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Ulm

21.02.2014

Zu Aldi, ins Kloster oder zum Bund?

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Hinter einer echten Aldi-Kasse können Besucher der Ulmer Bildungsmesse Platz nehmen. Der Discounter bildet in elf verschiedenen Berufen aus.

Wie Firmen, Hochschulen und Institutionen den Nachwuchs locken wollen

Es ist eigentlich wie immer bei Aldi: An der Kasse bilden sich Schlangen. Nur lassen sich die Rollen am Stand des Discounters auf der Ulmer Bildungsmesse tauschen. Eine begehrte Erfahrung ist es für Schüler ganz offensichtlich, die Waren über den Scanner zu ziehen. „Einfach. Erfolgreich.“ Mit diesem Spruch lockt Aldi-Süd, um an Nachwuchs für seine 1791 Filialen zu kommen. „Wir bieten aber mehr als Kassen-Scanner“, sagt Ausbilderin Andrea Prohaska und preist ihren Arbeitgeber an. So wie die anderen Discounter auch: Bei Lidl heißt es „die Zukunft hat noch Stellen frei“, Netto und Norma versuchen mit Gewinnspielen zu punkten.

Bis zu 40000 Besucher erwartet Ivo Gönner auf der noch bis einschließlich Samstag andauernden Großveranstaltung. In einer Doppelfunktion war Ulms Oberbürgermeister gestern auf dem Ulmer Messegelände zugange: Gleich nachdem er zur Eröffnung vor Vertreten aus Politik und Wirtschaft klarstellte, dass die Veranstaltung „kein verlängerter Schullandheimaufenthalt ist“, stellte sich Gönner an den neuen, schicken Stand der Stadt Ulm und warb um Nachwuchs: „Ja, auch bei uns herrscht auch Fachkräftemangel“, sagt der Herr über 2500 städtische Angestellte. In 31 Berufen bildet die Stadt derzeit selber aus, neben den klassischen Verwaltungsberufen auch im kaufmännischen, handwerklichen und pädagogischen Bereich. Kaum ein anderer Arbeitgeber bietet eine derartige Ausbildungsvielfalt.

Die Vielfalt der Bildungsmesse ist noch größer: In sechs Hallen wetteifern alle denkbaren Arbeitgeber um die Gunst des Nachwuchses. Bosch Rexroth versucht mit ferngesteuerten Lastern zu punkten, Honold lässt Papierblöcke mit Spielzeugstaplern stapeln, Settele verschenkt Maultaschen und so gut wie jeder Stand will sich mit Gewinnspielen und Kugelschreibern ins Hirn der Schüler brennen. Der „Nano-Truck“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zeigt auf 100 Quadratmetern anschaulich die Welt der kleinsten Teilchen und Strukturen. Die Bundeswehr lenkt mit einem Yak-Panzerfahrzeug die Blicke auf sich. Und bei Drogeriemarkt dm lernt man offenbar nicht nur einfach einen Beruf: „Erlebnis Ausbildung“ steht in großen Lettern über dem blütenweißen Stand. Julia aus Unlingen hat sich aber schon anders entschieden. „Ich will zum Zoll.“ Die Neuntklässlerin scheint eine Ausnahme zu sein, die wenigsten Messebesucher können spontan ihren Wunschberuf nennen.

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Der Nachwuchs genießt durchaus den Luxus, begehrt zu sein. Bundesweit fehlen derzeit 120000 Fachkräfte, rechnete bei der Eröffnung der baden-württembergische Kultusminister Andreas Stoch vor. Und lobte die Ulmer Bildungsmesse als Vorbild ihrer Zunft. Der Ulmer Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK), Peter Kulitz, mahnte davor, dass das Gymnasium zur neuen Hauptschule werde. 46 Prozent der Schüler würden in Baden-Württemberg auf die Hochschulreife zusteuern, was zu weniger Lehrlingen führe. Dabei sei gerade die nicht akademisierte duale Ausbildung das Rückgrat des deutschen Wohlstandes. Kulitz stehe als Spitze des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags in Kontakt mit Wirtschaftsvertretern aus der Türkei, die dort ein Berufs-Bildungssystem nach deutschem Vorbild etablieren wollen.

Ob diese unglaubliche Vielfalt auf dem Bildungsweg „der eigenen Wegfindung“ diene, zweifelt Gönner an. Die hohe Spezialisierung habe Schattenseiten. „Da ist man schnell auf einem Gleis, von dem man nicht mehr runter kommt.“

Um für ein ganz besonderes Gleis zu werben, steht Frater Joseph am Stand des Klosters Roggenburg. Wobei der Ordensbruder betont, dass das erst 1982 wiedergegründete Prämonstratenser-Kloster „eine gesunde Altersstruktur“ habe. Noch. Allerdings muss man nicht gleich ein „Gemeinschaftsleben in der Nachfolge Christi“ ergreifen, um dem Kloster nah zu sein. „Offen für den Himmel und zwei Füße am Boden“ seien auch die Ausbildungsberufe rund um das bewirtete Bildungszentrum. Und elektronische Kassen gibt’s hier auch.

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