Bei der Polizei stehen größere Veränderungen an. Warum eigentlich?
MICHAEL KECK: Hintergrund ist das neue, belastungsorientierte Stellenverteilungskonzept der bayerischen Staatsregierung. Die Arbeitsbelastung fällt mit 80 Prozent ins Gewicht, die Bevölkerungsdichte sowie die zu betreuende Fläche mit jeweils zehn Prozent. Die Polizeipräsidien dürfen aber eigenständig entscheiden, wie das Personal eingesetzt wird.
Was heißt das für den Landkreis Neu-Ulm?
KECK: Wir haben eine sehr ländliche Struktur. Der kriminalgeografische Raum Ulm/Neu-Ulm ist stark gewachsen. Auch Senden hat sich stark entwickelt. In Weißenhorn ist es dagegen relativ ruhig geblieben. Also hat man sich überlegt, wie man das Personal dorthin verlagern kann, wo die Arbeit ist. Ist es noch zeitgemäß, dass eine Polizeiinspektion Weißenhorn und eine Polizeistation Senden zusammen sind? Oder ist es besser, eine Polizeiinspektion (PI) Illertissen, die jetzt auch schon gut belastet ist, mit Weißenhorn zusammenzuführen, um große, starke Dienststellen zu haben?
Welche Auswirkungen hat das für die Menschen vor Ort?
KECK: Das Dienstgebiet von Neu-Ulm reicht im Süden aktuell bis Gerlenhofen. Da ist es bis Senden nicht mehr weit. Zwar ist es von Weißenhorn vielleicht eine Minute kürzer als von Neu-Ulm nach Senden. Aber das spielt bei der Wege-Zeit-Berechnung keine Rolle. Wir haben in Neu-Ulm dafür viel mehr Einsatzerfahrung und haben die Herausforderungen eines Ballungsraumes zu bewältigen. Weißenhorn wird ähnlich wie jetzt in Senden eine Anlaufstelle in der Stadt bekommen, um dort zum Beispiel Anzeigen stellen zu können. Nachts, wenn geschlossen ist, wird dann dieser Bereich von Illertissen aus bedient. Doch wichtig ist: Wenn es brennt, kommt wie jetzt auch die Polizeistreife, die frei ist und am nächsten dran ist.
Wie wirken sich die Wechsel auf das Personal aus? Wie zu hören ist, wird es für Neu-Ulm vorerst keine neuen Leute geben, obwohl Senden dazukommt. Wie will man das schultern?
KECK: In Neu-Ulm und Senden ist die Einsatzbelastung sehr hoch. Durch die neue Stellenberechnung stehen wir daher mittelfristig als Gewinner da. Senden und Neu-Ulm zusammen kommen aktuell auf etwas mehr als 100 Stellen. Wenn das neue Konzept umgesetzt ist, werden es 140 Stellen sein. Von diesen „Soll-Stellen“ werden wegen Krankheit, Schwangerschaft etc. aber nicht immer alle besetzt sein.
Aber die Übergangszeit dürfte hart werden.
KECK: Wir haben leider nicht den Luxus, dass wir sagen können: Mit dem Zusammenschluss kommen auf einmal zehn Leute mehr und wir haben in den Dienstgruppen eine Streife mehr. Das wird nach und nach wachsen. Und das ist auch abhängig davon, wie viele Kollegen ausgebildet und uns zugeteilt werden oder auch wie viele Kollegen abspringen werden. Es wird eine Herausforderung. Gerade bei den Verkehrsunfällen und Einsätzen, die während der nächtlichen Schließzeiten in Senden passieren. 500 Unfälle und circa 1300 bis 1500 Einsätze bekommt Neu-Ulm dazu. Aktuell sind es bei der PI Neu-Ulm 2400 Unfälle und 13.000 Einsätze. Also circa zehn Prozent mehr.
Heißt „mittelfristig“ noch mehr Überstunden als ohnehin schon?
KECK: Wir versuchen, das abzufedern. Wir haben die Dienstpläne umgestellt. Den größten Personalbedarf verursachen die Schichten, damit sie rund um die Uhr im Einsatz sein können. Um diesen Schichtdienst aufrechterhalten zu können, muss Weißenhorn vorerst auch das Personal behalten. Weißenhorn ist nicht gleich aus der Verantwortung. Wenn der Neubau in Illertissen fertig ist und die Polizei in Weißenhorn zur Polizeiwache werden kann, die nachts geschlossen ist, wird Personal frei. Das heißt, wenn dort jemand in Pension geht, wird die frei gewordene Stelle zum Beispiel in Neu-Ulm nachbesetzt. Die Zahl der zu bearbeitenden Straftaten für einen Neu-Ulmer Polizisten wird sich wohl nicht verändern. Es sind lediglich die Einsätze. Wir müssen in Senden, Weißenhorn und Neu-Ulm alle zusammen helfen in der Übergangsphase.
Aber Neu-Ulm würde sich sicher auch über mehr Personal freuen?
KECK: Das würde jeder Dienststellenleiter. Natürlich wartet da eine respektvolle Aufgabe auf uns, weil Neu-Ulm der Hotspot ist. Wir haben zwar auch noch Nersingen und Elchingen. Aber die Einsatzzahlen sind nicht miteinander zu vergleichen.
Solche „großen Zentralen“ bedeuten in der Firmenwelt auch immer Einsparungen. Wie sieht das bei der Polizei aus?
KECK: Wir müssen Ressourcen bündeln. Wir können nicht mehr alles bedienen. So haben wir zum Beispiel von Senden die Verkehrsschule übernommen. Wir haben in Neu-Ulm aber auch eine Arbeitsgruppe Rauschgift, die im Zuge der Cannabis-Legalisierung aufgestockt wurde. Senden mit 20 Mitarbeitern kann das nicht alles abbilden. Sich als Polizei aus der zweitgrößten Stadt im Landkreis zurückzuziehen, macht aber keinen Sinn. Es ist unzweifelhaft, dass dort ein Standort erhalten bleiben muss. Mittelfristig werden Senden und Neu-Ulm ganz arg von der Polizeireform profitieren. Eine große Dienststelle bietet viele Vorteile. Die kleinteilige Organisationsstruktur können wir nicht mehr weitermachen. Wenn in Weißenhorn oder Illertissen aktuell mal einer ausfällt, ist dort Not am Mann. In Neu-Ulm haben wir mehr Masse, können mehr verschieben. Da hast du mehr Möglichkeiten.
Michael Keck stammt aus dem Landkreis Neu-Ulm und ist seit 2023 wieder Dienststellenleiter der Polizeiinspektion Neu-Ulm. Schon zwischen 2010 und 2014 hatte er das Amt inne.
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