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19.01.2015

Zollitsch über sein „schlimmstes Weihnachten“

Robert Zollitsch bei seiner Rede in Ulm am Wochenende.
Bild: Alexander Kaya

Der Ex-Vorsitzende der Bischofskonferenz gewährt im Donauschwäbischen Museum interessante Einblicke

Der frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hat dazu aufgerufen, die Erinnerung an Flucht und Vertreibung während des Zweiten Weltkriegs wach zu halten. Bei einer Gedenkveranstaltung über die Deportation von Deutschen in die ehemalige Sowjetunion sprach er am Samstag im Donauschwäbischen Zentralmuseum auch erstmals öffentlich über die Verschleppung eigener Familienangehörigen.

Zollitsch berichtete über das „schlimmste Weihnachten“ seines Lebens im Dezember 1944: Demnach waren der Vater und der älteste Bruder an der Front, ein anderer Bruder kurz vor Weihnachten von Titos Partisanen „grausam abgeschlachtet“ worden und die Mutter krank von Zwangsarbeit. Nach dem Gottesdienst am Weihnachtstag wurden von einem Gemeindediener alle Frauen zwischen 18 bis 40 und alle Männer zwischen 17 bis 45 Jahren aufgefordert, am Nachmittag zum Rathaus zu kommen. Dann wurden laut Zollitsch 239 Frauen und Männer seines Heimatortes "in Viehwaggons zur Zwangsarbeit nach Russland deportiert". Darunter war auch seine Tante. Was die Frauen und Männer in Kohlengruben, Kolchosen, Ziegelfabriken und auf Flugplätzen mitgemacht hätten, sei unbeschreiblich, so Zollitsch. 53 Deportierte seien gestorben, Überlebende krank und physisch gebrochen gewesen. Für die Tante habe die „qualvolle Tortur“ nach fünf Jahren geendet. Über das Erlebte habe sie fast nichts erzählt; es habe ihr „die Sprache verschlagen“. Er selbst habe 60 Jahre gebraucht, bis er über die eigene Deportation als Sechseinhalbjähriger ins Vernichtungslager Gakowa öffentlich gesprochen habe.

Zollitsch rief dazu auf, die Erinnerung wachzuhalten. Wörtlich sagte er: „Die Opfer von Krieg und Gewalt, von brutaler Menschenverachtung und erbarmungsloser Versklavung haben es verdient, dass wir ihrer gedenken.“ Zugleich bestehe die Pflicht, sich darum zu bemühen, „dass so etwas oder Vergleichbares nie wieder geschieht“. Zollitsch betonte: „Zudecken und Vergessen beschwören Gefahren herauf, nicht die Erinnerung und Tage des Gedenkens.“ Wer die Schicksale verdränge, mache die Betroffenen ein weiteres Mal zu Opfern, zu Opfern des Vergessens. Eine solche Erinnerung sei zwar eine Zumutung und auch weder bequem noch angenehm. Jedoch gehe es um einen Aufschrei und einen Anstoß für die Gegenwart. Zum Hintergrund: Nachdem die Rote Armee im Herbst 1944 nach Westen vorgerückt war, begann im Januar 1945 die Deportation von Zivilbevölkerung zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion. 120 000 Deutsche waren davon betroffen. Ein Viertel von ihnen sollte aus den Lagern nicht zurückkehren. Die Geschichte der Deportation war lange Zeit kein öffentliches Thema. Erst 1995, zum 50. Jahrestag, fand eine erste öffentliche Veranstaltung mit Betroffenen statt. Anlässlich des 70. Jahrestages trafen sich die letzten Überlebenden in Ulm. (az)

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