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Corona

23.11.2020

Fitnessstudios im Kreis Neu-Ulm: „Wir fühlen uns im Stich gelassen“

Markus Bodie, 28, hält seine Fitnessgeräte in Schuss. Seit Anfang 2020 betreibt er gemeinsam mit einem Freund das Studio GYM45 in Nersingen. Die nun schon zweite Schließung wegen der Corona-Pandemie macht ihnen finanziell zu schaffen.
Bild: Alexander Kaya

Plus Die Freude über eine mögliche Öffnung der Fitnessstudios hielt nur kurz – die Türen bleiben geschlossen. Über die wirtschaftlichen Folgen für drei Studios aus dem Landkreis Neu-Ulm.

Es herrscht absolute Stille. Hanteln und andere Gewichte werden nicht mehr in die Höhe gestemmt. Es sind keine Kraftanstrengungen zu hören, die Musik ist verstummt und Gespräche zwischen Mitgliedern gibt es vorerst nicht mehr. Diese gespenstische Szenerie im Fitnessstudio GYM45 in Nersingen spielt sich auch in den anderen Fitnessstudios in Bayern und im Landkreis Neu-Ulm ab. Die wirtschaftlichen Folgen der erneuten Schließung der Studios werden einschneidend sein, ist sich Markus Bodie, Inhaber des GYM45, sicher.

Der 28-jährige Physiotherapeut geht trotz Corona regelmäßig in sein Studio, um die Geräte in Schuss zu halten. Erst zu Beginn dieses Jahres übernahm er das Gebäude samt Inventar mit einem Freund und hatte große Pläne. Jetzt, ein knappes Jahr und zwei Zwangsschließungen später, kämpft er mit den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. „Wir fühlen uns vom Freistaat Bayern im Stich gelassen“, sagt Bodie, die versprochenen Staatshilfen von 75 Prozent zur Kompensation der erneuten Schließung könnten noch gar nicht beantragt werden, da die Online-Plattform dafür nicht freigeschaltet sei. Auch die Hilfsgelder anlässlich der Schließung zu Beginn der Pandemie sind nicht ausreichend, um die Einnahmen zu decken. Dem Nersinger Studio fehlen insgesamt zwei bis drei komplette Monatseinnahmen.

Fitnessstudios müssen zum zweiten Mal schließen

Hinzu kommt, dass Markus Bodie während der Schließung kein Geld von seinen Mitgliedern einzieht. Seitdem er das Studio im Frühjahr zum ersten Mal geschlossen hatte, musste er einige vorzeitige Kündigungen hinnehmen und konnte zudem kaum Neuanmeldungen verbuchen. „Gerade der Oktober, November und Dezember sind starke Anmeldemonate, da tut die Schließung natürlich besonders weh, zumal wir die Mitgliederzahl erhöhen müssen, um profitabel zu werden“, erklärt Bodie. Investitionen, um die Hygienevorschriften zur Wiederöffnung zwischen dem ersten und zweiten Lockdown einzuhalten, kamen hinzu.

„Ich habe mehrere tausend Euro ausgegeben, um einen angemessenen Fitnessbetrieb zu ermöglichen“, sagt auch Cornelia Zacher-Link, Inhaberin des Bananas-Fitness-Studios in Weißenhorn. Neben Trennwänden im Studio und Kosten von allein 200 Euro pro Woche für Desinfektionstücher, baute sie auch einen Außenbereich mit neuen Geräten auf. Angesichts der Investitionen in die Hygienemaßnahmen und den bisherigen Erkenntnissen über geringe Ansteckungszahlen in Fitnessstudios, herrscht bei den Betreibern Einigkeit, dass die Trainingsräume keine Corona-Hotspots sind.

Großes Unverständnis darüber zeigen nicht nur die Inhaber, wie Bernd Wolf, Betreiber des Wolf-Fitnessstudios in Illertissen, berichtet. „Die Geduld von mir und meinem Team sowie unseren Kunden wird enorm auf die Probe gestellt, die Einschränkungen werden auf dem Rücken unserer Mitglieder ausgetragen.“ Wolf zufolge ist das eigentliche Problem der beiden Schließungen aber, dass auf politischer Ebene nicht erkannt wird, was die Fitnessbranche für die Gesundheit der Menschen leistet. Bisher werden Fitnessstudios als Freizeit- und nicht als Gesundheitseinrichtungen angesehen. Zudem rechnet Bernd Wolf mit Einbußen von 40 Prozent des Umsatzes, schlimmer sind laut ihm aber die psychologischen Auswirkungen. Kaum jemand traut sich noch einen Vertrag abzuschließen, da unsicher ist, wann die Studios wieder öffnen und ob diese dann auch geöffnet bleiben.

Fitnessstudios im Landkreis Neu-Ulm leiden unter Corona

Kurzzeitige Hoffnung auf eine Wiedereröffnung der Fitnessstudios machte ein Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs. Da andere Sportstätten für Individualsport, wie Tennishallen, weiterhin geöffnet blieben, müssten auch Fitnessstudios, im Sinne der Gleichbehandlung, berechtigt sein zu öffnen. Dies wurde von der Staatsregierung dann aber so umgesetzt, dass nun auch jeglicher Indoor-Sport, Schul- und Profisport ausgenommen, untersagt ist. „Jetzt darf ich nicht mal mehr Einzelcoachings anbieten, das heißt, es ist noch schlimmer als vorher“, erklärt Markus Bodie.

Nichtsdestotrotz konnten die drei Betreiber die Schließungen auch nutzen. Bodie gestaltete das GYM45 gemeinsam mit seinem Mitbesitzer komplett um: neue Umkleiden, frische Bodenbeläge, ein überarbeitetes Farbkonzept, ein neuer Name sowie moderneres Equipment. Hinzu kamen eine neu gestaltete Webseite sowie die Produktion von Online-Trainingsvideos auf Instagram, um den Mitgliedern während der Schließung Impulse für Trainingseinheiten zu Hause zu geben. Cornelia Zacher-Link produzierte während des Leerlaufs ebenfalls Online-Videos für ihre Kunden. Bernd Wolf hingegen orientierte sich in Richtung Digitalisierung und erstellte ein App, mit der die Studioauslastung eingesehen und Termine gebucht werden können.

In einem Punkt sind sich alle drei Besitzer einig: Die aktuelle Situation macht vor allem den älteren Mitgliedern der Studios zu schaffen, da ihnen ihre bekannte Sportstätte wegfällt und somit auch viele der sozialen Kontakte. Mit Onlinevideos werden sie kaum erreicht.

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