Premiere

22.04.2013

Wo der Hass wohnt

Im Schatten der mächtigen Mutter: Renate Steinle (links) und Christel Mayr, die auf einem Eisberg thront.
Bild: Jochen Klenk

Thomas Bernhards „Am Ziel“ im Podium des Theaters Ulm

Ulm Die Mutter thront auf einem Eisberg. Die Kaskade aus eis- und hell petrolblauem Stoff verlässt sie nie. Sie steckt fest. Unberührbar, grausam, eiskalt und sadistisch ist sie, lässt der bereits über 30-jährigen Tochter keinen Raum zum Leben. Sie hasst und demütigt „das Kind“. Sollte es sich befreien, wird es sterben, droht sie.

Thomas Bernhards Fastmonolog „Am Ziel“ im Podium des Theaters Ulm ist eine Paraderolle für Christel Mayr, deren Bühnenpräsenz nie stärker zur Wirkung kommt als in der Verkörperung harter, gefühlskalter Frauen. Ihr Gegenüber, die wie an Marionettenfäden geführte Tochter, interpretiert Renate Steinle – über lange Passagen stumm, mit verzweifelter Aggression im Trommeln der Finger, dann wieder puppenartig in Selbstaufgabe.

Mutter saugt die Gefühle anderer auf wie ein schwarzes Loch

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In die furchtbare Symbiose aus als Fürsorge deklariertem Hass gerät der aufstrebende junge Schriftsteller, dessen Hoffnungen auf eine Beziehung mit der Tochter unerfüllt bleiben. Wie eine Spinne sitzt die Mutter im Netz. Wer in das Netz gerät, wird emotional ausgesaugt und bleibt als leere Hülle zurück. Die Mutter ernährt sich von den Gefühlen der anderen, saugt sie auf, wie ein Schwarzes Loch alle Materie aufsaugt. Und immer wieder erklingt Ravels „Bolero“ im Hintergrund als Gegenentwurf einer sich rasant steigernden Lebenssehnsucht, die für Mutter und Tochter unerfüllt bleibt.

Katja Langenbach inszeniert „Am Ziel“ mit dem Fokus auf die zerstörerische Wirkung der mächtigen Mutter, die ihre Tochter demütigend als Besitz, als Dienerin ihrer selbst hält; sie drängt bewusst Bernhards Reflexion über das Künstlerdasein, über Theater und Publikum an den Rand. Langenbachs Inszenierung spiegelt den Lebensentwurf einer Frau, die einen verhassten Mann heiratete, weil er Geld, eine Fabrik und ein Ferienhaus am Meer besaß. Riechen, ertragen konnte sie ihn von Anfang an nicht.

Der entstellte Sohn, der als Kleinkind sterben musste, ist seine Schuld. „Er hat es gemacht“, wirft sie dem vor 20 Jahren gestorbenen Ehemann vor. Überfluss und Überdruss, Haben, Nehmen und Verachten: Diese Mutter hat keinen Lebensentwurf, kein Ziel, sie umklammert die Tochter wie eine Hydra, deren Beute mit Haut und Haaren verschlungen wird. Ein misslungenes Leben, an dem alle Schuld anderen zugewiesen wird; der Welthass der Mutter wird über alle und alles ausgegossen. Dass „Am Ziel“ Züge seiner eigenen Kindheit trägt, daraus machte der österreichische Autor Thomas Bernhard nie ein Hehl.

Die ohnmächtige Tochter bleibt ohne Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Sie hält aus, beherrscht, verurteilt, die Sinnlosigkeit zu ertragen. Sie kann die Chance der Begegnung mit dem Schriftsteller nicht nutzen.

Wieder am Mittwoch, 24. April, um 19.30 Uhr.

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