In diesem Jahr feiert das Kloster Roggenburg bekanntlich sein 900-jähriges Bestehen. Der Anlass für die Gründung des Klosters war indessen alles andere als freudig: Der Sohn und Erbe einer Familie soll in einem Teich ertrunken sein. Aus diesem Unglück heraus entstand der Entschluss, ein Kloster zu stiften, in dem fortan auch für das Seelenheil des Verstorbenen gebetet werden sollte.
Das von Abt Michael Probst im Jahr 1597 verfasste „Carmen epicum de morte Sifridi“, das Lied vom Tode des Siegfried, beschreibt in drastischen Bildern die letzten Lebensminuten des Söhnleins der Grafen von Biberegg. Man möchte fast Anteil nehmen an der Trauer der Eltern, des Grafen Berthold sowie seiner Gattin Demutha, über den Verlust ihres Liebsten, man fühlt den Schmerz angesichts des unendlichen Leides, welches die Familie wie aus heiterem Himmel überkam. Und dennoch: Diese Erzählung hat kein Alleinstellungsmerkmal. Klosterstiftungen aus einem Unglücksfall heraus gehören zu den wiederkehrenden Argumentationsmustern der historisierenden Geschichtsschreibung.
Von Roggenburg gingen einst religiöse und weltliche Impulse aus
Natürlich wurden Adelssitze aufgegeben oder umgesiedelt und an deren Stelle ein geistliches Zentrum errichtet. Hierfür steht beispielsweise das heutige Kloster Scheyern als früherer Sitz der bayerischen Wittelsbacher (die diesen Namen allerdings erst nach dem Umzug erhielten). Auch in Dießen am Ammersee befindet sich an Stelle der ehemaligen Burg der späteren Grafen von Andechs eine Wallfahrtskirche. Zudem sollte nicht unerwähnt blieben, dass das besagte Roggenburger Gewässer wahrscheinlich erst mit der Etablierung des Klosters entstand.
Photovoltaik am Kloster Roggenburg
Vielmehr lässt sich das Geschehen in folgenden Sachverhalt einordnen: Klöster dienten häufig als sogenannte Memorialstiftungen. Dahinter stand die Vorstellung, dass regelmäßige Gebete und Messen das Schicksal der Verstorbenen im Jenseits positiv beeinflussen könnten. Für adlige Familien war dies von zentraler Bedeutung, verstärkt beim Fehlen eines männlichen Erben: Wer, wenn nicht die Geistlichkeit im gegründeten Kloster, konnte das immerwährende Gedenken, eben die Memoria, garantieren. Für Roggenburg wählten die Stifter den damals noch jungen Prämonstratenserorden, der sich bereits im nahen Ursberg installiert hatte. Die Prämonstratenser waren erst kurz zuvor von Norbert von Xanten ins Leben gerufen worden. Die Chorherren dieses Ordens verbanden ein gemeinschaftliches klösterliches Leben mit aktiver Seelsorge in den umliegenden Gemeinden. Damit unterschieden sie sich von rein abgeschlossenen Mönchsorden und prägten das religiöse Leben in der Region unmittelbar.
Die Gründung von Roggenburg steht somit im Zusammenhang mit einer ganzen Reihe ähnlicher Klostergründungen in der näheren Umgebung. Neben Ursberg stifteten die Grafen von Kirchberg im Jahr 1093 an der Illermündung die Abtei Wiblingen. Im ersten Drittel des 12. Jahrhunderts verlegte Markgraf Konrad von Meißen zusammen mit seiner Frau Luitgart das bereits bestehende Kloster Elchingen von der Donauniederung auf die Anhöhe. Ebenfalls in dieser Zeit wurde Wettenhausen als Propstei erwähnt. Auch wenn die konkreten Gründungsgeschichten unterschiedlich sind, zeigen sich deutliche Parallelen. Hinter vielen Stiftungen standen persönliche Motive wie Trauer, Dankbarkeit oder religiöse Verpflichtung. Gleichzeitig waren es politische und wirtschaftliche Interessen, die eine wichtige Rolle spielten. Klöster fungierten nicht nur als Orte des Gebets, sondern auch als Zentren der Organisation - sei es bei der Urbarmachung von Land, Förderung der Landwirtschaft oder der Entwicklung von Siedlungen. Dem geistlichen Mittelpunkt sollte alsbald der politische folgen.
Die beiden Vorträge finden am 22. April und am 20. Mai im Kloster Roggenburg statt
Somit war die Wahl des Standorts Roggenburg wohlüberlegt. Die Region zwischen Donau und Iller befand sich im Hochmittelalter in einer Phase des Ausbaus. Mit dem Kloster entstand ein Mittelpunkt, von dem aus sowohl religiöse als auch wirtschaftliche Impulse ausgingen. Die Geschichte der Abtei endete vorläufig mit der Säkularisation und der vorübergehenden Besetzung durch bayerisches Militär. Seit dem Jahr 1982 sind die Gebäude des Klosters Roggenburg wieder bewohnt und belebt – erneut von den Prämonstratensern.
Einblicke in die reichhaltige Geschichte des Klosters Roggenburg gewähren zwei Vorträge im Jubiläumsjahr: Über den „Staat“ des Reichsstifts Roggenburg referiert am Mittwoch, 22. April, um 19 Uhr Sarah Hadry. Ariane Schmalzriedt berichtet am Mittwoch, 20. Mai, um 19 Uhr über die barocke Sakralbautätigkeit des Klosters Roggenburg. Beide Veranstaltungen finden im Refektorium des Klosters statt.
Karten können vorab online unter www.jubilaeum.kloster-roggenburg.de, per E-Mail an kartenreservierung@kloster-roggenburg.de oder unter Telefon 07300/9611-550 bestellt werden.
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