Wenn die Kinder einmal ums Haus liefen, waren sie schon völlig außer Atem. Anita Kiem kann sich noch gut daran erinnern. Die Kinder, zehn Jahre oder ein bisschen älter, waren blass und dünn. Ihre Lungen waren schwach. „Wegen der Strahlung“, sagt Anita Kiem. Und sie hatten wenig dabei, wenn sie mit dem Bus am Claretinerkolleg in Weißenhorn ankamen: „Bloß ein paar Hösla und ein dünnes Ding für oben“, erinnert sich die Frau. Sechs Jahre lang nahm sie Kinder aus der Region um Tschernobyl bei sich auf, immer für vier Wochen im August. „Bloß beten hilft nix, man muss schon auch was tun“, findet Anita Kiem. Eins der Kinder, heute eine Frau Mitte 30, ruft Anita Kiem noch immer jedes Jahr an deren Geburtstag an.
Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor Nr. 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl im Norden der heutigen Ukraine, 16 Kilometer von der Grenze zu Belarus entfernt. Die sowjetische Führung versuchte, die Katastrophe zunächst zu verschweigen und dann kleinzureden. In den Tagen nach dem Unglück wurden umliegende Gebiete evakuiert. Die Kinder, die später zu Anita Kiem und anderen Weißenhorner Familien kamen, stammten aus Minsk. Ihre Eltern waren nach der Katastrophe dorthin umgesiedelt worden. Die Kinder kamen Anfang der 90er Jahre auf die Welt, gut fünf Jahre nach dem Unfall. Dennoch waren sie gesundheitlich beeinträchtigt. Wegen Folgen des Reaktorunglücks, sagt Anita Kiem. Und wegen der schlechten Lebensumstände dort. Während die Kinder mit ihren Eltern in Minsk lebten, waren die Großeltern in der Nähe des havarierten Kraftwerks geblieben. Dort bauten sie Gemüse im verseuchten Boden an – und schickten Teile der Ernte in die belarussische Hauptstadt Minsk, weil es sonst zu wenig für die Familien gegeben hätte.
Weißenhorner Familien kümmerten sich um Kinder aus der Region Tschernobyl
Pfarrerin Helga Pawlowski aus Langenau-Göttingen kümmerte sich schon seit Jahren um Kinder aus der Region um das einstige Kernkraftwerk. In einem Aufruf bat sie um weitere Familien, die schlecht ernährten Buben und Mädchen im Sommer bei sich aufzunehmen. Anita Kiem informierte sich in Langenau, dann sprach sie weitere Weißenhorner Familien an. Im August 2001 kam die erste Gruppe aus Belarus nach Weißenhorn. Die belarussischen Gäste lebten in den Familien, die vier Kinder von Anita Kiem waren in einem ähnlichen Alter. Die Frau hatte einen Zettel bekommen, auf dem wichtige russische Wörter standen. Damit kam sie nicht zurecht: „Wir haben uns mit den Händen verständigt. Nach zwei, drei Tagen hat das gut geklappt.“ Vor allem die Kinder hätten einander gut verstanden, erinnert sich die Frau. Eine gemeinsame Sprache habe es dafür nicht gebraucht.
Anfangs kam zu den vier eigenen Kindern der Kiems eins aus Belarus, später noch ein zweites. Im Haus ging es rund, Anita Kiem genoss die lebhafte Zeit. „Wenn die gegangen sind, haben wir alle geheult“, erzählt sie. Die Frau suchte Sponsoren für Ausflüge. Unternehmer Wolfgang Reichmann organisierte mithilfe der Krumbacher Rotarier einen Tagesausflug an den Bodensee und zum Affenberg Salem. Die Stadt Weißenhorn steuerte Freikarten fürs Freibad bei. Heidi Grathwohl vom Frauenbund Illerberg nähte aus Spenden Kleider für die jungen Gäste, die kaum etwas bei sich trugen. Ein Arzt und ein Zahnarzt erklärten sich bereit, die Buben und Mädchen bei Bedarf zu behandeln.
Sommer-Erholung für Kranke Kinder aus Belarus in Schwaben
Die Kindergruppe wuchs Sommer für Sommer, eine Betreuerin kam mit nach Weißenhorn. Abends saßen Gäste und Gastgeber vor dem Lagerfeuer und sangen russische Weisen. Trotzdem sagt Kiem: „Die ersten Jahre waren die schönsten.“ Auch, wenn es in dieser Zeit noch Vorbehalte gab. Von den Älteren, die den Krieg noch erlebt hatten und für die alle Menschen aus Russland als Feinde galten. Die Ausflüge seien schön gewesen, erzählt Anita Kiem. „Aber das Wichtigste waren gescheites Essen, frische Luft und gemeinsame Zeit in der Familie.“
Eins der damaligen Gastmädchen ruft Anita Kiem bis heute jedes Jahr an deren Geburtstag an. Die Familie wollte Jelena ein Studium in Deutschland ermöglichen, sie hätte in Weißenhorn wohnen können. Doch das Regime ließ sich nicht raus. 2007 waren letztmals belarussische Kinder in der schwäbischen Stadt zu Gast, danach durfte niemand mehr kommen. Schon davor waren die Besuche nur noch möglich, wenn belarussische Politikerkinder mit dabei sein durften. Manchmal hatte Anita Kiem das Gefühl, all das habe nichts gebracht. „Aber wenn es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein war, es war nicht nix. Es war für die Kinder gut.“
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