1. Startseite
  2. Lokales (Neu-Ulm)
  3. Lokalsport
  4. „Boah, schon krank“: Adrian Beck spricht über seine Zeit in Belgien und Schottland

SSV Ulm 1846 Fußball

12.02.2020

„Boah, schon krank“: Adrian Beck spricht über seine Zeit in Belgien und Schottland

Adrian Beck, der jetzt wieder für die Ulmer Spatzen aufläuft, hat in seiner Zeit in Schottland in den beiden größten Stadien des Landes gespielt wie hier im Celtic-Park, dem Heimstadion von Celtic Glasgow. Im Spiel gegen die Glasgow Rangers war Prominenz auf der Trainerbank der gegnerischen Mannschaft: Liverpool-Legende Steven Gerrard.

Plus Spatzen-Rückkehrer Adrian Beck erklärt, wie es ist, in Schottland vor 60000 Zuschauern zu spielen und warum er ein Buch mit dem Titel „Die Ware Mensch“ schreiben könnte.

Im Gedächtnis von Adrian Beck wird das Jahr 2019 einen besonderen Platz bekommen. In zwölf Monaten hat der 22-Jährige mehr von der Fußballwelt gesehen als manche Regionalliga-Spieler in ihrer ganzen Laufbahn – wenn überhaupt. Deutschland, Belgien, Schottland und dann wieder Deutschland: Was klingt wie ein ausgedehnter Urlaubstrip sind die Stationen, die der gebürtige Crailsheimer 2019 abgespult hat, nachdem er den SSV Ulm 1846 Fußball im Januar verlassen hatte und bevor er kürzlich wieder zurückgekehrt ist an die Donau. Er will die Zeit im Ausland nicht missen, erklärt er während eines Kaffees unweit des Donaustadions. Aber: „Ich könnte ein Buch über diese Zeit schreiben. Der Titel: Die Ware Mensch.“

Auch interessant: Durch die Ausgliederung der Spatzen steigt der Erfolgsdruck

Als Beck vor einem Jahr die Spatzen verließ, löste das eine kleine Schockwelle beim Regionalligisten aus. Beck hatte ein starkes erstes halbes Jahr bei den Ulmern verbracht, nachdem er im Sommer 2018 zum Team von Trainer Holger Bachthaler dazugestoßen war. Im offensiven Mittelfeld überzeugten seine Technik und sein Tempo am Ball, im Team der Spatzen gehörte er zu den Talentiertesten. Beck hatte somit die Aufmerksamkeit einiger Scouts geweckt, die, das fand er später heraus, sich über ein Netzwerk austauschten und „mehr über mich wussten als ich selbst“. Ein Interessent war Royal Union Saint-Gilloise aus der zweiten belgischen Liga, im Süden der Hauptstadt Brüssel gelegen. „Das war eine große Chance.“ Und so musste Beck kurz nach dem Jahreswechsel dem SSV-Sportvorstand Anton Gugelfuß beichten, dass er weggehen wird aus Ulm. Es gibt angenehmere Gespräche. „Anton Gugelfuß hat es zuerst gar nicht geglaubt“, erzählt Beck.

Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.
Lesen Sie jetzt: Die heutige Ausgabe Ihrer Tageszeitung als E-Paper.

So lief Adrian Becks Zeit bei Royal Union Saint-Gilloise

Zum großen Bruch kam es aber nicht. Heute wohnt Beck in einer Einliegerwohnung in Oberelchingen – Gugelfuß’ Einliegerwohnung. Seine Bleibe in Belgien hat er erst vor Kurzem gekündigt. „Kein Stress“ mache er sich bei der Wohnungssuche in Ulm. Erst mal richtig ankommen und Fußball spielen. Beck ist passend zu seiner Position im zentralen Mittelfeld jemand, der sich Gedanken macht über seine Situation, über sein Umfeld und über die Branche, in der er sein Geld verdient. Nebenher zum Fußball studiert er Sportbusiness-Management. Zeit hat er dafür genug: „Da studiere ich lieber, bevor ich fünf Stunden vor der Spielekonsole verbringe. Man braucht ein zweites Standbein.“ Bei den Ulmern gehört er damit zur Ausnahme; Florian Krebs hat einen anderen Job, der Neuzugang Tobias Rühle auch und Lennart Stoll studiert Medizin. Dann lichtet sich das Feld schon. „Es gibt einige, die nur Fußball spielen“, sagt Beck und ein bisschen klingt es, als könne er das nicht so recht verstehen. Wie schnell es im Fußball gehen kann, nach oben und unten, hat er schließlich selbst festgestellt.

Saint-Gilloise war ein halbes Jahr zuvor vom Millionär Tony Bloom übernommen worden, der auch den englischen Premier-League-Klub Brighton & Hove Albion besitzt. Geld war also einiges da und das zeigte sich am belgischen Zweitligisten massiv: Das Trainingszentrum war hochmodern, mit allem drum und dran inklusive Hotel für die Spieler. Während des Trainings der Multi-Kulti-Truppe waren verschiedene Dolmetscher auf dem Platz und auch die Qualität war für Beck ungewohnt: „Die zweite belgische Liga wird unterschätzt.“ Nur hatte Beck das Problem, dass die Saison in Belgien früher vorbei ist als in Deutschland. Viel Einsatzzeit hatte der ehemalige Ulmer also nicht. Auf vier Spiele brachte er es letztlich. Im Sommer kam außerdem ein neuer Trainer und die Belgier entschlossen sich dazu, Beck zu verleihen. Erst am letzten Tag der Transferfrist im Sommer 2019 erfuhr er dann, wo es hingehen sollte: Zum Hamilton FC in die schottische erste Liga. Einen Tag später saß er im Flieger, eine große Wahl blieb ihm nicht. „Das mit der Leihe war im Prinzip ganz gut“, sagt er aber. Seine Geschichte im Ausland sieht er ohnehin als wichtige Erfahrung. „Hätte mir das vor drei Jahren jemand erzählt, hätte ich gefragt: Bist du verrückt?“

Doch auch in Schottland lief es nicht wie erhofft. Im Vergleich zum modernen und Deutschland sehr ähnlichen Belgien wurde Beck mit dem Land nicht besonders warm. Weil er sein Auto mit der Fähre nicht mitnehmen wollte, blieben Ausflüge, wie er sie noch in Belgien unternommen hatte die Ausnahme. Die größte Umstellung war aber der Fußball. Anders als in Belgien zählen in Schottland weniger die Technik als viel mehr die Physis und das Tempo. „Ich bin ein Spielertyp, der gerne den Ball hat“, erklärt Beck. „Der Fußball war in Schottland nicht unbedingt schlechter als in Belgien, nur eben komplett anders.“ Mithalten konnte er auf dem Feld trotzdem, auch wenn seine Gegenspieler etwa Jermaine Defoe hießen. Auf sechs Partien brachte es Beck, darunter auch die Kracher gegen die schottischen Großklubs Celtic Glasgow und die Glasgow Rangers – Erlebnisse vor Sechzig- und Fünfzigtausend Zuschauern. „Boah, schon krank“, dachte Beck, als er im Ibrox-Stadion der Rangers auflief. Auch deren Trainer flößte ihm Respekt ein: Liverpool-Legende Steven Gerrard. „Da waren Leute auf dem Feld, die kannte ich nur aus dem Fernsehen.“

Adrian Beck ist nach Stationen in Belgien und Schottland zum SSV Ulm 1846 Fußball zurückgekehrt.
Bild: Horst Hörger (Archiv)

Adrian Beck beim Hamilton FC: Spielen vor 60.000 Zuschauern

Das konnte ihn aber nicht darüber hinwegtrösten, dass ihm der Fußball nicht lag und so teilte er seinem belgischen Arbeitgeber mit, dass er die Leihe vorzeitig beenden wolle. Das kam natürlich nicht gut an. Es kam zum Streit – mit dem Ergebnis, dass Beck am 22. Februar wieder für Ulm in der Regionalliga Südwest spielen wird. Mit dem SSV blieb er ständig in Kontakt. Er hat etwas aus der Zeit gelernt: „Wenn du funktionierst, bist du gefragt. Wenn nicht, dann nicht.“ Deshalb auch die Sache mit dem Buchtitel. Er hätte sich auch noch mal ausleihen lassen und gutes Geld verdienen können. Doch darum geht es ihm nicht: „Ich bin froh, wenn ich Fußball spielen kann.“

Lesen Sie auch: Sein Einstand war für Ratiopharm Ulm fast Nebensache

Themen folgen

Sie haben nicht die Berechtigung zu kommentieren. Bitte beachten Sie, dass Sie als Einzelperson angemeldet sein müssen, um kommentieren zu können. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an moderator@augsburger-allgemeine.de.

Bitte melden Sie sich an, um mit zu diskutieren.

Das könnte Sie auch interessieren