1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Zwei Trans-Menschen sprechen über ihr Leben im falschen Körper

Ulm/Neu-Ulm

31.07.2014

Zwei Trans-Menschen sprechen über ihr Leben im falschen Körper

Zwei Frauen berichten, wie es war, als Mann geboren zu werden.
Bild: Jens Kalaene, dpa

Am Samstag ist Christopher-Street-Day in Ulm. Neben Schwulen und Lesben nehmen auch Trans-Menschen teil. Zwei Frauen, die scheinbar als Männer geboren wurden, erzählen.

Ihre Vergangenheit zeugt von Ängsten und Intoleranz, aber auch von Befreiung aus dem falschen Körper. Als die Ulmerin mit 21 Jahren die zwei geschlechtsangleichenden Operationen hinter sich hatte, war sie „endlich glücklich“. Mit 18 Jahren machte sie sich und ihrer Umwelt klar, dass sie eine Frau ist. „Ich wusste das schon früh, aber öffentlich machte ich es mit 18“, sagt Isabelle.

Bei Ines I. war das etwas anders. Die Pfuhlerin war 30, als sie „erste Schritte gegangen“ ist. Damit meint die heute 45-Jährige ihr Outing und Operationen. „Wenn man es nicht selbst erlebt, kann man nur schwer nachvollziehen, wie brutal es ist, sein Leben lang zu wissen, dass etwas nicht stimmt“, erklärt sie. Jetzt geht es ihr gut, sagt sie, da sie endlich das Leben leben darf, das sie schon immer wollte.

Ines I. hat einen typischen Männerberuf

Eigentlich übt Ines I. einen – wenn man so will – typischen Männerberuf aus: Sie ist Schreinerin, zuvor war sie sogar Vorarbeiterin auf Baustellen. Über Klischees lachen sowohl sie als auch Isabelle: „Nein, ich habe nicht gern mit Puppen gespielt – Das ist wohl das gängigste Klischee“, sagt Ines. Sie können es nicht verstehen, wenn andere Menschen Transsexuelle nicht akzeptieren, oder es gar als Spinnerei bezeichnen. „Das ist nichts, was man sich aussucht“, sagt Isabelle H.. Ihre Freundin Ines I. ergänzt: „Diesen wirklich harten Weg mit Outing und OPs geht nur jemand, der sich sicher ist, dass er es auch will.“

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

Ob Ulmer oder Neu-Ulmer besonders tolerant oder intolerant sind, können beide nicht sagen. Egal wo sie sind, müssen sie mit Alltagsdiskriminierung rechnen, sagen sie – vor allem „in der Übergangsphase“, erzählt Ines. Gerade dann, wenn die Person selbst in einer schwierigen Phase steckt, seien Anfeindungen am schlimmsten.

Für die Eltern ist es schwierig

Um anderen Trans-Menschen zu helfen und sie zu beraten, gründete Ines vor zwölf Jahren den „Freundeskreis transidenter Menschen Ulm/Neu-Ulm“ – später kam auch Isabelle H.. hinzu. Seither leiten sie Selbsthilfegruppen in Ulm, Ravensburg und Konstanz und haben ein Sorgentelefon eingerichtet, an das sich deutschlandweit transidente Menschen wenden können. „Ein bis zwei Gespräche führen wir im Monat“, sagt Ines I.. Hinzu kommen noch monatliche Gruppen-Treffen mit etwa sieben oder acht Betroffenen.

Ines wohnt heute in Bad Waldsee (Landkreis Ravensburg). Für ihre Eltern sei es schwierig gewesen, ihren Weg zu akzeptieren. „Von meinem Vater werde ich immer noch nicht Ines genannt“, sagt die 45-Jährige. Gerne spricht sie über den Namen vor ihrer vollständigen Wandlung zur Frau nicht. Keiner von ihren Trans-Freunden macht das gern. Sie ist froh, in Bodensee-Nähe ihr Leben als Frau leben zu können. „Dort kennt man mich nicht anders“, sagt die einstige Pfuhlerin, die lesbisch ist. Sie ist derzeit Single – anders als ihre Freundin Isabelle, die seit 14 Jahren in einer Beziehung mit dem Mann lebt, den sie vor einigen Jahren heiratete. „Für ihn war das alles nie ein Problem“, sagt die Ulmerin. „Er hat mich nie spüren lassen, dass etwas nicht stimmt.“ Sie selbst nennt sich heute „heterosexuelle, verheiratete Frau mit transsexueller Vergangenheit“.

Beide wünschen sich, dass das Thema Transsexualität mehr Gehör findet. Dafür setzen sich die beiden gemeinsam mit 73 anderen Organisationen im Netzwerk LSBTTIQ (Abkürzung für lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender, intersexuelle und queere Menschen) ein. Außerdem organisieren sie Vorträge zum Thema Transsexualität. Diese müssten ihrer Meinung nach auch an Schulen stattfinden: „Leider versteht unsere Gesellschaft noch nicht, wie sie damit umgehen soll“, sagt Isabelle H.. „Den Kindern sollte erklärt werden, was Trans-Sein bedeutet. Aber dafür braucht es Lehrer, die das Thema ernst nehmen.“ Wenn am Samstag der Christopher-Street-Day in Ulm und Neu-Ulm stattfindet, wollen sie wieder versuchen, den Menschen die Normalität des Trans-Seins näherzubringen.

Themen Folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Lesen Sie dazu auch
_AKY8800(1).JPG
Ulm

Wurde ein Ulmer Kommissar aus Geldnot zum Straftäter?

ad__nl-chefredakteur@940x235.jpg

SECHS UM 6: Unser neuer Newsletter

Die sechs wichtigsten Neuigkeiten um 6 Uhr morgens sowie ein Ausblick auf den
aktuellen Tag – Montag bis Freitag von Chefredakteur Gregor Peter Schmitz.

Newsletter bestellen