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Ulm
14.06.2022

Der Streit im Ulmer Verschwörhaus eskaliert

Ein Bild von der Kulturnacht aus dem Ulmer Verschwörhaus. Nun krachte es hier.
Foto: Alexander Kaya (Archivbild)

Der Verein Verschwörhaus fliegt aus dem Verschwörhaus der Stadt Ulm raus. Die Darstellung des Konflikts von Verein und Verwaltung unterscheiden sich deutlich.

Das kracht heftig unter dem Gebälk des Verschwörhauses am Ulmer Weinhof. "Die Stadt Ulm will den Ehrenamtlichen ihren Namen wegnehmen und wirft uns aus den Räumlichkeiten am Weinhof", teilt der Verein mit. Die Stadtverwaltung habe keinerlei Verständnis für ehrenamtliches Engagement erkennen lassen und habe zuletzt "sogar hinter unserem Rücken" den Begriff Verschwörhaus als Marke angemeldet - dagegen habe der Widerspruch eingereicht.

Das Verschwörhaus liegt neben dem Schwörhaus in Ulm

Das Verschwörhaus - ziemlich direkt neben dem echten Schwörhaus gelegen - hatte die Stadt einst als eine Art "Bolzplatz" für die Digitalisierung konzipiert. Menschen sollten hier einen Rahmen bekommen, um ihren Spieltrieb in Sachen Computer zu frönen - um das Thema Digitalisierung breit aufzustellen.

In einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 3. Juni hat sich der Verein nach Darstellung der Ulmer Stadtverwaltung dagegen entschieden, den Widerspruch gegen die Markenanmeldung der Stadt zurückzunehmen. Damit habe er sich in der Konsequenz auch gegen die mit der Stadt erarbeiteten Nutzungsvereinbarung entschieden - folglich auch gegen die weitere Nutzung der Räume im Verschwörhaus. Ein "Rauswurf" in schöneren Worten. Oberbürgermeister Gunter Czisch bedauert diese Entscheidung laut einem schriftlichen Statement sehr: "Die Stadt hat sich intensiv darum bemüht, dass der Verein im Verschwörhaus bleibt. Wir schätzen die Arbeit des Vereins und der Community sehr."

So sieht der Verein den Streit mit der Stadt

Dieses "intensive Bemühen" beschreibt der Verein jedoch ganz anders: In der Darstellung des Vereins ist die Rede von nervenaufreibenden, persönlich auslaugende Verhandlungen, die nicht auf Augenhöhe stattgefunden hätten. "Jetzt wirft uns die Stadtverwaltung auch aus den Räumlichkeiten am Weinhof." Dem "Nutzungsvertrag" habe der Verein nicht zustimmen können. Denn damit habe die Stadt erzwingen wollen, dass der Verein den Namen und öffentlichen Kanäle (Webseite, E-Mail-Adresse) abgeben muss. Damit wären auch inhaltliche Gestaltungsmöglichkeiten abhandengekommen.

Offenbar ist nicht nur der Streit um den Namen ein Streitpunkt: Der Verein beklagt zunehmenden Druck, der bereits seit längerer Zeit auf dem Verein laste, weil die Stadtverwaltung offensichtlich Ehrenamt nicht verstehe. "Wir sind keine städtischen Mitarbeitenden, die Arbeitsanweisungen ausführen und verpflichtende Termine zu beliebigen Zeiten vormittags an einem normalen Arbeitstag wahrnehmen können. Wir machen das in unserer Freizeit. Mit viel Liebe, Engagement und Flexibilität, aber neben Schule, Ausbildung, Studium oder unserer eigentlichen Lohnarbeit."

Nun will der Verein an einem neuen Ort - der noch gefunden werden soll - zurück zu den Wurzeln, die vor sechs Jahren zu sprießen begannen: Er will ein offener Ort sein, an dem die ehrenamtliche Verschwörhaus-Community ein offenes Programm für die Ulmer Stadtgesellschaft gestalten kann.

Hier in Ulm wurde Lorawan etabliert

Trotz des Streits gilt Ulm mit dem Verschwörhaus als vorbildlich. In keiner anderen Kommune in ganz Deutschland ist bislang eine solche verwaltungsseitig unterstützte Community entstanden. So sehen es zumindest die Unterstützenden eines offenen Briefs unter dem Titel "Verschwörhaus Bleibt". Ein plakatives Beispiel stelle das Ulmer "Lorawan-Netz dar". Unter anderem sei das Konzept eines gemeinnützigen Community-Netzes - verbunden mit Open Data - vom Digitalgipfel der Bundesregierung in dem Positionspapier “OpenRegion” übernommen worden. Als Auszugstermin wurde von der Stadt eigentlich der 13. Juli angestrebt. Doch am Dienstag, 14. Juni, tausche die Stadt Ulm die Türschlösser aus. "Buchstäblich über Nacht und ohne Ankündigung", teilt der Verein mit.

Verein Verschwörhaus kritisiert den Austausch der Schlösser

Der neu eingesetzte Hausleiter Niklas Schütte hatte Anfang Mai seine Stelle im Weinhof angetreten, auch mit der Zustimmung des Vereins, der laut Stadtverwaltung am Auswahlverfahren beteiligt war, angetreten. In einer vom Verschwörhaus-Verein verbreiteten Mail zum Tausch der Schlösser rechtfertig er den Schritt so: "Als Leiter des Verschwörhauses bin ich verantwortlich für die Räumlichkeiten und das Inventar der Stadt Ulm im Weinhof 7-9 EG und UG. Daher muss ich als Leiter vernünftiges Risikomanagement betreiben und dieser Verantwortung gerecht werden. […] Diese beinhaltet unter anderem den geregelten Zugang der Räumlichkeiten durch Vereinsmitglieder und Community in dieser für alle Beteiligten angespannten Situation. Aktuell kenne ich nicht die einzelnen Sichtweisen von jedem Communitymitglied, welcher mit einem eigenen Schlüssel Zutritt zu den Räumlichkeiten hat. Daher kann ich auch nicht das Risiko einschätzen, das z.B. von einem auf den anderen Tag die Räumlichkeiten komplett leer stehen oder ähnliches. Da ich nicht einen Monat 24 Stunden im Weinhof campieren möchte, musste ich leider heute die Schlösser austauschen." Es gehe in diesem Punkt nicht um eine weitere Eskalationsstufe, sondern um seine Verantwortung welche er wahrnehmen müsse. Der Verein wertet das Verhalten hingegen als "umfassenden Vertrauensentzug zu der Gruppe der Aktiven".

Schütte hat nach eigenen Angaben viele Sichtweisen des Vereins unterstützt, um einen Kompromiss zu erwirken. "Letztendlich muss ich feststellen, dass die Kompromissbereitschaft des Vereins in vielen Punkten doch schnell an Grenzen stieß", wird Schütte von der Stadt zitiert. Schütte schaue dennoch unvermindert optimistisch in die Zukunft: "Ich baue darauf, mit Unterstützung aus Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft das Verschwörhaus als Begegnungsstätte rund um den digitalen Wandel und der digitalen Teilhabe weiterzuentwickeln."

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15.06.2022

Alles sehr unglücklich gelaufen. Hier sieht man wieder wie wichtig Kommunikation ist, bei der man miteinander spricht und nicht aneinander vorbei.
Ich war ebenfalls ein Jahrzehnt ehrenamtlich in Ulm unterwegs und verstehe den Verein sehr gut.
Die Stadt hat sich hierbei wirklich nicht mit Ruhm bekleckert, im Gegenteil. Und Herr Schütte hat wohl in Sachen Diplomatie und Empathie nachholbedarf. Ich habe die Sache nun über die Zeitung verfolgt und hatte schon nach dem ersten Artikel das Gefühl, dass es hier brodelt. Also, als außenstehender Zaungast war mir klar, dass es hier viele Fettnäpfchen und Fallstricke gibt. Daher verstehe ich nicht, warum Herr Schütte so unsensible vorgegangen ist. Da war der Streit ja vorprogrammiert genauso wie bei der Markenanmeldung...

Meiner Meinung nach schadet die Stadt der Marke "Verschwörhaus" mehr als uhr momentan bewußt ist. Sehr schade.

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