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Ulm

16.09.2020

Zeitreise durchs alte Ulm: Als das Zeughaus eine prunkvolle Kaserne war

Dieses Bild zeigt das Ulmer Zeughaus in den 1910er Jahren.
Bild: R. Manhalter

Plus Die frühere Waffenkammer in Ulm beherbergt Soldaten, ein prächtiges Krankenhaus ist eröffnet worden: In unserer Sommerserie sind die Anzeichen dunkler Zeiten schon zu erkennen.

Darf ich Ihnen Ulrich vorstellen? Während des Sommers möchte Sie der Eisenwarenhändler durch das alte Ulm der Vorkriegszeit begleiten. Dabei dürfen wir davon ausgehen, dass Ulrich ein stolzes Alter erreichen wird: Seine ersten Eindrücke stammen aus den 1860 Jahren, während er als Greis eine letzte Runde durch sein noch unzerstörtes Ulm drehen wird. Zur besseren Orientierung sind den alten Bildern, welche aus dem Buch Das Ulmer Stadtbild von Hellmut Pflüger (Weißenhorn, 1964, 1982) reproduziert sind, aktuelle Aufnahmen aus derselben Perspektive beigeordnet.

Die politische Lage hatte sich massiv zugespitzt. Allenthalben ein Säbelrasseln und Kräftemessen. Europa schien schlafwandlerisch in einen unkontrollierbaren Konflikt mit ungewissem Ausgang zuzusteuern. Zumindest das Geschäft mit Eisenwaren lief besser als je zuvor, denkt Ulrich, während er zusammen mit seiner Frau durch die östliche Innenstadt flaniert. Dabei ist diese Gegend jenseits der Frauenstraße nicht das Ulm der Läden und großen Geschäfte. Handwerkerbetriebe und zwischendurch auch Gärten bestimmen die Straßenzüge der Bock-, Hahnen-, und Radgasse.

Das Zeughaus entstand, als sich die große Zeit der Stadt Ulm schon dem Ende zuneigte

Das eigentliche Ziel Ulrichs ist dann auch das ehemalige Zeughaus, einstige Waffenkammer der alten Reichsstadt. Seit deren Ende dient der umfangreiche Gebäudekomplex als Kaserne und unheilvoll ahnt unser Kaufmann, dass diese in naher Zukunft wieder eine wichtige Rolle spielen wird. Aber zumindest an diesem herrlichen Sonntag wischt Ulrich die düsteren Gedanken beiseite und erfreut sich stattdessen der herrlichen Fassadengestaltung des repräsentativen Baus. Dabei wurde das Zeughaus in dieser Form erst errichtet, als die große Zeit Ulms sich bereits dem Ende zuneigte. Zwar weist noch eine spätgotische Häuserfront in das Jahr 1522 zurück, doch die dominanten Portale ebenso wie der beeindruckende Löwenbau, spiegeln bereits den Geist der Renaissance wider. Anna, Ulrichs Frau, weiß zu berichten, dass die Quaderbemalung auf den Fassaden charakteristisch für die Ulmer Spielart dieser Kunstrichtung ist. „Schau Dir doch nur das Kornhaus an“, macht sie ihren Mann auf diese lokale Besonderheit aufmerksam.

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Das Zeughaus heute.
Bild: R. Manhalter

Währenddessen inspiziert Ulrich die überaus prächtigen Portale. Über dem Haupttor prangt das Wappen des Königreichs Württemberg und vor demselben steht ein Soldat des Ulanenregiments Wache. Leider ist es Ulrich und Anna nicht gestattet, den Innenhof zu besichtigen. Durch das große Portal können die beiden jedoch erkennen, dass sich hinter hektischer Betriebsamkeit noch ein Stück alte Stadtmauer abzeichnet. Diese muss wohl, so mutmaßt Ulrich, gleichzeitig den Hof nach Norden begrenzen. Links davon ist gerade noch die Verlängerung des gotischen Baus zu sehen.

Heilig-Geist-Spital, Lazarett und Krankenhaus am Safranberg: Hier wurden in Ulm Kranke versorgt

Vor dem dreigeschossigen Fachwerkflügel warten angebundene Pferde auf ihren nächsten Einsatz. „Pferde ...“, sinniert Ulrich, „als ob der nächste Krieg noch mit Pferden geführt werde.“ Anna interessiert sich stattdessen für das Portal mit den beiden liegenden Löwen und der sie überragenden Figur des Herkules. Hier habe die mächtige Reichstadt ihre militärische Kraft repräsentiert, schlussfolgert Ulrichs Gattin. Nachdem der Zugang zum Innenhof aus verständlichen Gründen verwehrt wurde, beschließen die beiden Eheleute, noch einen Abstecher zum benachbarten Seelhaus zu unternehmen.

Der eingeschossige Bau mit hohem Satteldach und Fensterrahmungen aus Naturstein diente einst zur Krankenpflege. „In reichstädtischer Zeit waren es größtenteils Franziskanerinnen, die sich dieser Aufgabe widmeten“, gibt Ulrich zur Erklärung. Daneben existierte auch noch das Heilig-Geist-Spital, ebenfalls in der östlichen Innenstadt gelegen. „Die Medizin war natürlich noch weit vom heutigen Wissensstand entfernt“, fährt er fort, „aber zumindest verfügte die Stadt über solcherlei Einrichtungen. Außerhalb der Mauern sah es da ganz anders aus.“ Anna stimmt ihm zu und gibt zu Bedenken, dass neben dem bestehenden Lazarett auf dem Michelsberg erst kürzlich das neue Krankenhaus auf dem Safranberg eröffnet wurde. Wie ein herrschaftliches Schloss sehe das Gebäude aus, schwärmt Ulrichs Gattin. „Trotzdem will ich hoffen, dass wir von Not, Krankheit und Pein noch einige Zeit verschont bleiben werden“, antwortet ihr Mann nachdenklich. „In Anbetracht des gegenwärtigen Pulvergeruchs in der Luft, habe ich da so meine Befürchtungen.“

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