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Akademietheater

11.11.2017

Willkommen in der Ego-WG

Benny (Theodoros Tsilkoudis, links) versucht Sophie (Noemi Fulli) den Abschied nicht schwer zu machen.
Bild: Dagmar Hub

Eine hochaktuelle Komödie zeigt die Grenzen der Toleranz bei vorgeblich toleranten Menschen

Ideologie prallt auf Realität: In Lutz Hübners und Sarah Nemitz’ jetzt im Akademietheater gespielter Komödie „Willkommen“ möchte es sich eine Stuttgarter Luxus-WG leisten, ein frei werdendes Zimmer an Flüchtlinge zu vergeben. Fiktiv eine sehr großzügige Idee. In der Praxis aber ist es mit der Toleranz der wohlstandsverwöhnten Großstädter doch nicht so weit her.

Wenn Masken fallen und Heiligenscheine zerbröseln, kann das bitter sein. Oder amüsant, wenn es gelingt, nicht zu verletzen. Die Ulmer Inszenierung entscheidet sich konsequent für die pointiert-witzige Richtung. Die WG, die sich die riesige Wohnung der Fotografin Sophie (Noemi Fulli) teilt, gibt sich progressiv, politisch korrekt und diskussionsgewohnt. Beim Abendessen samt Rotwein berichtet Dozent Benny (Theodoros Tsilkoudis), für ein Jahr nach New York zu gehen. Wohnen wird der bisexuelle Mann dort bei seinem Geliebten – schlechte Papiere für Sophie, mit der Benny in der WG hin und wieder ins Bett ging. Benny stößt die Diskussion an, seine frei werdenden 30 Quadratmeter Flüchtlingen zur Verfügung zu stellen. Aber nur, wenn alle einverstanden sind. Das Ego von Sophie leuchtet angesichts so viel höherer Moral, sieht sie doch darüber hinaus die Chance, eine Flüchtlingsfamilie für eine Foto-Doku zu nutzen und so endlich berühmt zu werden.

Doch das „Ich bin dagegen!“ kommt – von Mitbewohnerin Doro (Diana Stecker), die zugibt, arabische Männer nicht ausstehen zu können und die Frauenverachtung und Schlampendenken nicht in ihrer Privatsphäre haben will. Die Rassismuskeule schlägt zu und stellt Doro an den Pranger. Die weicht aus und fragt, was die schweigende Mitbewohnerin Anna (Leonie Hassfeld) möchte – und Anna gesteht, schwanger zu sein und das Zimmer am liebsten für ihre neue Liebe Ahmed zu wollen. Ahmed (Simon Rossa) ist der Sohn eines türkischen Gastarbeiters aus dem Ruhrpott, dem niemand bei der Integration half. Die Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die er bei einem Fahrradprojekt betreut, nennt er „Kanaken“, und er sieht sie höchst kritisch. Doch Sophie duldet keine Rassisten, auch türkische Rassisten nicht. Sie kündigt allen Mitbewohnern und will die Wohnung nur mit Flüchtlingen teilen.

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Es ist der überraschendste Moment der Inszenierung, als Sophie ihren Vater in Vancouver anruft: Papa, Akademietheater-Chef Ralf Rainer Raimann, der auf dem Skype-Bildschirm auftaucht, verbietet Sophies Ideen in der von ihm gekauften Wohnung. Die coole Mittdreißigerin hängt nämlich finanziell noch immer voll am väterlichen Tropf. Und auch die anderen WG-Mitglieder sind weit weniger progressiv, liberal und tolerant als sie sich geben: Jonas (Jim Mindner), angehender Banker, träumt davon, richtig spießig zu leben und hat lediglich Angst, es zuzugeben. Einfache Antworten auf die gegenwärtigen großen Fragen gibt es nicht, sagt das Stück. Und unter dem Mantel überhöhter Toleranz kann sich ziemliche Intoleranz verstecken, wenn es um Realitäten geht. Vielleicht kann man die Fragestellungen von „Willkommen“ aktuell nur als Komödie im Sinne des Narren, der der Gesellschaft den Spiegel vorhält, auf die Bühne bringen.

„Willkommen“ ist im Akademietheater am Fort Unterer Kuhberg wieder am 11., 17., 18., 24. und 25. November zu sehen. Kartenvorbestellung unter Telefon 0731/387531 oder per Mail an info@adk-ulm.de.

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