Ratiopharm Ulm tat am Samstagabend mit einem nicht unbedingt glanzvollen, aber grundsoliden 81:72-Sieg gegen die Hamburger Towers das, was im Kampf um die direkten Qualifikation für die Play-offs der Basketball-Bundesliga getan werden musste. Ganz anders als noch am Mittwoch gegen Alba Berlin waren die Ulmer diesmal von Beginn an hellwach - und Trainer Ty Harrelson überraschte mit einer ungewöhnlichen Wechselstrategie.
Nelson Weidemann war als Spielmacher in die Ulmer Startformation beordert worden und der Nationalspieler bedankte sich gleich mit drei starken Aktionen. Erst der Alley-oop-Pass auf Joel Soriano nach 20 Sekunden, dann legte Weidemann selbst einen Dreier und einen Korbleger nach. Ulm führte mit 7:0, die erste Hamburger Auszeit war nach nicht einmal zwei Minuten fällig. Der Ulmer Vorsprung wuchs trotzdem noch weiter an auf 10:0 und 15:2. Mitte dieses ersten Viertels wechselte Trainer Ty Harrelson dann zum ersten Mal alle fünf Spieler aus. Tommy Klepeisz, Tobias Jensen, Diego Garavaglia, Alec Anigbata und Christian Sengfelder dominierten die Partie nicht mehr ganz so klar wie zuvor Weidemann, Mark Smith, Justin Simon, Chris Ledlum und Soriano. In die erste kurze Pause ging es nur noch mit einem 29:20-Vorsprung. Kurz vor dem Ende dieses Viertels entging zudem Ledlum nur knapp einer Disqualifikation. Die Schiedsrichter schauten sich seinen Schlag gegen Zacharie Perrin noch einmal am Monitor an und beließen es dann doch bei einem unsportlichen Foul.
Trotzdem: Was Ratiopharm Ulm bis dahin gespielt hatte, das war um Lichtjahre besser als das, was die Mannschaft drei Tage zuvor im ersten Gruselviertel gegen Alba Berlin abgeliefert hatte. Noch mehr ging allerdings nicht. Nach vier Minuten im zweiten Viertel war die Führung vielmehr auf sieben Punkte geschmolzen (32:25). Es folgte der nächste Ulmer Fünferwechsel, aber der offensive Flow des ersten Spielabschnitts war jetzt ein bisschen dahin. Am Ende dieses Viertels wurde es dann erneut hitzig. Ty Harrelson regte sich mächtig auf, nachdem ein vermeintliches Foul an Weidemann beim Korbleger nicht geahndet worden war und kassierte dafür ein technisches Foul. Weil der Hamburger Kollege Benka Barloschky zu dem Thema auch etwas zu sagen hatte, passierte einfach gar nichts. Die technischen Fouls hoben sich auf, die Ulmer gingen mit einem 42:32-Vorsprung in die Kabinen.
Die Sache mit den Fünferwechseln zog der Ulmer Trainer an diesem Abend durch, seine Mannschaft hielt im dritten Viertel auch in immer wieder komplett anderen Besetzungen über längere Zeit eine Führung zwischen zehn und 15 Punkten. Drei Minuten vor dem Ende dieses Spielabschnitts kam Hamburg zwar kurz auf fünf Zähler ran, aber Jensen und Anigbata sorgten mit zwei Dreiern nacheinander schnell wieder für Entwarnung. Der 61:51-Vorsprung vor dem Schlussviertel war aber natürlich trotzdem noch längst keine Sieggarantie.
Die Führung rutschte auch tatsächlich mehrfach wieder in den einstelligen Bereich. Fünf Minuten vor Spielende war bei Ulm der vierte und letzte Fünferwechsel fällig. Aufs Feld kam unter anderem Tommy Klepeisz und der machte 40 Sekunden nach seiner Einwechslung mit einem langen Zweier zum 74:61 fast schon den Deckel drauf. Die Ulmer haben also innerhalb von wenigen Tagen bewiesen, dass man ein Basketballspiel durchaus in den ersten Minuten verlieren kann - siehe Berlin. Und dass man es auch in den ersten Minuten gewinnen kann - siehe Hamburg.
Die eigenwillige Ulmer Wechselstrategie war hinterher in der Pressekonferenz Anlass für ein launiges Geplänkel unter den Trainern. Harrelson wollte dazu eigentlich gar nicht viel sagen: „Das sind taktische Dinge.“ Aber er gestand ein: „Das habe ich vorher noch nie in meiner Trainerkarriere gemacht.“ Der grinsende Hamburger Kollege Barloschky sagte: „Uns habt ihr damit jedenfalls überrascht.“ Der noch breiter grinsende Harrelson ballte die rechte Hand zur Becker-Faust: „Yes. Das ist noch einmal so etwas wie ein kleiner Sieg.“
Ratiopharm Ulm: Soriano (13 Punkte), Anigbata (11), Ledlum (10), Weidemann (10), Klepeisz (9(, Sengfelder (9), Smith (8), Simon (4), Osborne (4), Jensen (3), Garavaglia.
Beste Hamburger Werfer: Daniels (32 Punkte), Perrin (11), Breunig (9), Ogbe (7).
Beste Ulmer Dreierschützen: Anigbata (2/5), Weidemann (2/7).
Beste Ulmer Rebounder: Jensen (9), Soriano (8), Ledlum (7).
Ulmer Trefferquote: 39 Prozent (28/72).
Ulmer Dreierquote: 29 Prozent (9/31).
Ulmer Freiwurfquote: 89 Prozent (16/18).
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