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Fußball

19.04.2020

Was macht ein Spielerberater, wenn die Stadien plötzlich leer sind?

Inzwischen sind die Stadien weltweit so leer wie hier die Commerzbank-Arena von Eintracht Frankfurt – Benni Lohwasser im Büro von Sportvorstand Fredi Bobic.

Plus Benni Lohwasser hat für Ulm und Au gespielt, jetzt lebt er in Bangkok und berät weltweit Profis. Im Interview verrät er, warum er trotz Corona eine Menge Arbeit hat und wie er die Zukunft einschätzt.

Als Spielerberater betreuen Sie Fußballprofis auf der ganzen Welt. Mitte April werden viele Verträge ausgehandelt und Sie wären normalerweise viel mit dem Flugzeug unterwegs. Wie sieht Ihre Arbeit in Corona-Zeiten aus, Herr Lohwasser?

Benni Lohwasser: Die Arbeit wird im Moment natürlich hauptsächlich aus dem Homeoffice und am Telefon erledigt. Es hört sich vielleicht ein wenig komisch an, aber wir haben eigentlich sehr viel zu tun, weil wir unterschiedliche Themen bearbeiten und unseren Klienten, also Spielern, Trainern und Vereinen auch in dieser schwierigen Situation mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die Kontaktpflege ist im Moment ein wenig einfacher als sonst, da wir die Klienten leichter erreichen. Das hat auch damit zu tun, dass Scouts und Manager im Homeoffice arbeiten und nicht ständig unterwegs sein können. Vieles wird im Moment über Videoscouting gemacht, die Planungen für die neue Saison laufen trotzdem im Hintergrund. Da wir Klienten in Europa, Asien und Südamerika haben, gibt es immer was zu tun. Wir betreuen unter anderem Uli Stielike, der als Trainer in China arbeitet, Michael Feichtenbeiner bei Selangor in Malaysia und Marcelo Saracchi, den wir im Winter von RB Leipzig zu Galatasaray Istanbul transferiert haben. Der neueste Zugang bei FPS Europe ist Maximilian Reule von der SG Sonnenhof-Großaspach.

Die Staaten ergreifen unterschiedliche Maßnahmen zur Eindämmung, die Einschränkungen des Spiel- und Trainingsbetriebs sind unterschiedlich stark ausgeprägt. Macht das Ihre Arbeit komplizierter?

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Lohwasser: Da wir global unterwegs sind, kann ich Ihnen versichern, dass die Unsicherheit in allen Ländern und Verbänden vergleichbar ist. Das einzige Land, in dem aus unerfindlichen Gründen immer noch Fußball gespielt wird, ist Weißrussland. Es weiß derzeit eben niemand, wann die Pandemie nachlässt oder im besten Fall komplett unter Kontrolle gebracht wird. Ich stehe persönlich im Austausch mit den für das Thema Corona zuständigen Personen bei der FIFA. Es wurden Anfang April Richtlinien erlassen, an denen sich alle Verbände, Vereine und Spieler zu orientieren haben. Wir sind froh darüber, dass das in den meisten Fällen funktioniert. Das erleichtert uns unsere Arbeit aus unserer Position zwischen Spielern und Verein heraus. Klar ist es nicht optimal für uns alle, wenn das Training nur eingeschränkt absolviert werden kann. Die fußballspezifischen Bewegungen und natürlich der Ball, den wir alle vermissen, sind nicht zu ersetzen.

Das deutsche Gesundheitssystem gilt weltweit als vorbildlich. Könnte diese Tatsache nach der Corona-Pandemie zu einem Standortvorteil für deutsche Profivereine beim Werben um die Spieler werden?

Lohwasser: Das Gesundheitssystem ist sicherlich ein wichtiger Faktor, speziell für Spieler aus dem Ausland, für die das nicht selbstverständlich ist. Ein sehr attraktiver Markt für Profifußballer könnte Deutschland zudem werden, weil die finanzielle Lage der Vereine den Umständen entsprechend immer noch stabil ist. Wir beobachten, dass in anderen Ligen zum Teil Gehälter um 50 Prozent und mehr gekürzt werden, um die Vereine vor der Insolvenz zu bewahren. Angesichts dieser Zahlen würden sich sicherlich viele Spieler über ein Angebot aus Deutschland freuen. In unseren Gesprächen mit den Verantwortlichen für den Profifußball in Deutschland bemerken wir zwar eine noch nie da gewesene Zurückhaltung – aber doch auch Zuversicht.

Die umgekehrte Perspektive: Werden vertragslose Spieler allmählich nervös? So viel wie vor der Krise werden sie künftig kaum verdienen können, oder?

Lohwasser: Vertragslose Topspieler könnten aus meiner Sicht sogar die Gewinner sein, sie werden jedenfalls noch genauer beobachtet. Die Vereine werden schließlich sicherlich noch mehr darauf achten, wie viel sie ausgeben können. Die Karten werden neu gemischt und das macht es sehr spannend.

Wird künftig generell weniger Geld verdient im Profifußball und trifft das auch die Weltstars? Muss ein Cristiano Ronaldo Abstriche an seinem Gehalt machen?

Lohwasser: Was auf jeden Fall kurzfristig passieren wird und was auch gut ist: Der Markt wird sich ein wenig abkühlen und es werden zunächst keine utopischen Summen für Transfers mehr ausgegeben. Aber der Fußball wird weiterhin seine Umsätze machen, es wird auch wieder größere Transfers und hohe Spielergehälter geben. Die Krise sollte für die Vereine jedenfalls Ansporn sein, noch mehr auf die eigenen Jugendausbildung und die Nachwuchsspieler zu setzen.

Ihre Einschätzung: Kann diese Saison in den wichtigsten Profiligen noch irgendwie zu Ende gespielt werden und welche Folgen hätte es auch für Sie als Berater, wenn die nächste nicht pünktlich beginnen würde?

Lohwasser: Wir hoffen alle, dass diese Saison zu Ende gespielt wird, was ich persönlich auch sehr wichtig finde, damit die Menschen etwas haben, woran sie sich erfreuen können. Meinetwegen können das auch Geisterspiele sein – Hauptsache der Ball rollt wieder. Natürlich unter der Bedingungen, dass die Gesundheit aller Beteiligten und der Bevölkerung gewährleistet ist. Zudem darf keinesfalls der Eindruck entstehen, dass der Fußball in Sachen Schutz privilegiert behandelt wird.

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Sie leben in der thailändischen Hauptstadt Bangkok. Schildern Sie uns doch bitte kurz, wie das Alltagsleben in einer der normalerweise quirligsten Metropolen der Welt in Corona-Zeiten abläuft.

Lohwasser: Normalerweise bin ich mindestens den halben Monat unterwegs, aber im Moment halte ich mich tatsächlich in meiner Wohnung in Bangkok auf, da es ja unter anderem keine Flüge mehr nach Deutschland gibt. Im Moment herrscht eine Situation, die ich so in 15 Jahren in Thailand noch nicht erlebt habe. Bangkok gilt ja als eine Stadt, die niemals schläft. Aber derzeit kommt alles zum Erliegen. Hotels, Einkaufszentren, Restaurants, sämtliche Sportstätten und Schulen sind geschlossen, die internationalen und lokalen Flughäfen sind bis Ende April ebenfalls zu, um den Virus einzudämmen. Zudem gilt eine absolute Ausgangssperre von 22 bis 6 Uhr. Wir hoffen, dass zum 1. Mai die Beschränkungen ein wenig gelockert werden und es bald wieder möglich ist, den Flugbetrieb aufzunehmen.


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