diesem Sonntag wird Stadtförster Max Wittlinger zum zweiten Mal eine Führung durch die Ausstellung geben und dabei auch auf die Wildbiologie in Ulm und der Umgebung eingehen.

Führung Am Sonntag, 26. November, von 11.30 Uhr an im Stadthaus. Teilnahmegebühr 3,50 Euro, ermäßigt 1,50 Euro. Anmeldung telefonisch unter 0731/161 7700 oder per Mail anstadthaus@ulm.de.

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