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Kabarett

10.01.2020

Zu Gast im „Erwin-Scharff-Haus“ - Günter Grünwald in Neu-Ulm

Günter Grünwalds Humor lebt von derben Geschichten und gekonnt platzierten Schimpfwörtern, seinem unbremsbaren Redefluss – und dem Charme bayerischer Unverblümtheit. Das bewies er nun auch in Neu-Ulm.
Bild: Alexander Kaya

Plus Günter Grünwald steht für krachigen Humor. Auf der Bühne in Neu-Ulm reißt er derbe, ausgefuchste Witze – und tauft den Veranstaltungsort spontan um.

Der erste Witz geht auf Kosten des Hauses. Er freue sich riesig, hier im „Erwin-Scharff-Haus“ zu spielen, sagt Günter Grünwald. Nein im ... Dingens ... wie hieß es noch einmal? Dreimal dreht er den Namen des Spielorts durch den Fleischwolf und landet bei „Hans-Heinrich-Schleyer-Gebäude“. Dann nimmt er noch die Architektur des Spielorts auf die Schippe – „Wie nennt man das hier? Barock?“ – und schon hat er das einheimische Publikum auf seiner Seite. Die Reihen im Edwin-Scharff-Haus sind voll besetzt und zum Lachen bereit. Grünwald unterhält sie mit kindischer Freude. Sein Fachgebiet: Wortwitze reißen, absurde Possen erzählen und derb vom Leder ziehen.

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Günter Grünwald wird geliebt für seinen "Joe Waschl" und "Bonzo"

In seiner Latenight-Fernsehsendung „Grünwalds Freitagscomedy“ schart dieser Spaßmacher eine Riege bayerischer Komiker um sich und pflegt einen Humor mit Bodenhaftung. Einer der groben Sorte, aber kurz vor der Eskalation doch noch öffentlich-rechtlich gebremst. Geliebt wird er für seine Kunstfiguren, den polternden Koch Joe Waschl, den ruppigen Bodyguard Bonzo. Der Fernseh-Grünwald baut auf Kostüme, Sketche und Kulissen. In Neu-Ulm steht er ohne Requisite da, in Bluejeans und Hemd. Seine Taktik: Überwältigung durch Quasselei. Grünwald entfaltet einen unaufhaltbaren Laberfluss, der den Zuschauer fürchten lässt, dass er das Atmen vergisst. Grünwald dazu: „Eins kann ich: Menschen schwindlig quatschen.“ Und diese Menschheit unterzieht er einer Fundamentalkritik. Zeichen des Wohlstandselends sind für ihn fiktive Klischeekinder namens Jan-Kevin-Luca, die täglich „35 Snickers und acht Liter Cola“ vertilgen. Und die Politik? „Länder, die ich immer bewundert habe, werden heute von Vollidioten regiert.“

Auf den ersten Blick ist dieser Grünwald ein mosernder Bayer, auf den zweiten nicht ganz von dieser Welt. Mit Leidenschaft versteigt er sich in absurde Geschichten. Er erzählt von Urlauben in Nordkorea und Afghanistan. Wurde er tatsächlich mit seinem Onkel Horst von den Taliban entführt? Und hat dieser Horst den Chefterrorist wirklich so sehr genervt, bis dieser freiwillig den Löffel abgab? All das liegt so weit fernab der Kategorie „möglich, aber fragwürdig“, ist aber nicht unlustig. Vor allem, wenn er sich in die Rolle dieses Horsts hinein steigert – zutiefst bajuwarisch und alkoholisiert von Zehe bis Scheitel.

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Große Pointen plant Günter Grünwald in Neu-Ulm mit langem Atem

Im Schwall der Worte blitzen Momente von Originalität auf. Große Pointen plant Grünwald mit langem Atem: Zunächst imitiert er – täuschungsecht – mit Kau- und Murmelgeräuschen den Dialekt der Niederbayern. Er frotzelt, dass manche Bayern schlichtweg nicht zu verstehen seien und er habe ja selbst so eine alte Tante Helga in der Familie gehabt, die über all die Jahre partout nicht zu verstehen gewesen sei und während Grünwald das alles erzählt, verstreichen Minuten, bis zur eigentlichen Pointe. Tante Helga gehört nicht zur Familie. Tante Helga ist Rumänin. Vor Jahren hat sie einmal bei Grünwalds geklingelt. Kam rein. Ging nie wieder. Keiner solls bemerkt haben. Wieder so ein Märchen aus Grünwalds Absurdistan.

Der 63-jährige Komiker aus Ingolstadt bezeichnet sich als „Botschafter des guten Geschmacks“ und dabei darf man ihn getrost nicht ernst nehmen. Denn: Lustig wird’s erst, wenn der Bayer grob schimpft. Mit jeder Verunglimpfung brandet im Saal ein Kichern und Lachen auf. Nicht alle Beschimpfungen des Abends können an dieser Stelle wiedergegeben werden. Nur sei verraten: Unter der Gürtellinie ist mehr Raum als vermutet. Die Ahnenreihe der großen bayerischen Beleidiger reicht zurück bis Carl Valentin („Z’sammag’schneckelter Hausmoastertrampel!“), Gerhard Polt („Du Brunzkachel, du ogsoachte!“). Typen wie Grünwald und seine Kollegin Monika Gruber versuchen, sie fortzusetzen. „Narrisch“ nennt der Bayer diesen Seelenzustand, der ihn zu Schimpftiraden treibt. Und der Applaus bestätigt wohl das Prinzip.

Günter Grünwald trifft mit "Definitiv vielleicht" niedere Humorinstinkte

Man könnte Grünwalds Programm einer Psychoanalyse unterziehen: Hinter jeder zweiten Pointe lauern Chaos, Inferno, Tod und Schmutz. Vom Organraub im OP-Saal bis zu abgerissenen Köpfen und Watschenbäumen, die fallen. Es gibt zwei mögliche Lesarten für diesen Abend, den Grünwald unter das Motto „Defintiv vielleicht“ stellt: Definitiv trifft Grünwald niedere Humorinstinkte wie kaum ein zweiter. Vielleicht steckt hinter allen Beschimpfungen und Absurditäten aber auch das Genie im Wahnsinn.

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