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Theater Ulm

01.10.2012

Zwischen Stolen und Knautschland

In dem Stück „Gespräche mit Astronauten“ treffen zwei Welten aufeinander: Christian Streit als Au Pair Edgar mit Christel Mayr als gestresster Filmproduzentin.
Bild: Hermann Posch

„Gespräche mit Astronauten“ beleuchtet auf amüsante Art das konfliktreiche Thema zwischen Au Pairs und ihren Gastgeberfamilien

Ulm Sie kommen aus der Schlamparei und der Mogelei, aus Würgistan, Stolen oder Rostland. Oder wie heißen diese Länder im Osten, aus denen ein großer Teil der Au Pairs stammt? Aber Irina, Mascha, Olanka und Olga aus der Slowakei oder der Mongolei, aus Kasachstan, Polen oder Russland haben ähnlich geringe Vorstellungen von ihren Traumländern Knautschland, Hengland oder der Schwatz – Deutschland, England oder der Schweiz – wie die Gastgeber umgekehrt von den Heimatländern ihrer billigen Haushaltshilfen.

Ein konfliktreiches Thema, die Ausbeutung von Au Pairs und ihre Fremdheit im Gastland, beleuchtet „Gespräche mit Astronauten“ der Stuttgarterin Felicia Zeller im Podium des Theaters Ulm, auf so amüsante, brillante Weise, dass dem Publikum die zwei Stunden ohne Pause wie eine halbe vergehen. Antje Schupps Inszenierung spiegelt den Berg von unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnissen von Gastgebern und Au Pairs in der Art und Weise, wie die Au Pairs und die Gastgeber übereinander und miteinander sprechen.

Mit viel Sprachwitz und Situationskomik

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Was unmöglich klingt, schaffen vier Schauspieler mit dem Sprachwitz und der Situationskomik, die Felicia Zeller in die „Gespräche mit Astronauten“ packte. Das Ausnützen der jungen Frauen, ihr Heimweh, Lebenslust und Sehnsucht nach Selbstbestimmtheit, die Kollisionen mit der Rigidität und dem gestressten Lebenstempo der Gastgeberfamilien wird nicht auf der Tränendrüsen-Schiene umgesetzt, sondern in einem temporeichen, lebendigen Chaos aus Emotionen und Sprachspielen.

Dabei bringen Christel Mayr, Renate Steinle und die beiden Gäste Annette Faßnacht-Westermeier und Christian Streit ansteckend viel Spielfreude ins Podium. Das neue Ensemblemitglied Renate Steinle präsentiert sich temperamentvoll und ausdrucksstark als echte Bereicherung des Schauspielensembles in den Rollen von drei Au Pairs, Christel Mayr begeistert als frustrierte, dauererschöpfte, selbst ernannte Powerfrau. Annette Faßnacht-Westermeier gibt die Chefsekretärin respektive Wissenschaftlerin, die ohne ihr Au Pair völlig hilflos dem eigenen schlechten Gewissen den Kindern gegenüber ausgeliefert ist. Und Christian Streit tobt sich als Au Pair Olga und als verführte männliche Haushaltshilfe Edgar aus.

Und die Kinder? Ludwig und Leander, Antonia und Lea-Marie machen es den Au Pairs nicht leicht. Respektieren muss man die Frauen ja nicht, haben sie doch die Pflicht, die Kinder zu beaufsichtigen und zu beschäftigen und doch nicht das Recht, sie zurechtzuweisen. Da findet manche kindliche Rache ihr Objekt – und doch hängen die Kinder an Olanka und Mascha und vermissen sie, wenn das Au Pair nach zwölf Monaten ausgewechselt wird.

So komödiantisch „Gespräche mit Astronauten“ daherkommt, die Szenen aus dem Au Pair-Leben und der Blickwinkel auf deutsche Familien dürften gar nicht so sehr überzogen sein. Das Au Pair, das im Gastland schwanger wird und zur Abtreibung nach Hause reist, das Au Pair, das aus Einsamkeit Nussschokolade tafelweise futtert und dick wird oder das Schicksal von Irina, die aus Pflichtgefühl für ihre Gastgeberfamilie ihr Studium hintanstellt und ihr Leben versäumt, während Freundin Olga zurückgekehrt ist und erfolgreich als Architektin arbeitet, sie alle dürften reale Entsprechungen haben. Sehenswert!

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