Cybertrading: Haupttäter verlässt nach Millionen-Schaden schnell das Gefängnis
Neu-Ulm/Bamberg
Von der Luxusvilla ins Gefängnis – und zurück: Banden-Chef kommt trotz Millionen-Betrug früher frei
Die Neu-Ulmer Kripo hebt eine Cybertrading-Bande in Millionenhöhe aus – doch der in Costa Rica festgenommene Haupttäter verlässt nach seiner Verurteilung überraschend schnell die Haft.
Die Polizei in Costa Rica hatte den Zugriff im August 2023 geplant und vorgenommen. Mit dabei waren auch vier Beamte der Neu-Ulmer Kripo, die dem Verdächtigen Rotem Y. auf die Schliche kamen.Foto: crhoy.com (Archivbild)
Palmen, Südpazifik, Millionen-Villa – und jede Menge schwer bewaffnete Polizisten: Einen derartigen Einsatz habe es in der Historie der Neu-Ulmer Kriminalpolizei noch nicht gegeben, sagte damals ihr Sprecher, der Erste Kriminalhauptkommissar Jürgen Salzmann. Vier Beamte der Neu-Ulmer Abteilung waren im August 2023 dabei, als ein Kopf einer Betrügerbande in seinem Zuhause in Costa Rica festgenommen wurde: Dem 42-jährigen Rotem Y. wurde vorgeworfen, auf hochprofessionelle Art und Weise mehrere Millionen Euro illegal erbeutet zu haben. Nun wurde er zu einer Haftstrafe verurteilt – und dürfte dennoch den Gerichtssaal gleich wieder auf freiem Fuß verlassen.
Die Neu-Ulmer Kriminalpolizei verhalf zu einer Festnahme in Costa Rica. Bei einem Einsatz mit Spezialkräften wurde der Kopf einer mutmaßlichen Cyberbetrüger-Bande gefasst. Diese Aufnahmen stammen vom Polizeieinsatz im August 2023.Foto: crhoy.com (Archivbild)
Doch zunächst ein Blick zurück: Seit 2020 hatte die Neu-Ulmer Kripo eine Vielzahl von Fällen des betrügerischen Cybertradings beschäftigt. Das heißt, Plattformen im Internet machen einen seriösen Eindruck und versprechen hohe Gewinne für Anleger. Doch in Wirklichkeit stecken Kriminelle dahinter und bringen so Menschen um ihr Geld. Salzmann hatte berichtet, dass es im Fall von Rotem Y. auch ein Opfer aus dem Raum Ulm gab, das durch jene Masche eine sechsstellige Summe verlor.
Die „erfolgreichsten“ Betrugs-Plattformen hießen „FXC Markets“ und „World FXM“
Der Mann mit israelischer und portugiesischer Staatsangehörigkeit gilt als einer der obersten Hintermänner. Ein „dicker Fisch“, der sich damit eigentlich nicht die Finger schmutzig macht. Laut der im Oktober 2025 erhobenen Anklage soll er zusammen mit weiteren Tätern seit Februar 2017 mindestens ein betrügerisches Callcenter im Kosovo betrieben haben. Ihre „erfolgreichsten“ Plattformen nannten sich „FXC Markets“ und „World FXM“. Der Gesamtschaden gegenüber deutschen Geschädigten wird auf knapp 4,5 Millionen Euro angegeben. Das Dunkelfeld gilt allerdings als erheblich. Nach den internen Unterlagen der Gruppierung wird von einem tatsächlichen Schaden von weltweit mindestens 21 Millionen Euro ausgegangen. Rotem Y. sollen hieraus mindestens sechs Millionen Euro zugeflossen sein.
Im März 2021 war es in Kooperation mit den kosovarischen Behörden zu einem groß angelegten „Action Day“ in Pristina gekommen mit 18 Festnahmen und 17 durchsuchten Objekten. Für die Festnahme von Rotem Y. in Costa Rica war ein Rechtshilfeersuchen notwendig. Mehrere Monate habe sich das hingezogen. Im Sommer 2023 ging es dann aber ganz schnell: Die Behörden in Mittelamerika gaben ihr Go, anderthalb Wochen später saßen vier Beamte der Neu-Ulmer Kripo im Direktflieger von Frankfurt in Richtung Karibik. „Urlaubsfeeling kam nicht groß auf“, berichtete Salzmann, der selbst nicht dabei war. Einen derartigen Einsatz aber werde man in seiner Polizeilaufbahn nicht vergessen, meinte er. Rotem Y. wurde am 23. August 2023 „problemlos“ festgenommen. Vermögenswerte in siebenstelliger Höhe, darunter die Privatvilla des Angeklagten, wurden sichergestellt.
Kopf der Bande wird zu fünf Jahren und neun Monaten Haft verurteilt – kommt aber nach dem Prozess frei
Gut zwei Jahre saß der Mann in Costa Rica in Haft. Erst Ende Juli 2025 kam es zur Auslieferung nach Deutschland. Mitte Februar dieses Jahr wurde ihm vor der Cyber-Wirtschaftsstrafkammer des Bamberger Landgerichts der Prozess gemacht. Wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs wurde er zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und neun Monaten rechtskräftig verurteilt. „Gegenstand des Urteils war ein Schaden von knapp 4,5 Millionen Euro zum Nachteil von etwa 50 Geschädigten“, teilt ein Gerichtssprecher auf Nachfrage mit. Taterträge in Höhe von knapp 1,5 Millionen Euro sollen eingezogen werden. Gegen die Anordnung aber wurde vom Angeklagten Revision eingelegt.
Das Bild zeigt das Anwesen des Angeklagten in Costa Rica.Foto: crhoy.com (Archivbild)
Trotz Verurteilung blieb der 42-Jährige nach Ende der Hauptverhandlung aber nicht im Gefängnis. Vielmehr wurde der Mann nach dem Prozess aus der Haft entlassen. „Die in Costa Rica erlittene Auslieferungshaft wurde tatsächlich aufgrund der Haftbedingungen vor Ort im Maßstab 1 : 2,5 angerechnet“, erklärt der Gerichtssprecher. Vom 28. September 2023 bis 29. Juli 2025 befand sich der Mann in Auslieferungs- und bis 13. Februar 2026 in Untersuchungshaft. Aufgrund der Anrechnung verblieb letztendlich „nur ein geringer Strafrest“. Rotem Y. ist wieder auf freiem Fuß.
Weitere Täter schon verurteilt
Ein mutmaßlicher Geschäftspartner von Rotem Y. und weiterer Drahtzieher der Gruppierung war bereits im Oktober 2022 auf Ibiza festgenommen und kurz darauf wieder aus der Haft entlassen worden. Er entzog sich anschließend dem Auslieferungsverfahren, konnte aber zwischenzeitlich in Israel wieder festgenommen werden. Die deutschen Behörden betreiben derzeit die Auslieferung des 44-jährigen Tatverdächtigen.
Im Verfahrenskomplex liegen bereits zahlreiche Verurteilungen gegen Täter auf unterschiedlichen Hierarchieebenen vor. Insgesamt sieben Callcenter-Mitarbeiter wurden bislang durch bayerische Gerichte zu Freiheitsstrafen zwischen einem Jahr, vier Monaten und vier Jahren verurteilt.
Insgesamt fünf Mittäter in Führungspositionen erhielten Freiheitsstrafen zwischen zwei Jahren und fünf Jahren, sechs Monaten. Erst im Oktober 2025 wurde ein Mitglied der Callcenter-Leitung vom Landgericht Bamberg zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt.
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