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Pandemie

19.08.2020

Wo die Corona-Lawine einschlug

Ralf Waidner leitet das Seniorenheim in Ludwigsfeld, wo im Frühjahr 18 Menschen mit dem Coronavirus starben. Er sagt: Wir müssen mit Covid-19 leben.
Bild: Andreas Brücken

Das Ludwigsfelder Seniorenheim war im April der Infektions-Hotspot im Landkreis mit 18 Todesopfern. Jetzt vertraut die Einrichtung auf ein lockeres Besuchskonzept

Das Ludwigsfelder Altenheim SeniorenWohnen war im April ein Hotspot der Corona-Infektionen im Landkreis. 18 Bewohnerinnen und Bewohner starben an Covid-19, sagt Einrichtungsleiter Ralf Waidner. Ende Juli feierte das von der Sozialservice-Gesellschaft des Bayerischen Roten Kreuzes betriebene Seniorenheim sein 40-jähriges Bestehen – und das angesichts der Vorkommnisse in schwieriger Zeit. Wie geht man im Haus mit der Situation um?

Ralf Waidner mag es nicht, im Zusammenhang mit der Corona- Pandemie von einer Welle zu sprechen. Er vergleicht sie lieber mit einer Lawine. „Die schlägt ein und trifft“, sagt er. So wie im April im geschlossenen Bereich des Seniorenheimes, wo vor allem Menschen mit Demenz-Erkrankungen untergebracht sind. Man habe zwar im Haus bereits Corona-Schutzmaßnahmen ergriffen, ehe sie verpflichtend wurden. „Aber im beschützten Bereich ist es sehr schwierig umzusetzen, dass Bewohner Mundschutz tragen, weil den Menschen dort das Einsehen in die Notwendigkeit fehlt.“ Wie das Virus ins Seniorenheim kam, war nicht mehr aufzuklären, so Waidner, der vermutet, dass es Covid-19-Fälle bereits vor den ersten bekannten Fällen in Europa gegeben haben dürfte, sie aber Grippe oder grippalen Infekten zugeordnet wurden. Von den etwa 360 Menschen im Haus – gut 190 Bewohner und 170 Mitarbeiter – war etwa ein Drittel infiziert, von diesen hatte wiederum etwa ein Drittel schwere Verläufe, ein Drittel leichte und ein Drittel war symptomfrei. Er selbst wäre niemals auf die Idee gekommen, selbst infiziert zu sein, sagt Waidner – und doch war er es. Er musste in Quarantäne.

Die Zeit der Infektion sei für die Bewohner belastend gewesen, da die Beschäftigten des Hauses in Schutzkleidung in ihren Augen „wie Marsmännchen“ ausgesehen hätten. Zudem habe die Vorstellung, dass man andere Menschen nicht sehen darf, die Bewohner belastet. „Die psychosoziale Komponente war in der Zeit der hohen Auflagen zu wenig in Betracht gezogen worden“, findet Waidner. „Covid wird verantwortlich gemacht für viele Sterbefälle. Das mag so sein. Das Virus tötet auch jüngere Menschen und solche ohne Vorerkrankungen und ist gefährlich.“ Man dürfe Covid nicht kleinreden, müsse aber auch sehen, dass beispielsweise Herbstdepressionen unter alten Menschen mit geschwächtem Immunsystem viele Todesfälle auslösen. „Wir müssen mit Covid-19 leben. Es gibt uns die Aufgabe vor, andere Routinen zu etablieren.“ Seit Mitte Juni dürfen wieder neue Bewohner ins SeniorenWohnen einziehen.

Jetzt geht es im Ludwigsfelder Altenheim vor allem darum, durch Mitarbeiterschulungen, durch Abstand und Mund-Nasen-Schutz zu verhindern, dass die Viren angesichts steigender Fallzahlen erneut ins Haus gebracht werden. „Angehörige müssen lernen, dass man die Bewohner jetzt nach der Öffnung des Hauses nicht berühren darf, so gerne man den besuchten Vater nach der Zeit der größeren Distanz abbusseln würde“, sagt Waidner. Denn es sei wohl vor allem die große Sehnsucht nach Normalität, die zur Verbreitung des Virus beitrage.

Seit etwa vier Wochen ist es den Seniorenheimen überlassen zu entscheiden, ob sie neben dem Besuch durch Angehörige im Garten der Einrichtung oder dem Abholen des Bewohners zu einem Spaziergang auch Besucher im Haus akzeptieren. Das Hygienekonzept, das unter anderem die Aufnahme der Besucherdaten und das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes vorschreibt, muss dafür eingehalten werden. Diese Lockerung bewerten Seniorenheime unterschiedlich. Die Ludwigsfelder Einrichtung hat sich für diese Variante entschieden und lässt bis zu 60 Besucher täglich ins Haus.

Eine ähnliche Entscheidung traf beispielsweise die Seniorenresidenz Drei Taubenschläge in Pfuhl, auch dort dürfen Angehörige in die Zimmer der Bewohner gehen. Das Seniorenstift St. Michael in Offenhausen allerdings entschied anders und lässt Besuche von Angehörigen im Haus zum Schutz der Bewohner nicht zu.

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