Ulm

19.05.2017

Wunder wirken Wunder

Copy%20of%20fuchs.tif
3 Bilder
Auch seltsame Chimären bevölkern die Ausstellung: Die Berliner Künstlerin Iris Schieferstein schafft schaurig-schöne Objekte aus Tierkadavern.
Bild: Andreas Brücken

Staunen erlaubt: Mit ihrer ersten Ausstellung im Museum Ulm zeigt Stefanie Dathe, was sie mit dem Haus vorhat. Im Mittelpunkt steht eine Attraktion, die bislang zu wenig beachtet wurde.

Bescheiden geht wahrscheinlich anders. Stefanie Dathe hat ihre erste Ausstellung im Museum Ulm „Erwarten Sie Wunder!“ getauft. „Der Titel kann vielschichtig interpretiert werden“, sagt die Museumsleiterin, die seit Dezember die Geschicke am Marktplatz lenkt. Denn natürlich erwarten manche von der Kunsthistorikerin, die zuvor aus dem kleinen Museum Villa Rot bei Laupheim eine überregional beachtete Institution machte, Wunderdinge: Sie soll das städtische Museum nach Jahren der Unruhe befrieden, mehr Besucher anlocken – und natürlich faszinierende Ausstellungen machen. „Ich werde hier keine Wunder bewirken können, aber wir geben uns größte Mühe, das Haus anders zu präsentieren“, sagt sie selbst.

Was es Dathe und ihrem Team leichter macht: Es gibt etliche Attraktionen im Haus, die das Attribut „Wunder“ verdienen. Etwa die Kunst- und Wunderkammer von Christoph Weickmann (1617-1681). Von den rund 1000 Objekten aus der ganzen damals bekannten Welt, die der Ulmer Kaufmann einst zusammentrug, sind nur noch rund 80 erhalten: unter anderem eine Decke aus Raphiapalmbast, entstanden wahrscheinlich im Kongo-Gebiet, und zwei westafrikanische Gewänder, die weltweit ältesten erhaltenen Textilien aus Schwarzafrika überhaupt. Wurden diese Schätze bislang eher unter Wert präsentiert, haben sie nun ein neues Zuhause: einen Raum im Kiechelhaus, der einer echten Kunst- und Naturalienkammer nachempfunden wurde. Historische Schränke wurden zu Vitrinen umgestaltet, in der Mitte steht ein Tisch samt Stühlen, der zum Verweilen und Lesen einlädt.

Die Wunderkammern der Frühen Neuzeit waren Orte des Staunens und Studierens. Es ist vor allem die Idee des Staunens, die sich ausgehend von der Weickmann-Sammlung durch das Haus zieht. Sanfter Grusel stellt sich bei Werner Reiterers Arbeit „Two Spirits“ ein: ein auf einem Podest platzierter Kronleuchter, der beim Vorbeilaufen eines Besuchers hörbar zu schnaufen beginnt, wobei beim Einatmen die Lichter heller werden. An der barocken Vanitas-Idee arbeitet sich der Italiener Nicola Bolla ab, vom dem unter anderem ein mit Kristallen besetztes Skelett eines Papstes zu sehen ist, der dem Betrachter eine lange Nase zeigt – ein reizvoller Kontrast zu den Heiligenbildern der Dauerausstellung. Von religiösen Wundern handelt die Arbeit des US-Amerikaners Chris Eckert in der Kapelle: „Auto Acolyte“ („Automatik-Messdiener“) ist ein Kelch, der klingelt, wenn man pfarrerartig seine Hände darüber hält. Das Werk eines Skeptikers mit Humor. Überhaupt hat die Schau Witz. Ein Höhepunkt ist der Beitrag des bayerischen Künstlers Stefan Bircheneder, der mit seiner verblüffenden Illusionsmalerei die Renaissanceräume, in denen bis vor kurzem die Wunderkammer gezeigt wurde, in eine Industrieruine verwandelt hat.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Im Erdgeschoss des Fried-Baus endet der Dialog mit der Dauerausstellung, stattdessen werden dort Kuriositäten dicht an dicht präsentiert, fast wie in einer historischen Wunderkammer, wobei neben Leihgaben auch wundersame Werke aus eigenen Beständen – etwa Joseph Beuys’ „Capri-Batterie“ – zu sehen sind. Und wieder staunt der Besucher: etwa über die abgewetzten Baseball-Schutzmasken, die der Franzose Mathieu Mercier auf Podeste stellte – sie wirken wie die Kultobjekte von Naturvölkern, die auch Weickmann und seine Zeitgenossen in ihren Sammlungen schätzten. Das gilt auch für die Mischwesen von Iris Schieferstein und Thomas Grünfeld – die wirken im Zeitalter der Genmanipulation aber auch wie eine Warnung, die Schöpfung nicht gering zu schätzen.

Ob nun Wunder oder nicht: Stefanie Dathe gelingt es mit ihrer ersten Ausstellung in Ulm, einen neuen Ton im Museum zu etablieren und gleichzeitig die vorhandene Sammlung in ein neues Licht zu rücken – die Übertragung ihrer in der Villa Rot erfolgreichen Themenausstellungen auf ihre neue Wirkungsstätte ist gelungen. Womit wir wieder beim Titel wären: „Erwarten Sie Wunder!“ heißt ein Buch des Stardirigenten Kent Nagano, in dem dieser fordert, dass die klassische Musik Teil des Alltags möglichst aller Menschen sein sollte. Dasselbe wünscht sich Dathe von der bildenden Kunst. Ausstellungen wie diese sind ein Schritt dorthin: Über diese Wunder kann jeder staunen.

Themen Folgen

Die Diskussion ist geschlossen.

Lesen Sie dazu auch
AE.JPG
Kommentar

SPD Neu-Ulm: Esser macht den Weg frei für einen Neuanfang

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen