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Ulm
14.05.2022

Ulmer Tradition Fischerstechen: Nass oder trocken, das ist hier die Frage

Im Ulmer Schwörhaus ist jetzt eine Ausstellung zum Fischerstechen und zum Jubiläum des Schiffervereins zu sehen.
Foto: Laura Mielke

Zum 100-jährigen Bestehen des Ulmer Schiffervereins sowie der Tradition des Fischerstechens ist im Schwörhaus eine neue Ausstellung zu sehen. Das wird geboten.

Trocken oder nass? Das ist nicht nur die entscheidende Frage beim Fischerstechen, sondern auch der Titel der Sonderausstellung im Ulmer Schwörhaus. Anlass ist das 100-jährige Jubiläum des Schiffervereins und das Fischerstechen, das nach fünfjähriger Pause heuer wieder stattfinden kann. Die Geschichte des Brauchs reicht jedoch deutlich weiter zurück.

Die Tradition des Fischerstechens reicht weit zurück

Seit dem 16. Jahrhundert gibt es das Fischerstechen in Ulm. Einen ersten Nachweis lieferte 1549 ein spanischer Hofberichterstatter, der den Prinzen Philipp auf der Durchreise begleitete. Der Brauch wurde von den Fischer- und Schifferfamilien von Generation zu Generation weitergegeben. Und damit die Figuren: die Weißfischer, das Bauernpaar und die Narren. Später kamen Personen aus der Ulmer Geschichte und Originale, wie der Ulmer Spatz, hinzu. Die Regeln blieben über die Jahre immer dieselben. Wer am längsten trocken bleibt, hat gewonnen. Wer ins Wasser fällt, in die Zille tritt oder den Speer verliert, gilt als nass – und hat damit verloren.

Ulmer Tradition Fischerstechen: Nass oder trocken, das ist hier die Frage
37 Bilder
Finale beim Fischerstechen 2017 in Ulm
Foto: Alexander Kaya

Die Tradition wird bis heute fortgesetzt. Was als Fastnachtsbrauch begann, wurde um 1600 in den Sommer, zum Schwörmontag, verlegt. Grund dafür war eine Ressourcenknappheit infolge einer kleinen Eiszeit, des Krieges und Seuchen. Im 19. Jahrhundert lebte der Brauch nur zu besonderen Anlässen wieder auf, etwa bei Herrscherbesuchen oder Festen. Seit 1950 findet es nun alle vier Jahre statt. In der Ausstellung im Schwörhaus können Besucherinnen und Besucher die Geschichte des Brauchtums nachvollziehen. In fünf Kapitel gegliedert erklärt die Ausstellung das Stechen, den Festzug, die Ursprünge, die Fischerfamilien und das Handwerk der Fischer und Schiffer. Gestaltet wurde sie von Wolf-Henning Petershagen, einem Ulmer Journalisten und Historiker.

Der Ulmer Schifferverein veranstaltet am 24. und 31. Juli 2022 das Fischerstechen

Zum Stechen gehört seit jeher ein Festumzug, der auf einen Heischebrauch zurückgeht. Dabei zogen junge Fischergesellen, die am Stechen teilnahmen, durch die Stadt. Gemeinsam mit Musikern und den traditionellen Figuren des Bauern, der Bäuerin und des Narren. Sie sammelten dabei mit ihren Gabenspeeren kleine Geschenke ein. Diesen "Collectationszug" gibt es noch heute. Auch traditionelle Zunfttänze und der Fischermarsch (die Ulmer Hymne) gehören dazu.

Beim Collectationszug werden Geschenke an die Stäbe gehängt.
Foto: Andreas Brücken

Dass der Umzug früher chaotisch ablief und die Fischergesellen eine gewisse Narrenfreiheit genossen, lässt sich in der Ausstellung an einer Aufzeichnung nacherleben: "Wein, Bier, Brandtewein, Brod, Käse [...]. Alles wird untereinander hinein gesoffen und gefressen, so daß man sich nur wundern muß, wie die Leute gesund bleiben können. Wir Weichlinge würden davon freilich krank werden, aber diesen Athleten schadet nichts." Da das Fischerstechen später nur zu besonderen Anlässen veranstaltet wurde, verlief es dann geordneter.

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In der Ausstellung geht es nicht allein ums Stechen, sondern auch um die Geschichte der Schiffer und Fischer und welche Rolle sie für die Stadt Ulm hatten. Sie transportierten ganze Kriegsheere, Lokomotiven und Schienen, bis sie von diesen abgelöst wurden. Das letzte Ulmer Transportschiff legte 1897 ab. Es hatte eine Tragkraft von 200 Tonnen. Erst 25 Jahre später, am 31. August 1922, kamen vierzehn Nachkommen der Ulmer Schifferfamilien zusammen und gründeten den Schifferverein. Darum feiern sie heuer ihr 100-jähriges Bestehen.

Susanne Grimmeiß, Räse und Vorsitzende vom Fischereiverein in historischer Tracht.
Foto: Andreas Brücken

Die traditionellen Gewänder, die noch heute von den Teilnehmenden getragen werden, sind ebenfalls im Schwörhaus ausgestellt. Unverheiratete Frauen tragen alle die gleiche Tracht mit schwarzer Kappe; verheiratete Frauen haben noch den gleichen Schnitt, aber unterschiedliche Gewänder sowie eine goldverzierte Kopfbedeckung. Susanne Grimmeiß, Vorsitzende des Ulmer Schiffervereins, trägt diese Tracht mit Stolz und ergänzt sie, als erste Frau an der Spitze, mit dem traditionellen Beil. "Das hatten bislang nur die Männer", sagt sie. Bei ihrer Amtseinführung hatte das darum für Diskussionen gesorgt, doch sie setzte sich durch. "Es ist ein Symbol meiner Stellung", sagt Grimmeiß. Im Juli hält sie bei der Verwilligung des Fischerstechens ihre erste Rede. Am 24. und 31. Juli wird das Fischerstechen ausgetragen. Zwischen Donaufest und Schwörfest veröffentlicht das Stadtarchiv zudem ein Buch zur Donauschifffahrt im 19. Jahrhundert.

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